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Massenabfertigung

Massenabfertigung gab es nicht nur während der geplanten Vernichtung von Juden, Sinti, Roma und all jenen Opfern des Nationalsozialismus.

Massenabfertigung gibt es auch heute – wieder mit jenen Opfern. Nur, dass sie sich nicht wehren können. Massenabfertigung durch vermeintlich engagierte Initiativen, die sich besseres Karma, Anerkennung oder sonst was dadurch versprechen, dass sie möglichst aktiv im „Gedenken“ sind. Doch wie bitte gedenkt man, wenn man durch hunderte Opfer im Jahr geht? Wie gedenkt man, wenn man gigantische Denkmale baut? Gedenkt man da den Opfern oder nicht einfach viel zu oft sich selbst? Weil man ja so betroffen und engagiert ist?

In diesem Jahr gibt es viel Gedenken in Berlin. Das sogenannte Themenjahr ist ausgebrochen und überschüttet uns mit Gedenkveranstaltungen aller Art. Derartig vielen, dass man nicht mehr hinterherkommen mag und kann. Da gibt es den einen oder anderen Ort, der sich konzentrieren mag, den es so oder so in diesem Jahr gegeben hätte – wie z.B. die Gedenkstätte Papestraße, ein stiller wohlgestalteter Ort. In dem nur eines für sich sprechen soll, der Ort. Doch da gibt es auch die Stadt, die zugepflastert ist mit Litfaßsäulen, die erinnern sollen. Erinnern erinnern 2013 an das Jahr 1933…und danach? Danach ist alles abgebaut, das Ereignis als großer Marketingerfolg der betreibenden GmbH gefeiert (machen sie jetzt schon) und das war es. Was wird bleiben? Ein paar Ausstellungen die mehr oder minder zufällig auch in diesem Jahr eröffnet haben. Was wird im Kopf bleiben? Es ist zuviel, das wird bleiben. Die Leute sind schon jetzt im April müde der immer gleichen Reden, Worte, Betroffenheitsbekundungen.

Was weiter bleiben wird sind die Massen an Stolpersteinen, die verlegt werden. Massen, weil es Massen sind. Die Individuen treten zurück, sie werden nicht mehr bedacht. Bezirksinitiativen schmücken sich damit, dass sie die meisten in ihrem Bezirk verlegt haben. Doch Namen können sie nicht nennen, Biographien nur spärlich liefern. Hauptsache, sie haben die meisten Steine verlegt und können sich damit rühmen, die betroffensten Mitbürger der Stadt zu sein, weil sie solche Leistungen vollbringen. Ich fühle mich an nichts anderes erinnert als an die gängige Massenabfertigung, wie sie schon vor 70 Jahren stattfand. Je mehr um so besser. Seltsam auch, dass sich die Initiativen nur auf eine Opftergruppe zu konzentrieren scheinen. Was ist mit all den anderen, die ermordet wurden? Lebten in Charlottenburg-Wilmersdorf nur Juden? Keine Widerstandskämpfer? Keine Homosexuellen? Keine Zwangsarbeiter? Offenbar nicht. Für mich haben die Steine durch diese massenhafte Verlegung ihre Bedeutung verloren und damit auch die Geschichte der Menschen. Warum kann man sich nicht die Zeit nehmen, jeden einzelnen zu würdigen, vielleicht auch zu recherchieren, ob es nicht doch noch Familienangehörige geben könnte, die vielleicht auch selbst gern einen Stein verlegen möchten? Was hindert einen daran, nicht hunderte Steine pro Jahr verlegen zu wollen? Tot sind die Opfer so oder so, sie werden nicht auferstehen. Aber sie werden ihre Würde behalten, indem sie nicht wieder durch Massenabfertigung ihr Wesen verlieren.

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