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Ein paar Worte zum Thema Angst

Seit Tagen nun versuche ich, meine Gefühle in Worte zu fassen. Es ist schwer, etwas beschreiben zu wollen, was man vielleicht als Außenstehender nicht nachvollziehen kann. Angst. Angst ist wieder vorhanden seit dem Hochkochen des Konflikts im Nahen Osten. Es ist nicht mehr nur die Angst um die Freunde, die direkt betroffen sind, die Sorge um ihr Wohlergehen…die Sorge um Frieden im Allgemeinen.


Es ist eine ganz direkte persönliche Angst vor den Dingen die kommen und gekommen sind. Mir ist aufgefallen, dass die „jüdische Gemeinschaft“ zumindest im Netz etwas enger zusammengerückt ist. Das passiert immer, vielleicht ganz unbewusst, wenn wieder eine Welle der Gewalt – irgendwo auf der Welt – losbricht. Es ist seltsam. Selbst, ich, die ich nicht mehr so in die Gemeinde  oder schlicht jüdische Netzwerke an sich integriert bin, fühle mich dort sicherer, vermeindlich verstandener. Auch, wenn die Meinungen sehr sehr weit innerhalb auseinanderliegen. Denn ich denke sehr wohl an die Menschen, die direkt in Gaza betroffen sind. Nicht an die Extremisten, sondern an die ganz normalen Familien, die misbraucht werden für einen Krieg, der doch keinen Frieden, sondern nur Vernichtung will. Plötzlich ist man mit Menschen verbunden, die man vorher nicht kannte. Alle scheinen näher zu rücken, sich gegen „das da draußen“ zu wappnen.

Es ist ein seltsamer Reflex, der nicht neu ist. Zufällig las ich gerade für eine Hausarbeit einen alten Text von Ludwig Wächter, „Gemeinschaft und Einzelner im Judentum“. Mein thematischer Schwerpunkt liegt hier auf etwas anderem, dennoch fiel mir doch eine Passage auf Grund ihrer Aktualität auf. Er müht zunächst Fragen der Generationen- und Lebenseinheitenbindung. Dinge, wie sie in den Schriften zu finden sind…dennoch:

Nun ist nur die Frage zu stellen, wie es dazu kam, daß in all den politischen und sozialen Umwälzungen, die das Volk Israel, namentlich durch das Exil, erleiden mußte, mit den umfassenderen Gemeinschaftsformen nicht auch die kleineren Lebenseinheiten vernichtet wurden. Es hätte doch auch, wie bei ähnlichen Vorgängen bei der Bevölkerung der hellenistischen Welt, zu einer weitgehenderen Vereinzelung und Vermassung der Menschen kommen können. Eine Antwort läßt sich hier erst teilweise geben: Dadurch, daß die Israeliten im Exil sich von der übrigen Bevölkerung in ihrer Eigenart stark abhobe und nicht gewillt waren, diese Eigenart aufzugeben, waren sie genötigt, zusammenzuhalten. Dieser Zusammenhalt konnte kein theoretischer sein, sondern mußte sich praktisch im Leben vollziehen; […]. Worin die besondere Eigenart der Israeliten bestand und warum sie sie nicht aufgeben wollten, bleibt noch eine offene Frage. Sie läßt sich erst aus der Stellung des einzelnen Israeliten zu seinem Volk und seinem Gott beantworten.

Die Antwort kann auch ich nicht geben. Ich stelle selbst die Frage. Ich merke nur dieses Zusammenrücken. Es geht nicht darum, dass „wir“ alle für Israel sind. Vielmehr geht es darum, wie die Welt und die Medien reagieren. Selten, gerade in Deutschland, wird geschrieben und berichtet in der Art, in der die Menschen ein Bild von beiden Seiten erhalten. Nie wird klar gemacht, dass „wir“ Juden hier in Deutschland nicht Vertreter Israels und erstrecht nicht des Präsidenten sind. Niemand merkt auf, dass unsere Synagogen keine Botschaften des Staates sind, wir selbst Deutsche, Russen, Franzosen, Amerikaner…es wird zugern von „den Juden“ gesprochen. Wie also, soll der „normale“ meist schlichte Kopf da einen Unterschied machen lernen?

Spätestens nachdem ein Mann hier in Berlin zusammengeschlagen wurde, Synagogen in Frankreich und auch hier in Deutschland angegriffen wurden, nachdem in Frankfurt auf Demonstrationen frei gerufen werden konnte, dass „Juden ins Gas“ sollten, spätestens da muss auch der Letzte begriffen haben, dass es hier nicht mehr um Israelkritik geht. Es geht um die Juden. Sie werden wie immer und durch alle Zeiten in Schutzhaft genommen, egal, wo sie auf der Welt leben. Und ja, das macht mir Angst. Es macht mir riesige Angst. Vielleicht jetzt noch mehr als in den letzten Jahren. Es geht mir nicht gut. Es gibt Tage an denen ich meine Trauer kaum im Griff habe. Ich versuche die Fassade aufrechtzuhalten, weiter zu funktionieren und kann doch so richtig mit niemandem darüber reden – außer eben mit jenen, die selbst zwangsläufig mit im selben Gefängnis sitzen. Ich lebe sozusagen zwei Leben, zwei Personen und halte es doch wie in Israel: Alltag weiterleben funktioniert am besten, um nicht der Angst komplett anheim zu fallen. Ich suche die Abwechslung, versuche irgendwie die Gedanken anders zu lenken…und doch, sie kehren immer wieder zu dieser Welt in der wir gerade leben zurück.
Wenn ich dann frage, Syrien? Dafur? Bitte werft all Eure Empörung und Energie darauf. Schaut, was im Irak vor sich geht, in Afghanistan! Die Menschen sterben und wir schauen zu oder haben uns schon längt abgewandt. Nur da lässt sich nicht so leicht der alte Feind ausmachen.

Nein, wie Chajm schon in „Jewish Germany and Operation Protective Edge“ fragt: „While things are getting rough, the silence of local and national
political leaders is disturbing. Is violence, verbally or physically
against Jewish institutions or people acceptable?
Are Jews currently safe in Germany?“

Ich weiß es nicht. Ich habe Angst und benenne diese auch hier und damit öffentlich. Die (vermeindliche) Unbeschwertheit, die uns doch größtenteils so lang hier begleitete ist gewichen. Und es kommen wieder Gedanken auf, wohin gehen? Wohin fliehen? Gedanken, mit denen sich Menschen hierzulande wohl eher nicht befassen (müssen).

Ja, wir rücken, auch virtuell wieder enger zusammen. So, wie es alle Menschen tun, so sie in Gefahr sind. Das ist kein gutes Zeichen. Macht Eure Augen auf und seht auch UNS.

Und nein es ist nicht gut, in Angst zu leben, für niemanden.

1 kommentar

  1. NOA NOA

    Und es kommen wieder Gedanken auf, wohin gehen? Wohin fliehen?

    NAch Israel, liebe Juna. Hier hast du eine andere Gefahr, aber die persoenliche im Alltagsleben zusammengeschlagen zu werden, weil du Juedin bist das ist hier seltener. Und – ein Vorteil, hier bist du von viel mehr Juden umgeben, als im Ausland – ausserhalb von IL. Hier sind wir zusammen, hier versteht man dich, auch ohne worte. Hier hast du die, die deine Angst teilen. Waehrend du dich in Dtland allein fuehlst mit deinen Aengsten. Gruss von Noa aus Jerusalem 🙂

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