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Gespräche in dritter und vierter Generation

Ist es eigentlich ein Thema heute, was unsere Ahnen machten? Man
denkt gemeinhin, nein, kein Thema. Mein Erleben in letzter Zeit
allerdings ist das Gegenteil. Vielleicht mag es an der Zielgruppe
liegen, dennoch es ist ein Thema, was unseren Familien geschah während
des Krieges, was sie taten oder ließen.

Vorurteile, Misstrauen, Neugier?

Was man in diesen (gemischten) Gesprächen haben muss, ist Neugier.
Neugier auf diese anderen Geschichten, Offenheit. Muss ich jemanden
anders sehen, weil sein Urgroßvater bei der SS war? Nein, muss ich
nicht. Genauso, wie ich persönlich auch vom Gegenüber erwarte, nicht
anders gesehen zu werden, nur, weil wir vor 80 Jahren vielleicht auf
gegensätzlichen Seiten gestanden hätten. Ich behaupte nicht, dass das
einfach ist. Besonders nicht, wenn man stets mit Misstrauen aufwuchs,
mit schlechten Erfahrungen.
Betrachten wir die Geschichten von Flucht, von Großeltern, die in Lagern
um kamen, vom Verschwinden mit etwas distanzierterem Interesse, so kann
man lernen.

Nachteil der Neugier

Natürlich kann man bei diesem Thema auch Probleme bekommen, Probleme
in der Art, dass man merkt, dass sich die Ansichten des Gegen übers doch
plötzlich sehr von den eigenen unterscheiden. Das kann enttäuschend
sein. Letztlich aber, trotz des ersten Schocks, weiß man, woran man ist.

Hilfestellung

Vielleicht ist es auch, dass ich weitgehend vom Fach bin. Doch meine
eigene Suche nach meinen Wurzeln hat mir Erfahrungen gebracht, wie und
wo man suchen kann und sollte. Und so kann ich meine Erfahrungen
weitergeben, so sie gewünscht sind. Vermutlich weiß ich auch jemanden,
den man noch weiter fragen könnte.

Geschichten suche

Ja, ich bin neugierig. Ich bin ein Geschichtensucher. Vielleicht sind
wir jetzt als dritte, vierte Generation die ersten, die mit wirklicher
Neugier suchen können? Wir müssen keine alten Kader bekämpfen, wir
müssen nicht mehr mit dem Schweigen umgehen. Wir müssen uns nicht mehr
misstrauen. Wir sind Generationen von dem entfernt, was uns dennoch bis
heute prägte. Vermutlich wäre es nicht so, wenn nicht über all die Jahre
soviel geschwiegen wurde.

Regeln einhalten

Dennoch denke ich, dass es gut ist, bestimmte (ungeschriebene) Regeln
einzuhalten. Schwärmen für die “militärischen” Leistungen des
Urgroßvaters könnten beim Gegenüber recht unsensibel herüberkommen.
Genauso kann sich das Gegenüber auch überfordert fühlen, wenn man mit
der Liste der getöteten Verwandtschaft aufwartet. Auch, wenn es für
“uns” recht normal ist, so ist es das nicht für jemanden, der damit nie
konfrontiert war.
Ich glaube an Gespräche, glaube daran, dass wir diese unsäglichen
Hürden überwinden können, wenn wir uns Kennenlernen, uns ohne Vorurteil
unsere Geschichten erzählen. Es kann schmerzhaft sein, aber es bringt
uns zusammen. Und das Thema ist nicht tot, es taucht auf, wenn man nicht
damit rechnet. Die Geschichten sind da und sie sterben nicht durch das
Schweigen und Tabuisieren. Wir alle sind geprägt durch sie. Egal aus
welchem Land wir kamen, wo wir leben. Dieser Krieg wirkt noch
Generationen weiter. Wir haben aber eine Chance auf Heilung.

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