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Gewalt

Dass Gewalt inzwischen „hoffähig“ geworden ist, ist nichts neues. Dass sie aber als „cool“ gilt…hört man gewöhnlich irgendwie im Radio oder liest davon in der Zeitung. Die Gründe für diese Einstufung werden viel diskutiert. EINEN Grund allein gibt es sicher nicht und ich werde mich auch hier nicht in Erklärungsversuchen ergehen.

Zum Grund dieses Eintrags: ich kam gestern nach der Arbeit aus dem Haus, wollte mein Rad abschließen und endlich nach hause. Was ich zuerst sah, war eine dunkelblau-weiße Wand. Das heißt ein Polizeitauto und reichlich Polizei. Offensichtlich gab es Trubel. Eine Gruppe Jugendlicher leuchteten geradezu vor Vergnügen. Ich hatte den Eindruck, sie waren froh, dass endlich was los war. Zunächst dachte ich, dass es darum ging, den zugegebenermaßen lauten Haufen doch zu bitten, ihr Samstag-Abend-normalerweise-Bushaltestelle-aber-hier-war-es-besser-Treffen doch woanders durchzuführen. Hmm, als ich dann am Abschließen war, sah ich, dass es doch etwas anderes war. Um mein Rad herum lag reichlich Blut. Und nein, mir wurde nicht schlecht – nur fand ich die offensichtliche Begeisterung nicht. Ich sah Polizisten bei der Spurensicherung, sah andere bei der Befragung von potentiellen Zeugen und vor allem sah ich eben jene vergnügten Jugendlichen, deren Abend offensichtlich gerettet war.

Nein, ich kann nicht auflösen, was geschah. Ich bin kein Gaffer. Ich nahm mein Fahrrad (was übrigens nicht bespritzt war) und entschwand. Allerdings blieb ein mulmiges Gefühl. Ein mulmiges Gefühl darüber, wie wenig das Leben, Gesundheit, Unversehrtheit geachtet wird. Wie sehr dessen Schädigung inzwischen Unterhaltung geworden ist. Wie kalt wir es betrachten. Und immer wieder, wie wenig Leben offensichtlich bedeutet. Irgendwie verstehe ich nun, warum wir so sehr viel Wert auf das Leben legen, warum man die Erhaltung der Gesundheit, des Lebens über jedes andere Gesetzt stellt. Es gab eben schon früher Erfahrungen mit Nichtachtung dieses Geschenkes.

Meine eigenen Gewalterfahrungen sind lange her, dennoch bis heute nicht verwunden. Das werden sie auch sicher nie sein. Auch sie haben mich geprägt und mich zu dem werden lassen, was ich heute bin. Ich verachte Gewalt. Das ist das, was ich von zuhause mitbekam – und was ich in meinem Leben nicht durchweg leben konnte. Allerdings gab es eine Zeit in der ich mich schämte, auf mich selbst wütend war, mich nicht gewehrt zu haben, so schwach zu sein, nichts zu tun. Heute hat sich das geändert. Ich sehe die Schwäche in den anderen. Aber eines hat sich nicht geändert. Ich werde es nicht verzeihen, aber ich stehe darüber.

2 Comments

  1. Karl Karl

    Hoffähig war Gewalt früher nicht und heute auch nicht.
    Allerdins keimt manchmal der Verdacht auf, dass trotz aller Aufgeklärtheit und nie dagewesener Bildungsmöglichkeiten, die Evolution bei manchen Zeitgenossen rückwärts geht.
    Wobei ich einem Neandertaler oder gar einem Affen hier nicht zu nahe treten will:-)

  2. Ja, irgendwie denkt man, mit Bildung stiege auch das Positive im Menschen.
    Vermutlich bräuchten ganze Generationen ein Antiaggressionstraining…

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