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Kleine Orte

Ich hatte ja mal angekündigt, ich wolle gern über kleine Orte in der Stadt berichten, die irgendwie mit dem Thema zu tun haben und abseits von JMB und Denkmal eine Arbeit tun, die wie ich finde wichtig ist und viel zu selten gesehen wird. Vielleicht kann ich ja doch mal den einen oder anderen dazu verführen, einen dieser Orte aufzusuchen.

Beginnen möchte ich heute an einem Ort, der eigentlich recht bekannt ist. Tummelt sich schließlich allerlei touristisches und eingeborenes Volk an dieser Ecke. Nichts mehr zu spüren ist von der einstigen Stille hier. Die Häuser haben inzwischen alle diesen sterilen (Nicht-)Charme anderer Berliner Bezirke: Der Hackesche Markt. Eine kleine Ecke aber gibt es, an der man noch sehen kann und auch weiterhin sehen können wird, wie es hier aussah und wie es vor allem auch für diesen Teil Berlins typisch war. Man sucht einfach das schmale Haus in der Rosenthaler Straße 39. Seit längerem bekannt und gut Besucht ist das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt. Was viele aber nicht wissen und wahr nehmen ist, dass es dort noch einen weiteren Ort gibt. Gleich in der Toreinfahrt zum Hof befindet sich im Vorderhaus die Gedenkstätte Stille Helden. Erst im Herbst 2008 eröffnet und wie ich finde viel zu wenig beachtet, widmet man sich dort der Sammlung und Wiedergabe von Erinnerungen über den Widerstand gegen die Judenverfolgung im Nationalsozialismuch. Man braucht zugegebenermaßen Zeit für diesen Ort. Zwar findet man im Obergeschoss ein paar Vitrinen mit Objekten, doch das wirklich Interessante, sind die gesammelten Geschichten der „Stillen Helden“. Menschen, die fast wie selbstverständlich Juden halfen, versteckten, versorgten – ihnen das Überleben sicherten und ihr eigenes Leben damit aufs Spiel setzten. Nur selten erhielten diese Menschen die Anerkennung, die sie m.E. verdienten. Fast möchte man vermuten, dass solche Geschichte auch im Nachkriegsdeutschland nicht gern gehört waren. Da sie zeigen, dass es möglich war zu helfen. Das Menschen dies taten und offensichtlich dann auch nie darüber sprachen. Daher sind diese Helden die stillen Helden dieser Zeit. Keine Filme wurden über sie gedreht, keine Bücher geschrieben…ihr Handeln war für sie vermutlich selbstverständliche Menschenpflicht.
In der Gedenkstätte nun werden diese Geschichten gesammelt. Im Eingangsbereich findet man beispielhafte Geschichten auf Einführungsbildschirmen zum selbst erkunden, so zum Widerstand in der Kirche, „Retter in Uniform“ aber auch über Verfolgte, die anderen Verfolgten halfen kann man hier mehr erfahren. Diese Geschichten sind exemplarisch. Geht man nun ins Obergeschoss gelangt man nach den Vitrinen in enen Raum mit einigen Monitoren an Tischen: Recherchestationen. Hier kann man nun nach Ort, Namen etc. über Menschen lesen, die geholfen haben oder denen geholfen wurde. Soweit sind es wohl über 400 Biographien, viele mehr sind bereits gesammelt worden und sollen nach und nach eingepflegt werden. Man sammelt weiterhin, die Gedenkstätte sucht Erinnerungen und plant, diese auch über die deutschen Grenzen auszuweiten.
Ein stiller Ort für die stillen Helden, aber ein guter Ort. Für den man Zeit mitbringen muss. Dennoch, kein Gedenkstein, einfach ein aktives Museum in Entwicklung. Es gibt hier keine Effekte, keine architektonischen Beeinflussungen. Wie ich finde, eine der gelungensten Gedenkstätten der Stadt, vielleicht auch Deutschlands. Und für Menschen wie mich, die ihre Existens wohl solchen Menschen verdanken ein um so wichtigerer Ort. Denn den einfachen helfenden Menschen verdanken wir das Überleben der Vorfahren.

Ich hoffe, dass sich mehr Menschen dort hin verirren werden und nicht vorbei laufen. Ja, es gibt dort nichts zu sehen, was dramatisch oder gruselig ist. Es gibt dort zu sehen, worüber man in Deutschland kaum spricht: den ganz normalen alltäglichen Widerstand. Auf den man viel zu wenig achtet. Denn den gab es auch.

Treppe und Vitrinen im Obergeschoss (Foto: Plickert Glasereibetriebe GmbH)

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