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Frau Noach aus Beer Sheva

Israel ist unter Beschuss, seit Monatsbeginn mehr als lange Zeit. Die Illusion zu denken, dass davor keine Raketen aus palästinensischem Gebiet abgeschossen wurden, schaffen die Medien recht gut. Und dennoch, jedes Mal, wenn ich höre, dass Raketen in Beer Sheva „landen“ geht es mir besonders nahe.

Jeder hat seine persönlichen Verbindungen irgendwie in den nahen Osten. Ich habe viele gute Freunde in Israel, die allerdings selbst schreiben können und es auch tun, wie es ihnen geht. Ein paar findet man oben in meiner Blogroll. Und ich habe auch Freunde, deren Familien mit dem Gazastreifen verbunden sind…sie diesen allerdings verlassen haben, mussten, konnten. Ein Leben dort aufzubauen erscheint sinnlos. Vermutlich ist es diese Sinnlosigkeit, das Verlassen der Menschen, die bewegen würden, etwas aufbauen, was zur Desillusion führt…ich weiß es nicht. Möchte aber dennoch auf Chajms Beitrag und die Zahlen lenken, die doch zu denken geben.
Zurück zum eigentlichen Thema…Beer Sheva und Frau Noach.

Ich denke immer an Frau Noach…höre sie, wie sie mit etwas zittriger Stimme zu mir sagt: „Sie werden uns ins Meer treiben. Ich hoffe nur, ich werde das nicht mehr erleben.“ Ich hoffe, dass Frau Noach diese Eskalation jetzt in den letzten Wochen nicht mehr erleben musste. Sie hatte schon zuviel erleben müssen in ihrem Leben.

Ich lernte Frau Noach im Zuge der Vorbereitung für die Ausstellung Heimat und Exil im Jüdischen Museum kennen. Sie war eine von hunderten die dem Aufruf des Museums folgten und uns ihre Exilgeschichte und vor allem, was danach geschah, nach dem sie Deutschland verlassen mussten, erzählten. Mit vielen habe ich korrespondiert, telefoniert…zu Frau Noach entwickelte sich eine besondere Bindung. Frau Noach, die sich nirgendwo mehr zuhause fühlte…wieder Deutsch sprach und immer wieder sagte. „Uns will niemand. Nirgendwo. Passen Sie auf sich auf. Auch, wenn es jetzt gut ist, irgendwann wird es wieder anders sein.“

Frau Noach wurde in Essen geboren, bald zur Adoption freigegeben und durch ein kinderloses (nichtjüdisches) Paar adoptiert. Die „Mama“ sorgte auch dafür, dass Eva als junge Frau nach England emigrieren konnte. Eine Zeit der großen Einsamkeit, wie sie sagte. Sie erzählte mir von einem Ort, den eine „echte Lady“ geschaffen hatte. Den Namen habe ich vergessen. Dieser Ort war ihr zuhause, dort wurde sie als „Deutsche“ nicht verurteilt. Dort wurden Mädchen wie sie warm empfangen und sie durften soetwas wie Spaß haben, ihnen wurde geholfen..für Frau Noach war es das zuhause in dieser Zeit – bis die Bomben kamen.

Nach dem Krieg, die „Mama“ hatte in Deutschland überlebt, hoffte sie auf eine Rückkehr Evas, dass sie in Deutschland heiraten würde. Eva konnte das nicht…ein Bruch zwischen den beiden. Sie heiratete einen niederländischen Juden, ging mit ihm in die Niederlande. Sie sagte, man verstand sich eben, hatte die gleiche Geschichte…er starb bald an den Folgen der medizinischen Tests im KZ, begangen an ihm. Wenn sie von ihm erzählte, spürte ich all die Liebe, die sie noch immer empfand. Der Verlust. Schmerz.
Sie versuchte zu entfliehen, ging mit ihrem Kind nach Israel, heiratete…lebte dort und wurde dennoch nie heimisch. Sie sprach Ivrith, lange gar kein Deutsch mehr…und als wir aufeinander trafen erzählte sie mir so viel. Wir telefonierten wöchentlich. Sie erzählte mir, dass sie jetzt doch in ein Heim gehen müsse…wo all die alten Leute seien. Sie wollte es nicht, sah aber, dass es besser war. Inzwischen war sie fast blind. Die Kinder lebten nicht mehr im Land. Und Frau Noach hatte jede Woche Angst…dort im Süden in der Wüste.

Irgendwann kamen meine Briefe zurück. Ich hörte nichts mehr von ihr. Doch ich vergesse sie nicht. Und jedes Mal, wenn ich höre, dass Raketen auf Beer Sheva abgefeuert wurden denke ich zuerst an sie…und ihre Angst. Nie konnte sie ohne sie sein in ihrem Leben.

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