Zum Inhalt springen

Übung in Vertrauen

Vertrauen – ein großes Wort.

Manch einem fällt es leichter, manch einer kann schnell vertrauen und jedem. Manch einer weniger und mancher, wie ich, gar nicht. Heute frage ich mich oft, woher es kommt. Die Konsequenzen sind mir sehr bewusst. Schmerzhaft oft. „Lass Dich ein!“ wird gesagt. Kann ich das? Ich kann es nicht.
Oberflächlich betrachtet ist es das Ergebnis von schlechten Erfahrungen. Doch sitzen die tatsächlich so tief? Überwiegen nicht die guten Erfahrungen?

Nein, mein Nichtvertrauen war schon viel früher da. Es wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Von Beginn an. Das kindlich naive Vertrauen kannte ich nicht. Es war mir fremd. Vertraue niemanden, pass immer darauf auf, was Du wem sagst. Das ist meine Vergangenheit. Vertrauensverlust durch Generationen. Vertrauen kannst Du nur Dir selbst und Deinen nächsten Angehörigen – vielleicht. Aber auch nicht unbedingt. Also doch nur Dir selbst.

Und heute? Heute bin ich zwar oft geschützt vor Enttäuschung im Beruf, im normalen menschlichen Miteinander, da ich nicht viel erwarte, stets mit allem rechne, stets drei Schritte vorausdenke und alle Möglichkeiten abwäge. Die Hochsenibilität macht es oft leichter, da ich Menschen erkenne und weiß, wie sie ticken. Aber wirklich leichter macht es das nicht. Ich weiß unter Umständen Dinge, deren sie sich noch nicht einmal selbst bewusst sind. Dieses Wissen wird gern damit verwechselt, dass ich ja Verständnis haben müsse. Doch der Schmerz über Enttäuschung ist mit Sicherheit nicht weniger gering, als wenn er überraschend gekommen wäre.

 Mit mir braucht man sehr viel Geduld, mich laufen lassen und mich nicht am Standard messen. Ich bin es nicht und wäre es doch oft so gern. Einfach mal nicht denken. Einfach die Maschine oben zum Stoppen bringen. Einfach mal nicht mehr rattern.

Und immer wieder, ist das nun mein Erbe? Das Erbe der verwanzten Wohnung? Der spitzelnden Ferienlagergruppenleiter? Der Lehrer, die weg sahen?  Das Erbe der IM, die sich Zugang verschafften zu einem einfachen Leben, dessen Teil ich war – als Kind…und die heute wohlbehalten, abgesichert und ihrer Vergangenheit verdrängt in gemachten Nestern sitzen. Das ist es wohl.

Nun will ich es aber nicht. Ich will raus. Will sein, wie andere. Will unvoreingenommen Menschen kennen lernen können, ohne die Vergangenheiten abzufragen. Zu wenige Menschen gibt es, denen ich sagen kann, woher es kommt, das Nichtvertrauen. Zuwenige, die nicht werten, die nicht meinen, dass man endlich mal darüber hinweg gekommen sein solle. Kann man das denn, wenn es so tief sitzt? Wenn die Großmuttergeneration zwar überlebt hat, aber nie mehr vertraut hat, keine Freunde hatte, die Muttergeneration aus anderen Gründen ähnlich und bei mir? Durchbrechen möchte ich diesen Kreis. Möchte unbeschwert sein. Diese Unbeschwertheit habe ich in anderen Ländern gesucht, in denen ich nicht reduziert wurde, sei es aufs Jüdischsein oder Stasiopfer. Doch dort wurde ich wieder reduziert, darauf deutsch zu sein – oder eben in Deutschland zu leben. Ein Teufelskreis.
Ich kann ihn nur für mich durchbrechen. Muss lernen und akzeptieren, dass es für mich nun mal nie einfach sein wird. Aber mir und den Menschen um mich wenigstens eine Chance geben. Mich öffnen und auch die Verletzung zu ertragen. Nur braucht es nicht nur meine Geduld.

Es gibt eine Freundin, die das alles versteht. Die es versteht, auch ohne eine Geschichte wie meine zu haben, die aus einer vermeindlich heilen Welt kommt aber nicht wertet, sondern einfach nur Freundin ist. Dieser Freundin möchte ich an dieser Stelle danken, dass sie so ist, wie sie ist. Auch, wenn sie es nie lesen wird. Einfach nur danke!

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sieben − vier =