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Trost

Es ist seltsam. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, vielleicht ist es auch, weil Weihnachten ist und die Menschen daher schon gefühlvoller…einsamer…ich weiß es nicht. Um Weihnachten herum erlebe ich meine Touren anders, als sonst. Die Menschen sind näher am Wasser gebaut. Vielleicht, jetzt, da ich es schreibe, liegt es aber auch daran, dass ihnen um Weihnachten besonders klar wird, dass ihr „Herr“ Jesus Jude war.
Um Weihnachten sehe ich mehr Tränen fließen, mehr Nasen hochziehen und höre mehr Entschuldigungen für das Unrecht, dass uns Juden angetan wurde. Den Rest des Jahres höre ist es fast   gar nicht mehr. Es ist mir recht. Ich kann nicht trösten, ich kann nicht vergeben, ich kann keine Absolution erteilen. Ich weiß, dass sich die Menschen den nehmen, den sie zu Hand haben, den Juden vor ihrer Nase. Doch, was soll ich, mit meinen Mitte 30 vergeben? Wieso wird von mir erwartet, dass ich Absolution erteile für etwas, an dem ich nicht beteiligt war? Es ist weder meine Aufgabe noch mein Recht. Ich kann es nicht. Ich will es nicht. Es belastet mich.
Zu oft, wie auch jetzt fühlt es sich an, als würde etwas auf mir abgeladen, was ich nicht tragen will und kann. Es mag sein, dass sich manch einer dazu berufen fühlt. Ich nicht. Es belastet mich, mich, die ich doch schon so genug zu tragen habe. An guten Tagen sehe ich es als gute Tat an. Denn so sie an mir abladen konnten, was sie an Schuldgefühlen belastet, fühlen sie sich besser. Es könnte so einfach sein. Doch eben mir geht es nicht besser. Ich schwanke von Unverständnis, Wut, Erschöpfung zu eben diesem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Heute ist nicht solch ein Tag. Warum soll ich das als gute Tat sehen? Warum soll ich mehr Last tragen, damit sich andere besser fühlen, nur, weil ich geboren wurde? Seltsam ist das. Ich will es nicht. Ich kann es auch nicht. Ich kann nicht spielen, ich kann nicht trösten und will es auch nicht. Noch weniger kann ich eben jene Absolution erteilen, die offensichtlich so gewünscht wird. Das kann niemand. Nie. Wenn es so etwas wie ein himmlisches Gericht gibt, so wird dort geurteilt. Nicht hier…nicht über Menschen, die nichts mit der Shoa zu tun hatten…außer die Eltern, Großeltern zu haben, die sie haben. Die anderen, die Täter sollen vor einem weltlichen Gericht stehen, und tun dies auch – auch noch heute.
Doch bitte…verlangt nicht alles von uns. Wir haben genug getröstet. Wir müssen schon mehr leben als unsere Großeltern und Eltern, erfüllen, was sie nicht erfüllen konnten. Ladet nicht alles an uns ab. Wenn Ihr verzweifelt seid, zu Tränen gerührt, das kennen wir. Lasst sie laufen…nur sucht den Trost woanders. Tut etwas gegen das Unrecht, was heute noch Menschen widerfährt, wenn sie nicht den richtigen Pass haben, wenn sie im falschen Land geboren wurden, wenn sie verfolgt werden. Schließt sie nicht (wieder) aus. Helft ihnen. Es braucht so wenig zu helfen.

כל המקיים נפש אחת מעלין עליו כאילו קיים עולם מלא 
(Jeder, der eine Seele erhält: es wird ihm angerechnet, als hätte er die ganze Welt erhalten)

2 Comments

  1. IWe IWe

    Mein Empfinden ist bei solchen "Absolutionsansprüchen", daß ich funktionalisiert werde. Wenn ich mich verweigere – so eine häufige Erfahrung, dann wird das Gegenüber in irgendeiner Form aggressiv.

    Für mich hat es sich – immer wieder, aber nicht immer – als hilfreich erwiesen, zurückzufragen: Warum erzählen Sie mir das?

  2. Danke, das ist ein guter Hinweis. Vielleicht sollte ich mich das einfach mal trauen. Mich macht es immer nur sprachlos, ich verstumme…und irgendwann versuche ich im Thema fortzufahren. Vielleicht aber sind solche Rückfragen eine gute Lösung. Danke!

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