Zurück zum Content

Perspektiven

Mal ein ganz anderes Thema, was mich bewegt. Viel wird geschrieben von Umschulungen. Davon, sich anders zu orientieren, damit man eine Perspektive hat. Ich habe etliche Freunde und Bekannte mit Hochschulabschluss, die sich mehr schlecht als recht mit vielen Jobs durchschlagen, immer von Abrechnung zu Abrechnung, ohne Möglichkeiten für Urlaub oder der Ruhe, die nächste Reparatur der Waschmaschine bezahlen zu können. Oder eben Freunde, die von Hartz IV lebe (müssen), da sie trotz ja so gesuchten Ingenieursabschlusses keinen Job finden. Eben so eine Freundin möchte ich als Beispiel nehmen.

Nennen wir sie Susanne. Susanne ist Ingenieurin. Hat nach ihrem Abschluss in Berlin immer gearbeitet. Ist für diese Arbeit auch ins Ausland gegangen, hat sich in Sprachen weitergebildet, ist hochqualifiziert. Aber Susanne ist eben eine Frau. Susanne hat ein Kind bekommen. Susanne lebt von Hartz IV. Elterngeld wurde ihr verwehrt, da sie den letzten Job nicht in Deutschland hatte – auch, wenn sie in die Kasse hier eingezahlt hat, es war ja schließlich nur ein Projektjob, vermittelt durch eine deutsche Firma. Das Kind ist inzwischen drei Jahre alt. Susanne hat resigniert. Sie ist durchs ganze Land gefahren, hat sich vorgestellt. Ihr ist egal, wo sie arbeitet, Hauptsache sie kann wieder arbeiten. Auch im Ausland hat sie sich beworben. Sie wurde eingeladen…doch bald kam das Gespräch aufs Kind, wer es betreuen würde…und raus war sie. Sie hat resigniert. Nicht viel ist geblieben, von der selbstbewussten jungen Frau, die fast alles kann.

Neulich ein kleiner Hoffnungsschimmer. Susanne wurde selbst aktiv. Sie würde umschulen. Erzieherin heißt das Zauberwort, dass durch Deutschland geistert. Susanne bewirbt sich. Sie wird eingeladen zum Assessment Center, einen Tag Tests durchmachen, Gespräche – als würde es um einen hochbezahlten Managerjob gehen. Doch es geht (nur) um einen Platz an einer Schule für eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie bekommt einen Platz und ist seelig. Hoffnung, endlich wieder selbst für ihr Einkommen sorgen zu können. Doch dann? Die Schule kostet 190 Euro im Monat, sie muss es selbst bezahlen. Außerdem muss sie für die drei Jahre Ausbildung einen Praktikumsplatz in einem Kindergarten finden. Einen Platz zu finden wäre nicht so schwer. Nur Praktika werden nicht bezahlt. Sie wendet sich an ihre Betreuerin vom Amt. Diese eröffnet ihr, dass sie das alles selbst finanzieren müsse. Hartz IV würde ihr gestrichen, da sie ja dann in Ausbildung ist und keinen Anspruch mehr hat. Die Variante „Meister Bafög“ scheint der Hoffnungschimmer. Kürzlich wurde es für Erzieherausbildungen erweitert. Nur, Susanne hat bereits ein Diplom und damit einen Abschluss, der über dem des Erziehers liegt. Sie fällt wieder raus.

Was blieb? Nichts. Susanne bleibt im System. Wird weiter vom Staat ausgehalten und hat keine Chance. Die Werbung für eine Ausbildung zum Erzieher erscheint als Hohn. Sie weiß nicht mehr weiter. Isoliert sich und wird depressiv. Das Amt? Keine Auswege. Selbstinitiative? Wird nicht gefördert. Seltsames Land das. Sicher, wir fallen nicht in die Obdachlosigkeit oder müssen hungern. Nur ist dieses Leben wirklich gut? Nicht gut jedenfalls für alleinerziehende Mütter – die bekanntlich zum Großteil in die Armut absinken. Susanne ist nur ein Beispiel von vielen.

2 Comments

  1. IWe IWe

    Die Situation von alleinerziehenden Müttern ist noch mal eine spezielle Härte und wie soziologische Untersuchungen sagen für Frauen das größte Risko in der Armut zu laden, aber ganz allgemein gesagt: Umschulungen sind ein Riesenmarkt. Und oft geht es nur darum, die Leute aus der Arbeitslosenstatistik rauszubekommen. Es ist häufig ziemlich aberwitzig, was das umgeschult wird und wieviele "Bewerbungstrainings" Leute absolvieren müssen, die viele Jahre gearbeitet haben und ganz sicher wissen, wie Bewerbungsverfahren laufen.

  2. Ja, das stimmt. Und was oft als Umschulung oder sogenannte Bildungsmaßnahme verkauft wird, sehe ich wieder bei anderen Bekannten. Es ist Geldschneiderei und Zeitverschwendung für die Teilnehmer.
    Allerdings hat mich in diesem Fall dann doch geschockt, dass Eigeninitiative letztlich bestraft wird. Eine Umschulung wurde Susanne z.B. noch nie angeboten. Sie müsse ja als Ingenieurin Jobs wie Sand am Meer finden. Das sehen wir, seit drei Jahren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

16 − dreizehn =