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Argument Antisemitismus

Gerade sehe ich auf 3sat in der Kulturzeit einen Beitrag zur Künstlergruppe Surrend und ihrer letzten Aktion. Es schwebte kurz durch die Medien der Stadt. Sie plakatierten solcherlei Plakate:

Das Areal und alle Städte mit Ramallah benannt. Ein Aufschrei ging durch die Republik, die Gemeinden (Berlin vorneweg) und das Wiesenthal Zentrum äußerten sich: „Antisemitismus!“, „Provokation!“, „Die Künstler anzeigen“. Ich habe die Diskussion nicht weiter verfolgt. Zu lächerlich fand ich das Ganze. Zur ähnlichen Zeit eine weitere Äußerung des sich immer äußerden Stefan Kramer zum Antisemitismus deutscher Zeitungen. Himmel…entspannt Euch doch einmal. Wer zu oft schreit, dem glaubt man irgendwann nicht mehr. Ist es tatsächlich sooooo neu und skandalös, dass diverse Blätter historisch bedingt eher auf palestinensischer Seite stehen, den Zionismus nicht lobend erwähnen? Muss man sich darüber noch auslassen und muss man so tun als wäre des etwas Neues? Muss man Kunst sofort vertäufeln, führt man sich nicht selbst vor, wenn man genau kalkuliert so reagiert, wie gewollt? Gibt es nicht Wichtigeres im Leben? Ist es nicht skandalöser, wenn man nur über uns redet, aber nicht mit uns?

Was ich persönlich viel viel schlimmer finde, ist, wenn man von uns Juden in der Vergangenheit spricht. Hallo, wir sind da und ziemlich lebendig und vor allem auch ziemlich widersprüchlich. Wenn man Essen betrachtet (nachzulesen bei Chajm) betrachtet, macht man gerne, liebend gerne etwas über Juden. Es gibt ja Geld, und keiner wagt zu widersprechen und außerdem wird man ganz bestimmt geachtet durch das Engagement. Wer traut sich schon zu kritisieren? Die Juden selbst will man nicht, bzw. nur dann, wenn sie dankbar sind für alles, was geliefert wird. Kritik unerwünscht. Als Jude hat man eben wohl nur zum Wächter über Antisemitismus zu taugen – ob es nun welcher ist oder nicht. Aber eigentlich braucht es uns nicht mal dafür. Die nichtjüdischen Deutschen tun das auch ganz gut. In ihrer ständigen Angst, etwas falsches zu sagen oder zu tun werden sie so verkrampft, dass sie schon nicht mehr wissen, wie sie mit unsereins umgehen sollen. Als ob man das nun müsste. Ich gebe zu, es gibt genügend Juden, die dies ausnutzen – wie es eben auch Nichtjuden gibt, die es ausnutzen, um entsprechende Aufmerksamkeit zu erhalten.

Bei mir ist es ganz einfach. Wenn man mich wirklich unentspannt machen will, dann mir ehrführchtig, „mitfühlend“ oder sonst wie begegnen, sein Verhalten zu ändern, wenn man über meine Herkunft bescheid weiß oder eben sich nicht traut, uns als das zu benennen, was wir sind: Juden. Ich habe ja auch noch niemanden „Mitbürger christlichen Glaubens“ genannt. Und noch eines: Herr Kramer ist nicht der Zentralrat, er hat einfach nur den Drang sich unentwegt zu äußern, ob er nun gefragt wird oder nicht, hauptsache, er kann seinen Namen irgendwo lesen.

Wir sind wohl noch lange nicht da angekommen, wohin ich uns träume – aber gut, Berlin ist eigentlich schon nah dran.

9 Comments

  1. Die Plakat-Aktion ist keine Kunst, sondern eine politische Aussage. Ebenso waren die antisemitischen Schmähungen in den sowjetischen Zeitungen (im Feuilleton angesiedelt) weder freie Meinungsäußerung, noch Kunst.

    Witzig fände ich es, wenn dieselbe Karte in abgewandelter Form verklebt und anstatt "Ramallah" Tel Aviv schreiben würde. Der Aufschrei wäre sicherlich riesig.

  2. Nun, Herr Kramer sprach aber nicht von sowjetischen Zeitungen sondern von der Jungen Welt, Neues Deutschland und Tagesspiegel.

    In Deutschland könnte man auch mit von der von Dir vorgeschlagenen Variante des Plakats eine Reaktion hervorrufen. Da stimme ich Dir zu. Nichts desto trotz ist man sich im Vorfeld dieser Reaktion bewusst und kalkuliert sie. Nur dadurch ist die Aufmerksamkeit erreicht worden, sonst hätte es keiner bemerkt.

    Wenn sich jemand zu Israel kritisch äußert kann es sein, dass er das Land nicht mag, die Politik oder sonst was, er muss aber nicht Antisemit per se sein. Wenn jemand mich nicht mag, über mich herzieht oder ähnliches ist er nicht in erster Linie Antisemit, sondern jemand, der mich nicht mag. Wenn er das aber nur tut, weil ich Jüdin bin, dann ist das Thema etwas anderes.
    Wir verlangen gern Differenzierung, müssen aber selbst auch differenzieren.

  3. Bzgl. Kramer stimme ich dir zu. Er pauschalisiert und macht den Zentralrat – damit uns Juden – lächerlich.

  4. Als nichtjüdischer Deutscher muß ich Dir Recht geben bei der Verkrampfung. Normal äußere ich gerne und oft Kritik (vielleicht höre ich mich einfach gerne reden) an bestimmten Dingen und Zusammenhängen, vor allem im politischen Bereich. Nur wenn es um Israel geht, werde ich plötzlich übervorsichtig, will ich doch um G'ttes (wäre es unhöflich das o auszuschreiben? Sorry für die Frage, aber als nichtjüdischer Deutscher begegnet man selten einem Juden, den man das mal fragen könnte) Willen nicht als Antisemit bezeichnet werden.
    Und gerade diese Aussage jetzt könnte man mir schon wieder als Antisemitismus auslegen. Mist! Naja, ich wollte bloß mal aus Sicht eines Goyenen sagen: Korrekt analysiert.

  5. Also, ich würde es nicht als unhöflich empfinden, wenn Du das "o" schriebest. Die anderes Bezeichnungen aus den vier bekannten Buchstaben finde ich problematischer. Aber letztlich ist es ja doch nur uns Juden verboten…meine Meinung.

    Ich denke, der Wille zur Überkorrektheit der Deutschen in der jüngsten Geschichte, legt ihnen selbst Steine in den Weg. Ein unbeschwerter Umgang mit Juden von heute wird schon in der Schule unmöglich gemacht. Und oft entsteht der Eindruck, dass es von uns gewollt ist. Nichts aber verkrampft mehr, als das unsichere, verkrampfte Schweigen als Reaktion auf einen Juden. Wenn dann doch das Totschlagargument kommt, muss man es wohl aushalten. Oft genug ist es ein Zeichen für Hilflosigkeit. So kann man ja jeden Widerspruch ersticken und es wird gern – egal von welcher Seite – genutzt.
    Das beste ist es wohl, selbst zu analysieren, was der Hintergrund für Kritik ist und entgegenzuhalten. Die Analyse kann schwierig sein und das scheut man gern.

  6. Ich sehe nicht, dass nichtjüdische Deutsche sich bzgl. des Themas Israel und/oder Juden verkrampfen.

    Das Gegenteil ist der Fall. Vielen ist es schlicht egal, die anderen sind gegen Israel eingestellt und in wenig gebildeten Familien herrscht eher ganz platter Antisemitismus. Einige finden es sehr interessant oder kommen aus christlichen Kreisen, finden es also ganz toll..

    Ich bin bisher nur 2-3 Deutschen begegnet, die unangenehm schwiegen, als sie erfuhren, dass ich Jude bin.

  7. Nun, mir haben selbst Freunde nach einigen Jahren gestanden, dass sie anfänglich nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollten – eben weil sie über meine Herkunft wussten.

    Die gewöhnliche Reaktion – und wir scheinen ja unterschiedliche Erfahrungen haben – ist, entweder das merkbare Überlegen, wie man sich nun verhalten soll oder aber die prompte Erzählung über den letzten Gedenkstätten- Museums- oder Israelbesuch. Was ich auch als Unsicherheit auslege. Ich käme nie auf die Idee, vom meinem letzten Kirchen- oder Italienbesuch zu erzählen, wenn ich einem aktiven Christen begegne.

    Aber wie dem auch sei. Die Erfahrungen sind unterschiedlich.

  8. Ich habe festgestellt, das gerade junge Menschen sehr wenig "Probleme" zu haben scheinen. Kannst du das bestätigen?

  9. Meinst Du jetzt junge Juden mit jungen Nichtjuden. Ja, ich denke schon, dass man langsam unbefangener wird als in den älteren Generationen – wenn die jetzt nicht noch immer diktieren wollten, wie man sich zu benehmen habe…

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