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Gedanken…

Ausgehend von dieser Diskussion bei Chajm, die offensichtlich wiedereinmal einen wunden Punkt traf, sind mir ein paar Gedanken gekommen. Ausgangspunkt war unter anderem dieser Artikel hier, den ich bis auf ein paar Ungenauigkeiten (ich wundere mich z.B. noch immer, wer die Rabbinerin in Berlin nach amerikanisch Reformierten Ritus inklusive Orgel sein soll) eigentlich sehr gut getroffen fand. Werden wir nicht immer nur als Opfer gesehen, oder sehen wir uns nicht auch zu Teilen gern als solche. Mich regt das schon lange auf. Ich will nicht mit Samthandschuhen angefasst werden, ich bin kein Alien oder irgendein seltsam empfindsames Wesen, mit dem man nicht reden kann. Natürlich sehe ich manche Dinge anders – es wäre ja auch langweilig, wenn wir uns alle einig wären. Und vielleicht reagiere ich auf manche Dinge auch anders, das kann aber genausogut daran liegen, dass ich lange in einem bestimmten Umfeld gearbeitet habe, das sensibilisiert. So sehe ich es z.B. auch mit dem Zentralrat, ist man zu lange dabei, sieht manzwangsläufig Gespenster, die nicht notwendigerweise spuken.

Nun ja, zurück zu Chajms Sicht, es lohnt sich, sich durch die Kommentare zu wühlen. Widersprüchlich sind sie und zum Teil sehr einseitig gedacht, aber dennoch ein paar Gedanken haben mich angestoßen. So z.B. der Gedanke Romans, dass man die Abstinenz der russischen Juden vom Glauben nicht als freiwillig betrachten darf, so sehe ich es auch in der DDR. Natürlich gab es die kleinen Gemeinden, offiziell war dort alles gut, man durfte seine Religion leben…es war bei weitem nicht so wie in der Sowjetunion, dennoch… Und heute, heute wird sich gewundert, wenn ich eben nicht religiös aufwuchs, jedenfalls nicht so, wie man es im „Westen“ gewohnt war. Dazu kommt, dass man den älteren Generationen keinen Vorwurf machen kann, dass sie nach dem Krieg nicht sonderliches Interesse hatten, an etwas festzuhalten, was ihnen nur Leid verursachte. Ja, ich habe meinen Weg gefunden, allein. Ich wurde nicht gedrängt, es wurde nicht erwartet. So scheint es aber bei den „russischen“ Juden zu sein. Nur, weil die Ahnen jüdisch waren, man selbst als Volkszugehöriger diskriminiert, verfolgt wurde und letztlich deshalb aber auch ausreisen konnte, kann man doch nicht erwarten, dass sie plötzlich an etwas glauben, das sie nicht kennen. Es sind mündige Menschen, hoch gebildet…und ja, sollten sie nun die Möglichkeit nutzen und sich in der Religion ihrer Vorfahren zu bilden, womöglich zurückzukehren, dann ist das wunderbar. Sollten sie dies nicht tun, dann…nun ja, wem kann man es vorwerfen? Nicht jedermans Weg ist ein religiöser. Hätte man mich gedrängt, ich weiß, ich hätte mich gesträubt. Die Revolution fiel genau in meine Bat Mizwa Zeit…nein, ich habe dann auch keine gemacht, warum auch, ich bin gar nicht auf den Gedanken gekommen, Jugendweihe allerdings kam für mich nicht in Frage, aber das hat andere Gründe.

Was ich aber eigentlich sagen wollte, man kann „Abtrünnige“ ja meinethalben verabscheuen und sie auch nicht unbedingt verstehen, die Erwartung allerdings, dass sie zum Glauben ihrer Vorfahren zurückkehren, und dann noch in Gemeinden, die schon ohne den ehemaligen russischen Pass nicht sonderlich einladend sind, kann man keinem verdenken. Es wird so gern geurteilt, aber wie ich sehe doch genauso gern werden die Umstände übersehen. Es ist leicht, sich heute darüber aufzuregen, dass sich im 19. Jahrhundert Menschen ahben taufen lassen, um vielleicht einmal gesellschaftlich anerkannt zu werden…auch heute noch gibt es Länder, in denen der Taufschein eindeutig von Vorteil ist. In unserer gesättigten, sicheren Umgebung, in der wir zwar offensichtlich noch immer hinter jeder Ecke den Feind lauernd vermuten, ist es offensichtlich leicht, Relationen zu verlieren.

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