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Was ist wann Kunst?

Eine Frage, die immer schwerer zu beantworten ist. Selbst in einer Künstlerwelt aufgewachsen, die noch etwas zu sagen hatte, stehe ich heute oft etwas ratlos vor Dingen, die sich Kunst nennen und viel mehr ratlos vor Menschen, die alles kritiklos hinnehmen. Der heutige Kunstmarkt in einer Welt, in der es offensichtlich nicht allzuviel zu sagen gibt, nichts wogegen man sich mit anderen Worten auflehnen kann, wird beherrscht von Galeristen, die bestimmen, was gut ist. Kurz: teuer = gut. Auch, wenn im zeitweise Zuhause die ArtBasel stattfindet…Oberflächlichkeit ist oft, was mir als einziges Kommentar dazu einfällt. Aber gut, die Sammler kaufen unbesehen. Neulich erst durfte ich erleben, wie ein Vertreter einer New Yorker Galerie einem Sammler etwas verkaufen wurde. Da ging es nicht um Aussage oder vielleicht noch Material, es ging nur um Wertsteigerung. Spätestens seit Damien Hirst fragt man sich doch, wohin das alles führen soll. Wobei ich bei Hirst glaube, dass es sich doch um eine Vorführung des Irrsinns handelt (von der er ja gut leben kann).

Doch gefragt, was denkt man, wenn man das in einem privaten Haushalt sehen würde, weiß in weiß verwoben. Ja, es ist ein Tischtuch:

Studio Job, Entwurfsskizze Tischtuch Job Lounge, Groninger Museum

Nun ja, im Museumskontext, wo man auch Bettwäsche mit Stacheldrahtdruck ist es vielleicht nicht ganz so überraschend. Allerdings frage ich mich ernsthaft, was ist, wenn man sich in der Job Lounge einmietet, oder eingeladen wird und das Essen dann von diesen Tüchern einnehmen soll. Persönlich könnte ich es nicht. Aber ich muss ja auch nicht.

Was jetzt Ende des Jahres Diskussionen hervorrief war der Entwurf eines Zaunes um eine Anwesen eines Kunstsammlers (kaufen ohne denken?). Der Sammler wollte von Studio Job etwas ganz Besonderes haben, etwas worüber man spricht. Mit diesem Entwurf hatte er es.

Entwurf Zaunanlage und Tor in Bentveld für Privatanwesen, Studio Job

Zu sehen ist Stachendrahtzaun, zwei rauchende Schornsteine als Tor und eine Glocke mit der Inschrift „Suum Cuique“ („Jedem das Seine“). Es soll an das KZ Buchenwald erinnern. Möchte man das als Nachbar haben? Täglicher Blick auf das, was man hoffte hinter sich lassen zu können? Nun, es regte sich Unmut im Land der Kanäle. Studio Job berief sich auf Kunstfreiheit und dass der Sammler eben etwas ganz außergewöhnliches wollte. Was soll man da noch sagen? Ich weiß es nicht. Sprachlosigkeit machte sich breit. Und zum Sammler: gibt es einem irgendetwas dahinter zu leben? Was geht in diesem Kopf vor? Vermutlich nichts, ist ja ein Kunstwerk, das sehr viel gekostet haben wird und so sehen die Nachbarn auch, wieviel Geld ich habe.

Die Gemeinde Zaandvoort, in der der Ort des Sammlers liegt, hat dem Bauantrag zugestimmt. Sie denken nicht, dass damit die Gefühle anderer verletzte würden. Allerdings sieht er dort ganz anders aus:

Entwurf im genehmigten Bauantrag, Studio Job

Nun fragt man sich, warum der ganze Wirbel? Schlechte Presse ist wohl auch Presse. Anders kann ich es nicht beschreiben. Wie leicht hätte man sagen können: Moment, unser Antrag sieht doch ganz anders aus, ohne Glocke, ohne Inschrift… . Und dennoch, was geht in Menschen vor, die sowas, abseits von Gedenkorten schön finden? Ich kann es nicht verstehen. Es geht hier nicht um Bearbeitung eines Themas in einem Kontext, es geht hier nur um Aufregung, Werbung und unreflektiertem Sammeltum. Fast möchte man den missbrauchten Satz als Kommentar hinzufügen. Ich persönlich sage es ganz schlicht: mir ist schlecht.

2 Comments

  1. Schwierig – eigentlich muss die Kunst ja frei sein dürfen, Tabus zu brechen und ihre Ideen, seien sie noch so seltsam, umzusetzen. Das finde ich wichtig. Andererseits empfinde ich dies hier schlicht geschmacklos.
    Es gibt doch in Österreich "Hiedler" Wein, die hatten eine Zeit lang ein unheimlich einladendes Logo (ein graues verschlossenes Eisentor) auf ihren Flaschen – ich stelle mir gerade vor, wie ein Gast an einem Tisch mit dieser unheimlich appetitlichen Tischdecke sitzt und ein Glas Hiedler schlürft…

  2. Hmm, stimmt…ich hatte in Miami auch mal einen deutschen Wein gesehen, der exakt einen gewissen Adler auf dem Etikett hatte, mir ordentlich weit geöffneten Schwingen. Nur das Hakenkreuz fehlte in den Krallen. Das war erstmal ein Schrecken.

    Und ja, Kunst soll frei sein. Ehrlich gesagt, hätte ich auch weniger Probleme mit dem Tuch als Objekt in der Ausstellung – oder wenn diese Lounge Ausstellung wäre. Aber sie ist eben kommerziell in der Vermietung. Wem's gefällt…

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