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Freundlichkeiten

Ein Erlebnis gestern, das mich irgendwie noch mehr beschäftigt, als ich es gern möchte, hat mich über Nacht noch viele Gedanken gekostet, die ich hier versuchen möchte, zu ordnen. Eigentlich sollte ich inzwischen daran gewöhnt sein, dass man uns deutschen Juden gelegentlich vorwirft oder zumindest sein „Erstaunen“ kundtut, dass wir hier „im Land der Täter“ leben. Es gab eine Zeit, über zehn Jahr ist das nun schon her, im Jüdischen Museum, da ist mir das quasi täglich widerfahren. Ich denke, das ist auch heute noch so für die Ausstellungsmitarbeiter. Die Varianten waren vielfältig. Gern war man auch mal der Nazi, der sich rächen will, weil man jemanden mit tropfnassem Mantel nicht in die Ausstellung ließ. Gut, das ist aber ein anderes Thema.

Was mich daran und eben auch an dem gestrigen Erlebnis beschäftigt sind mehrere Dinge. Vorweg, die Herrschaften gestern waren Israelis. Die Nationalität spielt hierbei allerdings keine Rolle. Mir ging es in den USA unentwegt so und es ist wirklich nicht schön, wenn jemand von vorneweg sagt, er würde nie nach Deutschland fahren, weil da sind ja alle böse.

Gestern nun war das nur der Endpunkt eines Gespräches das erst anders begann, nämlich mit dem Gegenteil. In den einschlägigen Einrichtungen können die Mitarbeiter bestimmt auch viel darüber erzählen. Behandlung von oben herab. Weder ein Hello! beim Betreten, noch ein freundlicher Blick des Wahrnehmens. Ich wurde schlicht ignoriert. Irgendwann tauchten dann aber doch Fragen auf, die ich freundlicherweise beantworten durfte. Mein Hebräisch reicht dann zumindest soweit zu verstehen, dass ich „vermutlich keine Ahnung hätte“. Ich gab zu verstehen, dass das wohl nicht so sei.  Nun ja, seltsamerweise schloss man aus meiner Reaktion, dass ich wohl ein MOT sein müsste (Member of Tribe). Dabei gibt es gerade in Berlin soviele Menschen ohne jüdischen Hintergrund, die Hebräisch sprechen, also wirklich, nicht so radebrechend wie ich. Der Ton und der Blick wurde etwas freundlicher, man sprach mit mir. Da ich aber weder Familie in Israel noch Intentionen hege Aliyah zu machen kam nicht gut an. Nun ja, man trennte sich in großer Distanz. Ich blieb perplex zurück.

Hier sind mehrere Dinge passiert. Ich wurde zunächst nicht als Mensch, sondern als offensichtlich feindliche oder zumindest als suspekte (deutsche) Person betrachtet. Dann kehrte sich das Blatt, ich war ja eine der „Ihren“, die nun aber nicht so ehrfürchtig ihre Zukunft im gelobten Land sieht, also eine abtrünnige wieder suspekte Person. Mich stören daran zwei Seiten. Es stört mich als Deutsche so behandelt zu werden, als wäre ich eine selbst eine potentielle Täterin und es stört mich als Jüdin behandelt zu werden als wäre ich weniger wert, weil ich im Land meiner Ahnen lebe.

Gleichzeitig stört es mich als Servicemitarbeiterin unfreundlich behandelt zu werden. Ich arbeite mit Herz im Service – auch, an schlechten Tagen. Ich bin immer freundlich, höflich und aufgeschlossen. Ich erwarte das auch von meinem Gegenüber. Allerdings habe ich inzwischen auch Ausgleich in einem anderen Job. Ich kann meine Kollegen verstehen, die inzwischen fast menschenfeindlich sind, da sie auch welche Art auch immer schlecht behandelt wurden. Ein kleines Plädoyer also für all die KassierInnen, FrisörInnen, Restaurantfachkräfte, Gesundheitspersonal, Museumsmenschen, einfach jedem der im Service arbeitet. Seien Sie einfach netter zu den Menschen. Man erträgt es nicht auf Dauer mit dem Hintern nicht angesehen zu werden, man erträgt es nicht auf Dauer übersehen zu werden, man erträgt es nicht auf Dauer, wenn Leute die schlechte Laune an einem auslassen, weil man gerade verfügbar ist. Und an die Servicekräfte: Wenn Sie merken, dass Sie nicht mehr freundlich sein können, nehmen sie Urlaub, eine Auszeit oder suchen Sie einen anderen Job. Sie sind es wert, dass Sie Spaß an der Arbeit haben können. Der Service macht Spaß aber er ist auch Knochenarbeit. Und er ist wichtig. Lächeln Sie, auch, wenn es schwierig ist. Manchmal bekommen Sie ein Lächeln zurück oder führen tolle Gespräche, die Sie bereichern und glücklich machen können. Ich trage ein kleines Glasherz mit mir, dass ich von einem Gast bekam mit dem ich ein, für uns beide recht bewegendes Gespräch führte. Menschen wie er sind der Grund, warum ich trotz allem meinen Job gern mache. Und warum ich auch solche Dinge wie gestern wieder vergessen kann – deshalb erschrickt es mich auch immer wieder aufs Neue so sehr.

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