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Und plötzlich ging’s ganz schnell – der Abschied Michael Blumenthals aus dem Jüdischen Museum und meine Erinnerungen

Noch vor kurzem sprach ich auf der re:publica mit Eva Söderman, einst Pressesprecherin und Kollegin im JMB darüber, wie es wohl weitergeht mit dem Haus. Das tun wir wohl alle, die wir zwar nicht mehr dort arbeiten, es aber weiter beobachten. Es war Lebenszeit, die wir dort verbrachten, Energie…und gerade in den Aufbaujahren sehr viel positive Energie, Ideen, Ideale, neue Wege. Was uns allerdings nicht in den Sinn kam, dass so schnell ein Wechsel an der Spitze anstehen würde. Gerade fing ein neuer geschäftsführender Direktor an, die Programmdirektorin arbeitet auch nach Erreichen des Pensionsalters weiter. Blumenthal selbst schien kein Thema zu sein. 
Vor acht Jahren hieß es, dass er mit 80 Jahren aufhören würde, er blieb. Der Neue, Peter Schäfer, wird es nicht leicht haben. Allerdings tritt er wiederum ein leichtes Erbe an, da Blumenthal ihn selbst empfahl. Wir werden sehen, wie es weitergeht. 

Mein Büro lag lange zwei von seinem entfernt. Blumenthal war ein eher selten physisch präsenter Direktor, da er die meiste Zeit in den USA lebte und uns quasi von dort dirigierte. Seine schon fast legendäre Sekretärin immer als ausführendes Organ für sein Leben hier in Berlin. War er im Haus, auch unangekündigt, wusste man es spätestens, wenn man den Fahrstuhl betrat. Der unverkennbare Zigarrengeruch würde einen die nächsten Tage begleiten – auch, nachdem es ein Rauchverbot für die Mitarbeiter gab. Der Rauch zog durch die Wände…man wusste bescheid. Gelitten haben jene, die mit dem Rauchen aufgehört haben, die Armen. 
Wenn er da war, hat er verlangt, vorlegen, was Neues war, wie man sich etwas vorstellte und was in Zukunft passieren soll. Oder aber, er kam und gab uns zwei drei Wochen, um fast parallel zum USHMM eine Aktionswoche zu Darfur zu machen – ein Thema, was bis dato in Deutschland keine Rolle spielte. Was daraufhin kam, waren schlaflose Nächte im Museum. Dennoch, wir haben es geschafft, eine Ausstellung, Konferenz, Projektion in der Öffentlichkeit…in der Hoffnung aufmerksam zu machen für ein Thema, das zu weit weg schien. Ich habe ihn noch im Ohr: „Wenn wir das nicht machen, wird es niemand machen. Wir müssen mit dem Finger darauf zeigen.“. Wir haben geflucht, ob der Arbeit, die auf uns zukam und dennoch war es eine meiner besten Erinnerungen. Etwas tun, was von Bedeutung ist. Zeigen, dass auch Museen sich in das tägliche politische Geschäft einmischen sollten, Zeichen setzen! Dafür bin ich ihm dankbar. 
Ich habe viel gelernt, sehr viel in diesen Jahren im Jüdischen Museum. Mehr als man es je in Ausbildungen, Studium und Volontariat lernen konnte. Das Ende war, wie bei vielen Mitarbeitern, kein Gutes. Inzwischen aber überwiegen die positiven Geschichten. 
Noch eine Geschichte verbinde ich mit Mr. Blumenthal. Ich weiß jetzt, wie man in Berlin einen veritablen Truthahn für Thanksgivin‘ herbekommt. Seine Sekretärin im Urlaub und er kurzentschlossen in Berlin, mit Familie und Freunden, um Thanksgiving hier zu feiern. Irgendwer musste den Vogel besorgen. Er soll geschmeckt haben, auch das Fest kam gut an. Ich werde Frau S. immer bewundern, sie war sehr viel mehr als seine Sekretärin und eigentlich ist das mehr ihre Geschichte. 
Jetzt, da er noch den Umbau der Ausstellung angeregt und in die Wege geleitet hat, ist es vielleicht wirklich ein guter Moment für einen Neustart, auch für einen Mann, der Spezialist im Thema ist, selbst Ideen für die Ausstellung und ihre Neuausrichtung haben wird. Man darf gespannt sein. 
Ich werde immer dazu gehören, zu jenen, die mit Blumethal gehen durften, mit seinen Zigarren, seinen Truthähnen und seinen plötzlichen Einfällen – die wir dann doch alle durchführten. Und irgendwie fehlt es mir manchmal…das Einmischen in die Geschichte heute. Wir Museumsmenschen sollten das öfter tun. Ohne Angst, die Finanzierung gekürzt zu bekommen.
Danke Mr. Blumenthal.

2 Comments

  1. Man riecht die Zigarren und sieht den Truthahn beim Lesen beinahe vor sich… danke auch für die Hommage an Frau S.

  2. Eigentlich hätte Frau S. die ganzen Artikel verdient. Meine persönliche Heldin dieser Zeit.

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