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Nachdenken

Ich weiß, dass ich etwas anders ticke als andere Juden meiner Generation. Ich weiß auch, dass ich nicht allein bin. Oft denke ich aber über die Dinge nach, die eben anders sind an mir. So z.B. das fehlende tief sitzende Mißtrauen, dass ich bei anderen beobachte und das mich sehr verwirrt, da ich das nicht nachvollziehen kann. Ich sehe eben nicht in jedem einen Antisemiten. Eigentlich gehört schon ziemlich viel dazu, mich davon zu überzeugen.In den letzten Tagen habe ich ein paar Ideen gefunden, warum das bei mir anders ist. Eventuell. Was mir schon immer klar war, war das andere aufwachsen auf der anderen Seite der Mauer. Wie schon gesagt, wurde dort kein Unterschied gemacht, zu welcher Religion man gehörte, Religion allein reichte. Was aber sicher auch eine Rolle spielt ist, dass ich in eine der bekannten Schweigerfamilien geboren wurde. In direkter Linie konnte ich nur wage rekonstruieren, was im Krieg geschah. Und in der Linie, von der ich erfuhr, was war, waren die Geschichten geprägt von Menschen, die halfen, die versteckten, ernährten, retteten. Ich habe nie ein komplett negatives Bild bekommen. Und gleichzeitig war es nicht Mittelpunkt des Lebens. Wir hatten andere Sorgen.In diesem Leben drehte es sich um andere Dinge. Die Angst, in der ich aufwuchs, das Mißtrauen hatte andere Gründe. Und heute, heute merke ich, dass es wohl tiefer in mir steckt, als ich es je vermutete. Noch heute, lausche ich quasi zwischen den Zeilen, was jemand war, wie er war und manchmal auch warum. Auch, wenn ich es will, kann ich Menschen nicht unvoreingenommen gegenübertreten, noch erstaunlicher: das Alter ist egal. Ich bin mir dessen bewusst und gehe dagegen an. Was kann das Kind vom Stasioffizier schon für seinen Vater? Parallelen? Irgendwie schon.Und doch, doch merke ich, dass meine Antennen funktionieren. Und seltsam, in Gruppen funktionieren offensichtlich auch die alten „Fronten“ noch. Die, die einer Religion angehörten (ich meine damit die, die sie auch in der DDR hatten), tun sich zusammen. Wahrscheinlich werden wir als Kinder eben doch intensiv geprägt.
Im Umgang mit den Kollegen, bei denen ich die einzige mit Ostbiographie bin, merke ich, dass meine Antennen wesentlich sensibler sind. Und meist liege ich richtig. Ich habe (zum Glück) niemandem Unrecht getan. Ich muss damit leben lernen, dass dieses Mißtrauen wohl nie verschwinden wird. Indem ich mir aber dessen bewusst bin und damit umgehe, verschließe ich mich nicht zu sehr. Und trainiere quasi den Umgang. Es gibt aber eben weiter Menschen, mit denen ich nicht umgehen kann – die Täter. Und glücklicherweise habe ich ein Umfeld, das damit umgehen kann und mich dann herausnimmt, wenn ich ein Zeichen gebe. Danke an all die Menschen! Danke, dass Ihr zuhört und zu verstehen versucht!

1 kommentar

  1. irgendwie mit Stolz und Freude erfüllt,
    liebe Juna,ist dein Umfeld ob deiner Danksagung;
    Vielmehr aber,weil Du uns in deine Gedankenwelt einblicken und so immer wieder zum Verstehen wollen anregst.
    Ich wünsche Dir und all den anderen Lesern,ein besonders erfolreiches,glückliches und gesundes 2011.
    Liebe Grüße
    Andre

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