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Sonntags arbeiten

Nun, ich kann mich nicht beklagen. Gestern hatte ich frei. Der erste Tag nach drei Wochen. Was ich gemacht habe: nichts. Absolut gar nichts. Nein, auch kein Fußball. Das Ergebnis wird einem, ob man will oder nicht, sowieso sehr lautstark mitgeteilt. Nun frage ich mich aber, da es gestern noch bis spät in die Nacht ging, wie weit das steigerungsfähig ist. Offensichtlich traut man der Mannschaft keine weiteren Siege zu. So zumindest meine recht fußballungebildete Meinung. Und nein, ich denke nicht, dass dieses Wissen zur Allgemeinbildung gehören sollte.

Heute morgen also Fahrt zur Arbeit. Ist die Stadt am Sonntagmorgen so schon sehr müde, so schien es mir heute noch mehr so zu sein. Ein paar Menschen kämpften noch immer gegen den Eindruck des Sonnenlichts an, aber das war es dann auch. Wer mich kennt, weiß, dass ich diese Stunden mag, wenn Berlin eben noch Berlin ist. Die hippen Lokale, die es nur noch ein paar Jahre geben wird, bis irgendwelche Fastfoodkaffeepizzamodeketten auch sie geschluckt haben, sind leer. Manchmal begegnet man noch der einen oder anderen Putzfrau, die vermutlich den Glauben an die Gesellschaft inzwischen aufgegeben hat, nachdem sie oft genug deren sonst so öko-wegwerf-schmutz weg räumen durfte.

Was macht man also an so einem Tag in der Bahn? Zeitung lesen. Ich gestehe, ich bin kein regelmäßiger Papierzeitungsleser und schaue mir vor dem Kauf auch immer erst an, was mich interessieren könnte. So also heute mal die TAZ. Es sprang mich gleich das Titelblatt an: „Israel: Gelobtes Land?“, hier nachzulesen. Ich habe gelernt, dass die Aussage von Hefets „Bevor ein junger Israeli zur Armee geht, muss er mindestens einmal Suff, Sex und eine Auschwitzreise erlebt haben. Dann kann er zur Armee gehen und danach in Indien ausflippen.“offensichtlich nicht gern gesehen wird. Aber bitte, das ist doch so. Ich kenne kaum einen jungen Israeli, bei dem es nicht so war. Vielleicht sollte man noch anfügen und dann ziehen sie nach Berlin.
Nein, was ich aber wirklich interessant fand, die doch erstaunlich versöhnlichen Töne Stephan Kramers. Das war wirklich eine Überraschung. Ich ertappte mich dabei, zu denken, ob gerade Wahlkampf sei. Es kam wieder der von ihm gerügte Antisemitismus in deutschen Leitmedien zur Sprache. Dass in einen Artikel über den Nahen Osten kein Bild von Obama mit orthodoxen Juden gehört, ist selbstverständlich, zeugt in meinen Augen lediglich von Dummheit und wenig Nachdenken (das darf man vermutlich aus Zeit- und Personalmangel in den Medien nicht mehr), allerdings hat es in meinen Augen auch herzlich wenig mit Antisemitismus zu tun. Natürlich ist seine Begründung, dass der Anschein, dass „die USA von einer jüdischen Lobby dominiert […]“ wird, die Schlussfolgerung sein könne sehr schlüssig. Aber nun ja, ich bin einfach anderer Meinung. Manchmal ist es schlicht fehlende Sensibilität und kein geplanter Judenhass.
Aber alles in allem ein nicht ganz so polemischer Beitrag Kramers im Streitgespräch mit Iris Hefets. Obwohl ich eher den Eindruck habe, dass man relativ versöhnlich ist. Streit habe ich vermisst. Vielleicht liegt es auch daran, dass Kramer doch irgendwie zu einer anderen Generation gehört (ja, ich bin Optimist). Ich glaube einfach daran, dass wir besser leben können, wenn wir nicht als wandelnde Mahnmale der Schoa durchs Leben laufen. Es heißt ja Leben! Und dem sind wir verpflichtet.
Wir relativ frischen Generationen danach sind letzlich mit einem Trauma aufgewachsen. Es ist uns eingeimpft worden, wir konnten es uns nicht aussuchen. Aber wir können uns eines aussuchen, und das gilt für Juden aus aller Welt: wir müssen unser Leben nicht als Opfer verbringen, nicht immer in Deckung gehen und bei jedem Missfallen gleich den Antisemitismus ausrufen. Ja, das ist bequemer und funktioniert ja (noch?) bestens in diesem Land, in dem man auch nicht lernen kann, einfach mal normal mit uns jungen Juden umzugehen. Ich bin kein wandelndes Mahnmal und viele meiner Freunde können auch nicht damit umgehen. Einige fühlen sich sehr wohl darin. So sucht es sich jeder aus. Letztlich aber gibt es wichtigere Dinge im Leben. 

Und nochmal zum Artikel: Lesenswert. Inzwischen war ich auch im Büro angekommen…und habe Denkfutter bekommen.

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