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Mein Judentum ist bunt

Bunt wie die Streifen dieses Tallits. Ich sage immer, dass ich nicht sonderlich religiös sei – doch irgendwie stimmt es doch nicht. Ja, ich gehe schon lange in keine Synagoge mehr. Es ist wohl ähnlich, wie bei vielen Christen, der richtige Ort fehlt, der in dem ich mich wohl fühle. In Berlin geht es vielen Juden – trotz der Auswahl so. 
Mein Judentum ist bunt, weil ich mich nicht in die hier in Deutschland etablierten Richtungen einordnen lasse. Das progressive Judentum, dem ich mich zurechnen würde, hat nach einem Aufschwung in den späten 90ern, Anfang der 2000er wieder nachgelassen. Grund meines Erachten, mangelde finanzielle Unterstützung durch die doch meist sehr konservativ bis orthodox geprägten Gemeinden des Landes. Spät erst wurden auch progressive Gemeinden vom Zentralrat anerkannt. Zu spät für die eine oder andere Gruppe. 
Nachdem ich heute morgen geradezu zugeballert wurde mit Bibelversen, Psalmen und Belehrungen, weil ich gestern am Schabbat arbeitete, schreibe ich nun diese kleinen Zeilen über mein Judentum. 
Der Rabbi sagte einst, Schabbat ist, wenn Du Schabbat machst. Das mag nicht jedem einleuchten. Ist aber für mein Leben in den letzten Jahren von zentraler Bedeutung gewesen. Ich konnte mir nie aussuchen, ob ich am Schabbat arbeiten musste oder nicht. Meist aber hatte ich irgendwann einen freien Tag…auch nicht jede Woche. Wenn, dann aber war das mein Schabbat. Mein Tag für mich und meine Ruhe, meine Pause. Es hat einen Grund, warum uns dieser Tag gegeben wurde, und nicht nur uns, auch denen die für uns arbeiten, den Menschen und den Tieren. Wir brauchen diese Pausen – heute nicht weniger als damals. Doch es soll Pause sein. Kein Zwang, keine Hektik, kein Stress, was man nun machen darf, was nicht.
 
Ich glaube nicht an die Ankunft eines Messias in Menschengestalt, noch glaube ich an die Wiedererrichtung des Tempels in Jerusalem, noch Wiedereinführung der Tieropfer. Woran ich glaube ist eine „messianische Zeit“, die aber nur wir selbst herbeiführen können, die niemand für uns wunderartig auslösen kann. Wie weit wir davon entfernt sind, sehen wir jeden Tag in den Nachrichten. Aber vielleicht ist es auch das, der Glaube, dass es jemand anderes für die Menschen übernimmt?
Ich glaube daran, dass alle Menschen gleich sind. Egal, welche Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Herkunft oder Religion sie haben. Wenn es denn so etwas, wie einen Himmel gibt, so wird ihn jeder erlangen – solange er ein guter Mensch ist. Eintrittskarten in Form der „richtigen Religion“? Mumpitz.
Ich glaube daran, dass wir Juden eine Pflicht haben: ethisches Vorbild zu sein. Wir sind es bei weitem nicht alle und andere, Nichtjuden, sind um Einiges weiter und sind Vorbild – zumindest für mich. Doch die Aufgabe wurde uns mitgegeben. So sehe ich das „Ausgewähltsein“. Nicht anders.
Ich glaube nicht daran, dass die Tora wörtlich von G’tt zitiert wurden. Sie sind menschengemacht. Doch sie bergen unsere Geschichte, unsere Entwicklung an der wir von Generation zu Generation weiter arbeiten müssen. L’Dor ve Dor. Jede Generation hat die Pflicht, die Schriften auszulegen, in ihrer Entstehungszeit und ihrer Bedeutung heute. Es gibt reichlich Gesetze, die heute keinen Sinn mehr machen. Neue Fragestellungen hingegen treten auf, denen wir uns stellen müssen. So war es schon immer. Sonst gäbe es uns wohl auch nicht mehr, wenn wir dazu nicht in der Lage wären. 
Ich bete keine Gebete, deren Inhalt für mich keine Bedeutung hat. So bete ich z.B. nicht für die Wiedererrichtung des Tempels. 
Frauen und Männer sind für mich im G’ttesdienst und im Leben gleich. Auch, wenn ich keine der kippatragenden Frauen bin, so sind Rabbinerinnen für mich nicht weniger gute Lehrer als Rabbiner. Viele G’ttesdienste in Deutschland wären gar nicht möglich, würde man die Frauen nichts zum Minjan hinzuzählen. Es ist für mich wichtig, dass ich auch zur Tora gerufen werden kann – auch, wenn ich nicht sonderlich begierig danach bin.
Es gibt noch einige Punkte, die ich hier erwähnen könnte, so z.B. spielt es für mich auch keine Rolle, ob ein Kind eine jüdische Mutter oder Vater hat, um Jude zu sein. Jude ist Jude, so auch nach einem Giyur. 
Das Judentum war und ist pluralistisch. Es gibt nicht DAS Judentum. Es gibt durchaus auch bei uns Dogmatiker, die mich abstoßen. Denn ich sehe sie nicht in der Tradition, in der wir leben. Und ja, ich habe ein Problem damit, wenn man mir vorschreiben will, wie ich zu leben habe. Denn alles was zählt ist doch das eine: ein guter Mensch zu sein. Darum bemühe ich mich jeden Tag. Und ist das nicht die Essenz:
Was dir verhaßt ist, das tue deinem Genossen nicht an! 

Niemand sollte jemand anderen von der Richtigkeit seines eigenen Glaubens, seiner Tradition überzeugen müssen und wollen. Wenn wir alle uns einfach so nähmen, wir wir sind, uns respektierten und nicht niedrigerstellten, wären wir dieser messianischen Zeit schon um Einiges näher. Jeder Mensch sollte seinen eigenen Weg dahin finden, einen friedvollen Weg. Das ist mein Judentum.

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