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Begrifflichkeiten

Erst neulich bin ich über eine Diskussion gestolpert, die mich mehr als erstaunte. In einer Lerngruppe fragte eine Studentin um Tipps zu Begrifflichkeiten ihrer Hausarbeit bei denen sie unsicher war. An sich sehr gut, das zu fragen und zu hinterfragen. Wörter wie „Nazi“ z.B. gehen in dem Zusammenhang nicht. Auch, ob man „NS“ oder „KZ“ sagen dürfte wurde hinreichend diskutiert. Soweit so gut, alles Fragen wurden geklärt, es gab genug Spezialisten, die helfen konnten.

Dann aber plötzlich im Nachhinein die Nachricht, irgendein kluger Mensch habe abgeraten „Juden“ zu sagen, „jüdische Menschen“ oder „Menschen jüdischer Abstammung“ wäre besser. Es wurde absurd, es wurden andere Quellen zu Rate gezogen, in denen leider auch diese unsäglichen Begriffe standen und als Autorität angesehen. Wenn es da stünde, dann müsse es ja stimmen. Nein, muss es nicht. Das ist genauso überwundenes verquer verschwurbeltes „political correctness“ Sprech, wie das neuerdings aufgekommene „Menschen mit Migrationshintergrund“. Meine Güte. Wer denkt sich sowas aus? Warum muss ich mit Menschen noch immer diskutieren, dass das Wort Jude keine Beleidigung ist. Dass sie so die Verunglimpfung der deutschen Sprache mit übernehmen – in dem sie eben das Wort meiden, das doch schon so viel älter ist, als LTI. Dass wir uns nicht besser fühlen, wenn sie uns mit merkwürdigen Umschreibungen beschreiben, aus ständiger anerzogener Angst vor uns. Bloß nichts falsches sagen! Meine Güte, wir sind nicht aus Zucker und wissen sehr wohl, uns zu wehren, wenn uns etwas nicht passt. Nur sind wir eben nicht „Menschen mit (irgendeinem Defekt)“ sondern Juden. Daran ist nichts verwerfliches. Wir sagen doch auch nicht, „Menschen mit christlicher Herkunft“ oder „Mitbürger muslimischen Glaubens“. Wir sind Christien, Atheisten, Moslems, Buddhisten, was auch immer. Wir sind Pfälzer, Berliner und manchmal sogar Schwaben. Wir sind Menschen, natürlich, was auch sonst. Tiere oder Pflanzen denken sich so merkwürdige Dinge ja nicht aus. Nur schaffen diese Wortkombinationen die Distanz, die ihre Kreatoren vermutlich zu vermeiden suchten. Sie stellen uns in die andere Ecke. Sie machen ein: Die da und wir hier daraus. Nur, so ist es eben nicht. Juden sind Juden, ob sie jüdischen Glaubens sind, ja manchmal, sehr oft aber nicht. Wir sind Juden, ob wir wollen oder nicht. Per se und ohne Entscheidung. Wir können alle Religionen annehmen…nur werden unsere Nachkommen doch immer Juden sein. So einfach ist es. Es ändert auch kein anderer Begriff etwas daran. Und wisst Ihr, auch, wenn man sich das kaum vorstellen kann, daran ist nichts schlimmes! Es tut auch nicht weh. Manch einer macht sich nicht einmal Gedanken darüber.

Bei den Begriffen, Deutsche und Juden ist nicht das Wort Juden problematisch, sondern Deutsche. Denn es impliziert, dass alle Deutschen Täter waren. Das waren sie nicht. Was ist mit deutschen Homosexuellen, mit deutschen Sinti und Roma, mit Zeugen Jehovas, mit Widerständlern? An diesem Begriff „Deutsche“ in dem Zusammenhang sollte man feilen, ihn genauer betrachten. Bitte lasst uns Juden doch einfach das sein, was wir sind: Juden.

2 Comments

  1. NOA NOA

    ja, Juna, das ist selbst mir schon oft passiert. Dass man mich gekuenstelt fragte: Ach, und du bist jetzt …. ähh… jüdischen Glaubens?
    (Variante: du bist jetzt …. ähh hast jetzt den jüdischen Glauben angenommen?
    Variante: ah, du bist jetzt also ein Mensch jüdischen Glaubens?)
    Komplizierter gehts nicht oder? ich antworte dann immer : Ja, ich bin jetzt Jüdin.
    Aber andererseits muss ich auch ein wenig fuer die fragende Seite sprechen. oft ist viel Verunsicherung darin, durch die Nazis ist das Wort Jude zum Schimpfwort geworden und wird z.B auf dem fussballplatz, in der Schule (!!) als Schimpfwort benutzt ("Du…du JUDE!!") alles schon gehoert. Da kann ich mir schon vorstellen, dass man sich fragt: "hmm wie sag ich das jetzt ohne in die Nazi-schiene zu kommen?
    Aber dass man sich Gedanken macht, ist ja besser als keine Gedanken machen. DIe Verunsicherung scheint tief in der Gesellschaft zu stecken. Schade.
    NOa

  2. Ja, liebe Noa, das meinte ich mit "anerzogen". und was war zuerst da, das Meiden des Wortes "Jude" und damit der implizierte Verdacht, dass es etwas schlechtes ist? Wenn wir die Worte gebrauchen, als das, was sie sind, nennen wir ihnen auch das Anrüchige. "Schwul"ist auf schulhöfen auch ein Schimpfwort, so what?

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