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Elitärer Club?

Es gibt Clubs, in denen möchte man nicht Mitglied sein. Mir geht es z.B. bei elitären Clubs so. Wenn ich merke, dass Menschen Vorurteile haben und nicht grundsätzlich jedem offen stehen, entwickle ich eine gewisse Abneigung. Und dann gibt es natürlich noch die Clubs, in denen man als Jude so oder so nicht Mitglied werden kann. So erging es mir in den USA bisweilen. Wobei Clubs dort eine wesentlich wichtigere gesellschaftliche Rolle spielen. Wie dem auch sei. Es gibt auch andere Menschen. Nämlich solche, die um alles in der Welt Mitglied eines exklusiven Clubs sein wollen. Und sollten sie keinen finden, der sie aufnimmt, so machen sie offensichtlich ihr normales Umfeld dazu. So meine Theorie. Woher der Gedanke kommt?

Die Erzählung eines Freundes neulich. Er war bei einer Diskussionsveranstaltung. Das Thema war recht neutral, im nachhinein ging ihm auf, dass offensichtlich nur zwei Personen keine Juden waren. Nun ja…im Anschluss entsponnen sich Gespräche. Er kannte einige der Gäste dort. Man hatte sich schon auf anderen Veranstaltungen, auch rein jüdischen gesehen. Die Stimmung war gut und offen, man freute sich, ihn wieder zu sehen. Zum Hintergrund: er spielt aber eine entscheidende Rolle in seinem Berufsfeld in seiner Stadt, ist vor allem mit der Integration und dem Kampf gegen Rassismus betraut. Er ist kein Jude, ist aber in den jüdischen Netzwerken integriert, geht auch privat gelegentlich zum G’ttesdienst – ganz einfach, weil er sich wohl fühlt. Wenn man ihn darüber sprechen hört, hört man so einige andere sprechen in ihren Anfängen…bevor sie sich zum Gijur entschließen.

Zurück zur Situation. Es entsponn sich ein Dreiergespräch. Er, eine Dame, die er schon kannte und eine andere Dame. Letztere schien größten Wert auf ihre jüdische Herkunft zu legen, hatte aber offensichtlich überhaupt keine Ahnung, was Judentum ist, kannte keine Feiertage, war noch nie in der Synagoge etc. Also, alles im allen, eine ganz normale „kulturelle“ Jüdin – vielleicht mit etwas mehr Hang zum Stammbaum. Die andere Dame hörte das und lud sie zum Schabbat ein. Sie mache mehrfach jährlich, auch zu den Feiertagen ein Essen, an dem quasi alle Leute teilnehmen können, je mehr, um so besser, sie freut sich immer, wenn sie jemanden, der offensichtlich sonst keine religiöse Anbindung hat, einführen könnte. Man kennt diesen Typ von Menschen. Das Grundprinzip der jüdischen Gastlichkeit. Die Eingeladene schien erfreut und wies dann auf den dritten Gesprächsteilnehmer hin, dass er doch auch eingeladen werde könne. Die Frage der Dame nun war, ob er denn jüdisch sei. Was dieser ehrlich verneinte. Daraufhin wurde erklärt, das käme nicht in Frage.

Als ich das hörte stieg der Wutdampf in mir hoch. Was soll das? Da ist ein Mensch, der interessiert ist. Der die jüdische Welt entdeckt, bereits unglaublich viel gelernt hat, es aufsaugt und sich vor allem darin wohl fühlt. Kein Beseelter, kein Mensch, der aus einem falsch verstandenen Christentum meint, er müsse jüdisch leben, niemand der einen Lebensinn sucht, einen Familienersatz. Einfach nur ein angenehm offener und interessierter Mensch, der eine Bereicherung für jeden Gespräch und damit für mich auch für jeden Schabbattisch ist. Dem gegenüber steht eine Dame, die kein Interesse am jüdischen Leben hat, wohl aber ihre Herkunft gern als Argument benutzt, damit man vorsichtig ist, in dem, was man sagt. Kurz: wir sind kein elitärer Club, in dem man nur qua Geburt Mitglied sein kann. Ja, ich weiß, es wird zu gern so gesehen. Aber es ist falsch. Es macht mich wütend und es wirft ein schlechtes Bild auf uns. Es ging um ein ganz normales Schabbatessen. Himmel…! Nicht darum, die Torarollen in der Synagoge zu tragen oder eine Beschneidung durchzuführen. Wäre ich eine vierte Person in diesem Gespräch gewesen, so hätte ich darufhin die Einladung der Dame abgelehnt. Jemand, der sich so verhält…nein danke!

Ja, es gibt Dinge, die wir lieber und besser allein machen. Und nein, wir freuen uns auch nicht, wenn Nichtjuden unsere Feiertage nachstellen und wir dazu noch kommen sollen. Gewisse Dinge haben gewisse Voraussetzungen…ich habe, nach diesem Gespräch mit dem Freund, der zugegeben verstört war nachgedacht. Bei den Schabbatessen, die ich gegeben habe war es mir egal, welcher Religion die Teilnehmer waren. Es war klar, dass es ein Schabbatessen mit allem jüdischen Drum und Dran war. Aber sonst war ein ein Zusammenkommen von Freunden, von Menschen, die sich mögen, sich bereichern können, sich kennen lernen sollten. Einfach ein Abend der Würde des Schabbat angemessen – so wie ich ihn empfinde zumindest.

Wenn man also, wie jene Dame empfindet, so stelle man denjenigen nicht so bloß. Das ist demütigend und unangebracht. Eine kleine Genugtuung aber gab es. Es wurden Visitenkarten getauscht. Beim Anblick des Familiennamens des Freundes wurde jene Dame etwas blass. Es ist ein so eindeutig jüdische Name, dass man sich doch fragen muss, ob da nicht noch Wurzeln in der Vergangenheit wären…. Nur, dass er eben nicht danach sucht, da es für ihn nichts ändern würde…er würde sich vermutlich auch dann nicht als Jude betrachten, wenn er halachisch einer wäre – dem Stammbaum nach…

6 Comments

  1. Anonym Anonym

    Interessantes Thema. Ich habe mich als Christ seit Jahren mit dem Judentum befasst. Da ich in meinen ostfriesischen Gefilden keinen Kontakt zu Juden aufbauen kann(Oliver Polak aus dem nahen Papenburg, war mir damals noch kein Begriff), beteiligte ich mich dann an Gesprächen in jüdischen Foren. Obwohl ich keine missonarischen Kommentare schrieb und wirklich interessiert war, erhielt ich auf die Bitte an einen Blog-Betreiber, mir doch zur jüdischen Geschichte von 2000 – vor 1933 einen kleinen Überblick zusammenzustellen (in seinem Blog gab es eine unendlich lange Übersicht zu diesem Thema) die arrogante Antwort, ich solle mich doch lieber mit dem Tanach befassen, statt meine Zeit vor der Glotze zu verbringen.

    Auch im Blog "Leben in Jerusalem" habe ich desöfteren geschrieben. Neuerdings ist dieser nur noch für Blogbetreiber offen. Seitdem schreibt dort ausser Frau Wölke nur noch eine einzige weitere Person.

    Dieter L.

  2. Lieber Dieter,
    ich denke, viel kann man mit Erfahrungen beantworten. Wenn man übermäßig mit antisemitischen oder missionarischen Kommentaren bombardiert wird, verliert man höchstwahrscheinlich die Geduld und manchmal auch die Nerven. Man ein Blog ist davon mehr betroffen als andere.
    Die jüdische Geschichte kurz darzustellen ist mit Sicherheit ein schwieriges Unterfangen, aber die Antwort hätte wahrlich eine andere sein müssen, z.B. erst einmal zu fragen, was Dich konkret interessiert und evtl. mit entsprechenden Buchtips oder hilfreichen Internetressourcen zu dienen. Von mir an dieser Stelle der Hinweis auf talmud.de
    Insofern, ja, es gibt diese Antworten, die gerade im Web wie ich finde überproportional auftreten. Irgendwie scheinen die Menschen hier aggressiver zu agieren. Ich halte mich inzwischen auch aus diversen Foren raus. Man muss sich ja nicht unnötig ärgern.
    Auch im direkten Kontakt ist es oft schwierig, das Misstrauen ist groß. Allerdings muss ich gestehen, dass ich bisher nie schlechte Erfahrungen mit "Neugierigen" gemacht habe. Auch, wenn gelegentlich merkwürdige Dialoge entstanden. Aber so hat man wenigstens ein paar Geschichten in seinem Leben.

    In diesem Sinne, es gibt immer Sone und Solche.

    Herzlich,
    Juna

  3. Anonym Anonym

    Moin Juna,

    erst möchte ich mich einmal für meine "Bandwurmsätze" entschuldigen. War in Eile.

    Die Gründe, weswegen ich mich mit dem Judentum beschäftigte, liegen einfach darin, dass ich meinen christlichen Glauben nur von seinem Ursprung her verstehen kann.

    Ich halte das jüdische Volk für das auserwählte Volk G´ttes, da ich in der Geschichte dieses Volkes genau das erkenne, was in der Bibel vorhergesagt wurde. Allerdings nehme ich keineswegs den Standpunkt mancher amerikanischer Schwärmer ein.

    Was mich interessiert, ist die Entwicklung bzw. die Fehlentwicklung des christlichen und des jüdischen Glaubens in nachbiblischer Zeit. In diesem Zusammenhang lese ich z.B. z.Zt. das Buch von Pinchas Lapide "Wurde die Bibel richtig übersetzt."

    Jüdische Feiertage, die meisten religiösen Begriffe (selbst die "Rote Kuh") sind mir inzwischen geläufig.

    Was meine Bitte an den guten Blogbetreiber betrifft, so war es so, dass in diesem Blog bereits eine lange Austellung geschichtlicher Daten vohanden war. Da meine Tochter mich gebeten hatte, in ihrer Jugendgruppe einen Vortrag zu diesem Thema zu halten, wollte ich diese Aufstellung nutzen und bat darum, mir die wichtigsten Punkte zu nennen. Den Vortrag habe ich dann trotzdem gehalten und es scheint so, als ob ich einige Jugendliche für dieses Thema interessieren konnte, denn sie baten mich um Material zwecks Nacharbeit.

    So, das war jetzt schon reichlich viel. Aber keine Angst: ich gedenke nicht mich jetz auf deinen Blog zu stürzen und dich vollzusülzen.

    Alles Gute
    Dieter L.

  4. Nun, das ist in der Tat etwas schwierig. Jeder gewichtet schon anders, besonders bei den kleineren Entwicklungen. Ich halte mich an Leo Trepp "Die Juden – Volk, Geschichte, Religion". Das würde mir jetzt auf Anhieb einfallen. Allerdings im Zusammenhang mit dem Christentum braucht es natürlich andere Literatur als die quasi rein jüdische. Da bin ich ad hoc etwas überfragt.
    Sehr grob gesagt ging es ja um eine Abgrenzung zur Machtsicherung. Und mit der Hinwendung Konstantins zum Christentum und Erhebung zur Staatsreligion musste man die Konkurrenz ausschalten bzw. beschneiden. So dann auch die Verlegung des Ruhetages auf den Sonntag etc. Ich bin allerdings keine Theologin, daher kann ich es auch nur so sehr grob sagen. Eines bin ich mir allerdings sehr sicher. Wenn Jesus denn ein gläubiger Jude war, und davon gehe ich aus, so war er mit Sicherheit gegen eine Anbetung seiner Person und Unterstellung, er sei G'ttes Sohn (dessen Kinder wir ja alle sind), denn dies käme dem Götzendienst gleich. Außerdem wage ich es arg zu bezweifeln, dass er nicht verheiratet gewesen sein soll und keine Kinder hatte, denn auch dies widerspricht den Grundsätzen des Judentums.
    Ich kenne einige Menschen, die durch das Hinterfragen ihrer eigenen Religion, das Christentum, zum Judentum kamen. Sie nennen es auch "zu den Wurzeln". Auch gibt es christliche Kirchen, wie z.B. die Adventisten, die einige Änderungen der Kirche wie prominent den Ruhetag wieder am eigentlichen Tag halten.
    Es ist immer wichtig, alles zu hinterfragen, Gründe und Wurzeln zu kennen. Manchmal wird man im Eigenen sicherer, manchmal aber findet man Neues.
    Ich möchte es auch nicht versäumen, vielleicht mal einen Besuch im Jüdischen Museum Berlin zu empfehlen. Denn hier geht es auch um das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands (angefangen mit Kaiser Konstantin übrigens 😉

    Ich schaue mal zuhause im Bücherregal ob ich noch etwas (kurzes vielleicht) empfehlen könnte. Inzwischen wird die Auswahl ja größer und etwas aus jüdischer Perspektive zu lesen ist auch immer ganz gut.

    Herzlich,
    Juna

  5. Anonym Anonym

    Es geht mir eigentlich weniger um die geschichtlichen Zusammenhänge, mit denen ich mich natürlich auch auseinandergesetzt habe.

    Meine Fragen sind eher folgende:

    War der Glaube, egal ob jüdisch oder frühchristlich, vor 2000 Jahren überhaupt mit dem zu vergleichen, was wir heute unter ihm verstehen?

    Bei Heiligenverehrung, Unfehlbarkeit des Papstes und vielen Riten ist mir klar, dass dies völliger Unsinn ist. Aber ich frage mich auch, wo denn im Protestantismus Irrwege gegangen werden. Ebenso interessiert es mich, ob nicht im Judentum eine ähnliche Entwicklung stattgefunden hat. So denke ich manchmal, dass auch hier oft die Form wichtiger ist als Glaubensinhalte.

    Natürlich wandelt sich mit der Zeit die Ausdrucksform einer Religion. So kann ich es z.B. nicht einsehen, warum in manchen Kirchen heutzutage noch von einer festen Burg und vom Schwert des Glaubens gesungen wird. Mir ist zumindest in meinem Leben noch nie ein echter Ritter über den Weg gelaufen. Was jedoch Bestand haben muss, ist der Glaubensinhalt.

    Meine Vorstellung ist also ein urprünglicher Glaube in einer modernen Ausdrucksweise. Ich denke zwar, dass dieser Glaube bei mir persönlich so vorhanden ist, überprüfe dies augenblicklich aber selbstkritisch.

    Schönen Abend noch
    Dieter L.

  6. Super, jetzt ist meine sehr lange Antwort verschwunden. Eigentlich verantwortlich beantworten kann ich Deine Frage gar nicht, da mir das wissenschaftliche Wissen fehlt. Eine gute Darstellung aber finde ich im "Schnellkurs Judentum" von Monika Grübel und in der Broschüre "Judentum verstehen"

    Zum Protestantismus, Luther beabsichtigte ja zunächst den Rückkehr der Kirche vom Pomp und Ablasshandel zum wirklich wichtigen. Eigentlich löblich. Nur dass wir ihm die sogenannten Judensäue verdanken. Mit dem Protestantismus und den nicht zu bekehrenden Juden begann eine neue Welle des Hasses. Verständlich also, dass man diesem Mann auch etwas skeptisch gegenüber steht. Es ist eben nicht alles gut und böse…

    Ich bin überzeugt, dass ein heutiger Jude mit anständiger jüdischer Bildung (egal welcher Ausrichtung) auch vor 2.000 Jahren zurecht kommen würde. Wir haben zwar seit 70 u.Z. keinen Tempel mehr und bringen keine Opfer dar, andere Riten haben das ersetzt. Die Grundzüge, Feiertage etc. aber blieben erhalten. Wir wissen, was deren Ursprünge sind. Das Judentum wurde über die Jahrhunderte den jeweiligen Gegebenheiten angepasst und so geschieht es noch heute, von Generation zu Generation. Daher ist es wohl überlebensfähig. Wir können überall auf der Welt in einer Gemeinde zu Gast sein und sind immer zu hause, die Riten unterscheiden sich nicht. Die unterschiedlichen Strömungen bedingen zwar heftige Diskussionen (zwei Juden, drei Meinungen), aber letztlich sind wir alle miteinander verbunden. Es gibt keine Autorität konzentriert in einer Person, keine Dogmen. In vielem können wir freier aufwachsen als manch christlicher Mitmensch (keine Sünde ab Geburt z.B.).

    Mir hat einmal ein Konvertit gesagt, das Christentum warf bei ihm nur unbeantwortete Fragen auf, das Judentum nur Antworten. Das ist wohl die beste Beschreibung, eines Glaubens, der einfach auch nur Lebensstil ist.

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