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Danke Herr Thierse!

Heute regt es sich wieder wild im Blätterwald. Herr Thierse hat in einem Interview Folgendes gesagt:

„Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker
erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken. Da sage ich: In
Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen.
Genau das gleiche mit Pflaumendatschi. Was soll das? In Berlin heißt es
Pflaumenkuchen. Da werde ich wirklich zum Verteidiger des berlinerischen
Deutsch.
Ich wünsche mir, dass die
Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind. Und nicht mehr in
ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche. Sie kommen hierher, weil alles so bunt
und so abenteuerlich und so quirlig ist, aber wenn sie eine gewisse Zeit
da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause. Das passt
nicht zusammen.“
Jetzt wird auf ihn eingehämmert. Man brächte schließlich das Geld in die Stadt. Nun, wenn ich mir das inzwischen ansehe…danke, lasst Euer Geld in Stuttgart oder sonstwo. Jede kleine Ecke wird jetzt zugebaut. Das Berliner Klima verändert sich, nicht nur unter den Menschen, sondern auch in der Luft. Die Stadt wird immer heißer, die Grünflächen, Gärten, Freiräume verschwinden, um betonierten Immobilienwucher Platz zu machen. Als Berliner wird man nur noch seltsam angesehen. Neulich wurde mir gar ehrfürchtig die Hand geschüttelt, als bekannt wurde, dass ich tatsächlich zu dieser seltenen Spezies gehöre. Ja, es gibt sie noch, uns, die wir nicht „irgendwas mit Medien“ machen. Die wir nicht unifomiert mit gleichem Kinderwagen und Macchiato durch die Stadt laufen, uns bei der LPG nicht um den Joghurt prügeln und mutwillig die Gänge zustellen, ohne Rücksicht. 
Und dann wundert man sich, wenn wir muffelig werden? Wenn wir keine Lust auf die Neubevölkerung haben, die mit Geld meint, alles begründen zu können? Berlin war noch nie reich. Und trotz reichlich neuen Bewohnern hat sich daran nicht viel geändert. Mag es daran liegen, dass der Großteil inzwischen zu ihrer „irgendwas mit Medien“-Selbstständigkeit bei Amt aufstocken müssen, um über die Runden zu kommen und nicht den Mumm haben, ihr Scheitern einzugestehen. Zur Not springen ja Mama und Papa ein und gleichen das Konto aus – ohne dass Berlin Steuereinnamen hätte. 
Nein, Herr Thierse hat Recht. Wir sind keine Kolonie. Nicht genug, dass der Reichstag jetzt Bundestag heißen muss (auch, wenn man lediglich das Gebäude meint), das Schauspielhaus jetzt Konzerthaus am Gendarmenmarkt, das Preußische Herrenhaus auch als Gebäude, Bundesrat. Nein, es gibt eben kaum noch Schrippen. Brötchen ist das mindeste, Wecken schon in fester schwäbischer Hand. Schwäbische Bäcker übrigens an gefühlt jeder Ecke. Ist auch ok, aber dann bitte nur dort. Wer wirkliche Berliner Schrippen je gegessen hat, weiß, dass das etwas anderes ist und wird nur noch das wollen. Dank Weckenschwemme aber gibt es die kaum noch. 
Aus Berlin wird mehr und mehr Groß-Stuttgart. Und die Berliner werden wie hinterwäldlerische Ureinwohner betrachtet, deren Anmerkungen höchstens mit mitleidigem Kopfschütteln betrachtet werden.
Deshalb nochmal danke, Herr Thierse!

5 Comments

  1. IWe IWe

    Auch wenn ich für das Grundanliegen von Herrn Thierse durchaus Verständnis aufbringe, so kann ich mir nicht vorstellen, daß er in einer Bäckerei seiner Nachbarschaft "Pflaumendatschi" gehört und erhalten haben will, denn in Süddeutschland gibt es "Zwetschgendatschi" (Zweitschgen sind "Backpflaumen"). Herr Thierse sei der Berliner Pflaumenkuchen von Herzen gegönnt. Zwischen einem in Berliner Bäckereien üblicherweise erhältlischen Pflaumenkuchen und einem süddeutschen Zwetschgendatschi liegen Welten, und deshalb sollte ein Zwetschgendatschi – wenn es denn einer ist – auch in Berlin so heißen dürfen.

    Wenn man die Grundhaltung mancher Neuberliner kritisieren will, dann kann und soll man das ruhig tun, aber das an Benennungen für Nahrungsmittel festzumachen finde ich wenig hilfreich.

  2. Ich kenne Herrn Thierse selbst, und bin mir sicher, dass sich das auch so zugetragen hat. Vielleicht ist das "Pflaumendatschi" eine Version des versuchten Spagats? Pfannkuchen heißen hier neuerdings auch nicht mehr Pfannkuchen, sondern Berliner. Es ist einfach am plakativsten die Problematik ein so einfachen Dingen, wie Lebensmittelbenennungen festzumachen.
    Man stelle sich vor, die bundesdeutschen Zuwanderer würden in Österreich aus den Paradeisern Tomaten machen. Eine Ausweisung der entsprechenden Passinhaber würde wohl anstehen.

  3. Ich kann dem Beitrag nur voll zustimmen und deshalb sag ich auch "Danke Herr Thierse"und Danke dem Autor!

  4. Ich danke ebenfalls!

  5. Anonym Anonym

    Genauso ist es. Es kommen lauter Menschen aus der Provinz nach Berlin, weil sie im Fernsehen gesehen haben, Wie toll und schrill das hier ist. Dann meinte sie, sie können sich aufführen, als wären sie hier die neuen Kiez Chefs. Versuch doch mal folgendes: Fahrt nach München geht zum Metzger und bestellt Buletten Oder geht dort zum Becker und bestellt Schrippen… Die werden nicht einmal verstehen nach was gefragt wird und sobald ihr aus dem Laden raus seit, ist Saupreiss noch ne Liebkosung. Jeder der hier herkommt, und sich an die Gepflogenheiten hier anpasst, ist herzlich willkommen. Das ist nicht nur hier so insbesondere in Schwaben und Bayern ist das Standard!

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