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Berlin absurd – oder baden im Fluss

Berlin ist immer wieder gut für sagen wir vorsichtig, blödsinnige Ideen. Sie werden bejubelt und bepreist – aber was dahinter steckt, fragt niemand.

Neuestes Beispiel: Man plane ein Flussschwimmbad an der Museumsinsel. Soweit so gut. Flussbäder haben auch in der Spree eine lange Tradition gehabt. Durch die Verschmutzung des Flusses mussten diese schließen. Seit dem fließt die Spree eher tot durch die Stadt – der Senat interessiert sich herzlich wenig und ist auch aus den EU-Bestimmungen ausgestiegen, die besagen würden, Berlin müsse die Spree in den nächsten Jahren sauber haben. Das ist nicht unmöglich. Gäbe es die Berliner Wasserbetriebe nicht. Dazu später. Zunächt zur Unsinnsidee.

Man will den Kanal gelegen zwischen Deutschem Historischem Museum und Altem Museum absperren. Das Gelände vor dem Lustgarten soll abgesenkt werden, so dass man ins Gewässer steigen möge. Die Brücke Bodestraße soll zugemacht werden, der Bereich vor dem Schlossplatz als Miniklärwerk umgebaut werden.

Der Architekturpreis wurde erhalten, fluchs war ein Verein gegründet, desses Logo natürlich noch vor Eintragung feststand. 

Nur gibt es bisher überhaupt keine Machbarkeitsstudie. Ein Schritt, der eigentlich vor einer Publizierung abseits einer Utopie stehen sollte. Mein Verständnis sieht folgende Probleme:

  1. Die Museumsinsel ist in ihrem Ensemble UNESCO Weltkulturerbe. Spätestens seit Dresden, sollte man wissen, dass man da nicht einfach herumpfuschen kann.
  2. Hat man die Rechnung ganz offensichtlich ohne das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin und evtl. 
  3. Wird mit Baukosten in zweistelligem Millionenbereich gerechnet, um dieses winzige Stück sauber genug zu bekommen und darin zu planschen.  

Mit einer Summe dieser Größenordnung kann man – abgesehen von viel wichtigeren Dingen, und ich meine nicht den Flughafen – die gesamte Spree in einen sauberen Fluss verwandeln.

Warum das noch nicht geschehen ist? Nun zwei Stellen scheinen im Weg zu stehen: die Berliner Wasserbetriebe und natürlich der Senat, der offensichtlich noch nicht erkannt hat, was wir unserem Fluss antun.

Nun aber zu den Grundlagen. Warum ist die Spree so dreckig, dass man nicht darin baden kann? Warum geht es aber im Müggelsee? Daraus schließt sich doch, dass irgendwas dazwischen sein muss, dass der Dreck nicht aus dem Umland kommt. Nein, der Dreck ist hausgemacht und nennt sich Kanalisation. In Berlin gibt es eine sogenannte Mischwasserkanalisation. Sprich, die Abwässer aus den Haushalten werden zusammen mit dem anfallendem Regenwasser abtransportiert. An sich eine gute Sache – wenn da nicht sowas wäre, was uns inzwischen mehr und mehr die Sommer zu verderben scheint: Starkregen. Soviel Regen, dass ihn die Kanalisation nicht mehr aufnehmen kann. Wenn diese also voll ist fließt alles ungefiltert in die Spree und Landwehrkanal bleibt dort und macht sie dreckig, stinkend und nicht lebenswert.
Die Lösung des Problems und damit die Möglichkeit, auch wieder wie in der Schweiz und inzwischen auch wieder in Amsterdam im eigenen Gewässer baden zu können ist einfach: Das Zeug darf nicht in den Fluss. Es muss aufgefangen werden. Die Berliner Wasserbetriebe haben es sich dank der o.g. ausgestiegenen EU-Verordnung zu Ziel gesetzt, bis 2028 soweit zu sein. Viel Wasser wird bis dahin mit den Fälalien den Fluss runterfließen. Die klassische Variante ist, sogenannte Regenüberlaufbecken unterirdisch zu bauen. Die Dinger sind aus Beton und der Platz muss da sein, so ein großes Loch zu buddeln. Teuer sind sie dazu – daher wohl die schlechten Prognosen.

Es gibt andere, günstige, schnelle Möglichkeiten, die helfen könnten. Diese werden aber blockiert. Ein Pilot ist bereits in der Spree. Sieht man sich aber das allgemeine Engagement der Berliner Politiker an, so wird es der einzige bleiben. Der Fluss hat hier die letzte Priorität. Als Insel im Fluss war der Pilot geplant, mit Café und Solarbotverleih, um mit den Pachteinnahmen auch die Betriebskosten wieder reinzuholen. Etwas, was bei Betonbecken natürlich nicht geht. Schön sollte er werden und vor allem den kalten drögen Osthafen etwas Leben einhauchen. Nur hat man die Rechnung nicht nur ohne die Wasserbetriebe gemacht, sondern auch ohne die Behala und vor allem ohne Friedrichhain-Kreuzbergs Bürgermeister Franz Schulz (Die Grünen). Der verhinderte, dass die Insel öffentlich werden konnte und vor allem, dass sie begrünt wurde. Absurd, oder? Jetzt liegt sie da, die Insel. Die Berliner dürfen nicht auf sie. Ein paar Angler überwinden die Hürden. Die Enten machen es sich gelegentlich gemütlich und sie tut ihre Arbeit. Das überlaufende Wasser mit den Exkrementen aufzufangen, in ihren Rohren zu speichern, bis die Kanalisation wieder frei ist und dann alles zurückzupumpen. An diesem einen Punkt verdreckt die Spree nicht. Das Projekt nennt sich Spree2011. Insgesamt 14 dieser Anlagen, die günstiger als die gängigen Betonbecken sind bräuchten die Stadtgewässer, um sauber genug zu sein. Bauzeit 6 Monate. Man könnte also die Spree innerhalb eines Jahres sauber bekommen und läge wohl noch weit unter den Kosten dieses merkwürdigen Flussbades.

Und die Berliner könnten überall, wo ihnen der Sinn danach stünde, ins Wasser springen und baden. Dazu braucht es keine Architekturpreise. Dazu braucht es lediglich einen politischen Willen, der sagt, wir wollen an einem sauberen Fluss leben, wir nehmen das Geld in die Hand und bauen. Damit werden wir entgegen allen Voraussagen auch bis 2015 die EU-Verordnung „Saubere Flüsse und Seen“ eingehalten werden. Es wäre kein Problem. Auch für die Berliner Wasserbetriebe wäre es um Einiges günstiger. Nur ist ihr Apparat durch ihre schiere Größe derartig träge, dass nichts passieren wird. Warum denn auch. Man kann ja alle Kosten wieder beim Berliner reinholen.

Und immer wieder. Berlin ist nicht Berlin, wegen seiner Politiker, sondern trotz ihnen. Dennoch sind solche Geschichten für mich mehr als Kopfschüttler wert. Sie lassen mich nicht mehr an diese Stadt glauben, die schon alles zerstört, was sie ausmacht. Die stets bestrebt ist, alle Fehler anderer Städte zu wiederholen.

14 Inseln in der Stadt – auf denen man sich sonnen kann, die Boote vorbeifahren sehen bei einem Kaffee, die unglaubliche Athmosphäre unseres Flusses genießen und gleichzeitig wissen, dass man mit seinem Kaffee auch die Spree sauber macht. Aber das ist vermutlich zu einfach. Lieber bestellt man zu kurze Rolltreppen für Flughäfen, die vermutlich noch später öffnen, als die Spree sauber ist.

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