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Fremdgehen

Neulich ertappte ich mich dabei, mir andere Religionen anzusehen. Konkret sah ich einen Berich über die Baha’i im Fernsehen. Es schien mir auf den ersten Blick so sehr logisch, so modern und überlegt. Ich beschäftigte mich daraufhin etwas mehr damit und stellte fest, dass es doch nicht ist, was der Bericht vermittelte. Und plötzlich merkte ich, was ich da tat. Ich suchte nach Alternativen zum Judentum. Daraufhin hinterfragte ich mich selbst, warum ich das tat. Was es ist, mich daran denken zu lassen, dass ich woanders mehr fände. In menschlicher Entwicklung ist das sicher nichts ungewöhnliches. Doch habe ich diesen Prozess ja selbst schon durchlaufen, um dahin zurückzukehren, wo meine Ahnen herkamen. Seit dem empfand ich innere Ruhe, ein Angekommen sein. Meine Fragen wurden logisch beantwortet, mein ewiges Hinterfragen hatte ein Ende.Nur, was war es, was mich nun bewog, weiter zu sehen? Ich habe viel darüber nachgedacht, um zu merken, dass es nicht um die Religion geht, sondern um die Menschen. Also etwas ganz menschliches. Mich stören, die ewigen Diskussionen und Verurteilungen von Konvertiten, mich stören die Menschen, die denken, sie seien etwas Besonderes, etwas Besseres, nur, weil sie Juden seien. Mich stört, die Hierarchisierung von Opfernachfahren. War Deine Familie im Lager? Nein, naja, was bist Du dann? Ja, es klingt hart, aber so ist es (manchmal). Und ehrlich gesagt, es widert mich an. Es widert mich an, wenn darüber diskutiert wird, wer konvertieren darf und wer nicht, was eine „richtige“ Konversion ist. In all dieser Diskussion wird aber der Blick selten nach innen geworden. Man verurteilt gern ud viel, aber nur, wenn es um Gerim geht. Wenn man schon als Jude geboren wurde, ist die Kritikschwelle wesentlich höher. Dann wird viel nicht gesehen…viel interessiert nicht. Es ist widerlich. Ich kann kein anderes Wort dafür finden. Ja, es gibt Menschen, die eher eine Therapie als einen Gijur brauchen, aber genauso gibt es reichlich unter uns, die dem auch bedürfen, da sich ihr Leben nur darum zu drehen scheint, zu beweisen, wie großartig sie sind, indem sie zeigen, wie schlecht andere sind, dass sie mehr wert seien.Und solche Menschen sind es wohl, die mich an „meinen Leuten“ und meiner Religion zweifeln lassen. Die mich dazu führen, mich fremd zu schämen. Sie sind Grund, dass ich nicht sage, woher ich komme und nicht die Angst, vor Antisemitismus. Dann möchte ich irgendwie eben nicht mehr dazu gehören.So ziehe ich mich auf die Wurzeln zurück, weg von den Menschen, und weiß, dass das doch mein Weg ist, mein Zuhause. In einer Familie muss man ja nicht jeden mögen, nur, weil man Familie ist. Aber sage, was man denkt, sollte man gerade in einer Familie können.

8 Kommentare

  1. Noa Noa

    Ja, vollkommen richtig, Juna. Aber es ist im Christentum nicht besser. Auch dort kommt es auf die menschen an. Auch dort wird kritisiert, kommt man sich oft besser vor – komischerweise je glaeubiger man ist – als die "Anderen,", z.B. die "armen Juden, die ja noch nicht begriffen haben, wie falsch sie liegen. Naja… beten wir mal darum, dass sie es endlich begreifen, wer ihnen die Erlösung bringt. Die Armen, haben leider keine Jesus.. "
    Was glaubst du, wie oft ihc das schon gehört habe? DAs kotzt mich auch an, und ich finde diese Ueberheblichkeit wirklich unverschaemt. Wer gibt ihnen das Recht, zu meinen "nur sie haben die RICHTIGE Religion"? und auf einen herunterzugucken, wie auf ein minderbemitteltes Wesen? Ja, Menschen die Giur machen, werden sehr beäugt, mehr kritisch betrachtet als geborene Juden, ich denke, weil man sich sagt, also wenn die sich doch bewusst dafuer entscheiden, dann muss es doch auch was geben, warum sie konvertieren… Hier in Jerusalem habe ich g-tt sei dank ganz viele Menschen auf meiner "Wellenlaenge" gefunden, die NICHT verurteilen, die NICHT alles 1000 %ig sehen, die ihre Nachbarin auch ohne Kopfbedeckung akzeptieren, einfach – wie ich finde – intelligente glaeubige Menschen, die sich gegenseitig bereichern mit ihrem Torawissen, aber auch mit anderem Wissen, Kultur und Malerei interessiert sind, all das finde ich, gehört auch zum Judentum und in solcher Gesellschaft fuehle ich mich wohl. Lieben Gruss an dich, Juna.
    Bis bald
    Noa

  2. Ja, liebe Noa, es sind immer die Menschen. Und vom Christientum brauchen wir gar nicht erst anfangen, das ist für mich eh alles unlogisch dort 😉
    Ich hoffe sehr für Dich, dass Du auch solche Menschen im neuen Zuhause finden wirst. Ich habe mich von so überheblichen Menschen entfernt. Mich widert Ausgrenzung wohl grundsätzlich an. Zu oft habe ich es selbst erlebt. Leider sind solche Menschen oft lauter und schwerer zu überhören, als "normale" Menschen. Und dieser kleine Ausflug in andere Möglichkeiten war ja auch gut, um mir meines zuhauses wieder bewusst zu sein und zu wissen, dass ich mich da wohl fühle. Naja, und manchen Menschen sollte man wohl aus dem Weg gehen, was?

  3. Noa Noa

    Ja. ENtschieden ja!!!
    Ja, es sind die Menschen.

  4. Ich muss zugeben, immer wenn ich oder andere angegriffen werden, weil sie Gerim sind, dass ich mich manchmal so geärgert habe, dass ich mich fragte, warum ich überhaupt jüdisch geworden bin und das es manchmal besser gewesen wäre, es nicht zu tun. Mich ödet diese Arroganz so was von an, dass mir diese Gedanken kamen, obwohl ich weiß, dass sie nicht richtig sind, denn diese Menschen suchen sich ein Ventil für ihren eigenen persönlichen Probleme und benutzen dafür die vermeindlich Schwächeren. Es gibt sie und es wäre vermessen, wenn man denken würde, es würde sie unter Juden nicht geben. Ich bin mir aber sicher, dass dort ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl vorhanden ist, denn Juden, die in ihrer Religion gefestigt sind, maßen sich das nicht an. Deswegen habe ich diese böse Erfahrung bisher nie unter religiösen Juden erlebt, es sei denn es handelt sich um Pseudoreligiöse, die gar nicht merken, wie wenig sie ihre Religion leben, aber denken, sie tun es.
    Vor meinem Giur sind mir solche Menschen selten begegnet und daher könnte ich heute nicht mehr klar sagen, ich würde es immer wieder tun. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Und das macht mich schon ein wenig traurig.

  5. "Ich bin mir aber sicher, dass dort ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl vorhanden ist, denn Juden, die in ihrer Religion gefestigt sind, maßen sich das nicht an."

    Auf den Punkt gebracht, danke Yael.

  6. Shoshana Shoshana

    naja, unsere aufgabe ist ja u.a. irgendwie licht in diese welt zu bringen. manchmal eben auch unter die eigenen leute. vielleicht, auch wenn ihr alle recht habt mit den dingen, die euch da auffallen (ich habe auch schon viele ungereimtheiten gesehen und gehört), sollte man bei all dem eben nicht vergessen, was man GEBEN kann. bekommen kann man eben (auch) viel negatives, aber jeder eine von uns kann sich frei entscheiden, positives beizusteuern.
    also kadima, an die arbeit;).

  7. Efraim Efraim

    Das mit der "Hierarchie der Shoah-Opfer" sehe ich nicht so.

    Ich stelle nur fest dass in Deutschland, insbesondere unter Konvertiten und später hinzugekommenen, so ein Drang nach "Hierarchie" herrscht.

    Ich finde es ganz lustig, selbigen zu unterlaufen.

  8. Hmm, die Hierarchie, die ich da sehe, ist, wer ist "richtiger" und "schwerer" konvertiert. Meinst Du das? Und wie unterläufst Du sie?
    Die Hierarchisierung der Opfer habe ich leider nicht nur in D erlebt, um genau zu sein, sogar weniger hier. Um es genau auszudrücken: "Wieviele waren von Dir in Auschwitz? Ach nur? Und die anderen waren nur in Theresienstadt, Bergen Belsen…?" Ich weigere mich inzwischen, dazu überhaupt noch Auskunft zu geben, sie wurden ermordet, wie und wo spielt keine Rolle.

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