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Was geblieben ist…

Immer wieder kehre ich zur Frage zurück, was mich am meisten prägte und prägt und immer wieder wird von außen (und manchmal auch von innen) gedacht, es sei die Herkunft meiner Ahnen. Doch das ist es nicht. Mit meiner Rückkehr dahin habe ich in einem Teil von mir Frieden machen können. Einen tiefen Frieden, viele Unsicherheiten sind davongeflogen…und diese Ruhe begleitet mich und hilft mir durch viele Momente, die ich ohne dieses Zuhause nicht kommen würde.

Doch was mich wirklich und zutiefst prägte, ist meine eigene Kindheit. Eine Kindheit in der Geschichtsrezeption dieses Landes erst jetzt, nach und nach auftaucht. Eine wirklich wissenschaftlich historische Aufarbeitung der DDR, abseits der plakativen Bilder beginnt erst jetzt, ganz langsam, zart. Es bedarf wohl immer einer Generation dazwischen. Wirkliches Forschen hat noch nicht eingesetzt, denn bis auf die „großen Themen“ scheint noch nichts interessant genug.

Dann sitze ich in einem Seminar zu Spielfilmen als Geschichtsquellen und stelle fest, dass ich offensichtlich als Einzige den Film, der nie erschienen war, weil er davor verboten wurde, lesen konnte. Als Einzige wusste ich, wie die Maschinerie von Zensur und vor allem Sprache zwischen den Zeilen funktionierte und als einzige konnte ich sie lesen. Bis heute. Ich bin so aufgewachsen. Mit tiefen Geschichten, verbotenen Büchern, Filme, die gerade so an der Zensur vorbeischrammten oder dann via Westen im Fernsehen laufen konnten. Und ich habe sie lesen gelernt. Das ist geblieben. Und das ist gleichzeitig das, was ich bis heute vermisse, in Büchern, in Filmen, eine wirkliche Tiefe, die Geschichte dahinter. Vermutlich ist es so, dass man, wenn man so geprägt wurde, das auch immer wieder erwartet. Auch das ist mein zuhause. Es gibt es nicht wieder. Ich finde es noch in den alten Büchern der bekannten Namen. Doch gibt es heute noch wirklich Themen, die so bearbeitet werden müssen? Ist es nicht so, dass alles gesagt ist, alles offen gesagt werden kann, ob man es hören will oder nicht. Es muss nichts mehr hinter Schleiern versteckt werden. Alles ist da. Ob man will oder nicht, oft in einer unerträglichen Plattheit.
Es wird zu oft vergessen, dass irgendwann in diesem Land nicht alles gesagt werden durfte. Dass wir heute in einer Welt leben, in der zwar gern geschrieen wird, aber dennoch… Wir leben in einer Welt, in der gerne Schlussstriche gezogen werden. Und ich merke, dass ich, die ich doch ein Kind war wieder auf Namen stoße, und ich spüre Wut in mir. Denn was damals mit mir passiert ist, prägt mich bis heute. Hat mich zu einer strauchelnden Person gemacht.
Doch dann sind es Seminare wie dieses, die mir zeigen, dass das Wissen meiner Kindheit wertvoll ist, denn es gibt nicht viele, die so lesen können. Wir waren nicht so viele. Doch wie hat der Professor gesagt? „Über die Kultur in der DDR wurde eine Öffentlichkeit hergestellt, die in den Medien verboten war. In der Kultur lebte eine Parallelwelt, die immer mehr resignierte.“ Zum Glück haben nicht alle resigniert. Zum Glück war ich Teil dieser Welt und werde wohl irgendwann selbst das sein, was man Zeitzeuge nennt. Und ich werde nie zu denen gehören, die sagen „…es war ja gar nicht so schlimm.“ Es war schlimm und wir tragen unsere Narben. Die einen mehr, die anderen weniger. Man trifft sich immer zwei Mal im Leben…daran wird schon irgendwie etwas Wahres sein.

1 kommentar

  1. … ich weiß, was Du meinst, Juna,
    bin auch in Ostberlin in den 70'ern groß geworden und kenne dieses Gefühle gut.
    Du hast es gut zum Ausdruck gebracht. Danke

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