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"Normale" Argumentationskette

Der Winter in Berlin ist selten, grau und unorganisiert. Zumindest weiß man das, wenn man hier lebt. Und dann kommt auch noch ein richtiger Winter…damit hat man doch nicht gerechnet. Viel kann man bei diesen Eisschichten nicht mehr machen. Auch mich hat es schon das eine oder andere Mal hingeworfen. Mein Körper ein Vorbote des Frühlings: sehr farbenfroh.

Neulich am Haus unterhielten sich einige Menschen über den Winterdienst – oder eben eher Nicht-Winterdienst. Denn sobald man keine vier Räder hat und sich auf den Hauptstraßen bewegt ist man ziemlich wackelig unterwegs. Es ist ja nicht so, dass der Winter jetzt so überraschend war. Und ja, damals in Ostpreußen (meine Ohren gespitzt), waren die Winter ja noch härter und länger und mit viel mehr Schnee….in meiner unendlichen Naivität hoffte ich auf ein paar Geschichten von dort, wie ich sie von meiner (nicht biologischen) Großmutter kannte. Naja, im Gegenteil zu ihr war man schnell bei der Flucht, heute mehr Vertreibung genannt. Plötzlich schien ich mich in einem Strudel zu befinden. Strudel von Erinnerungen, Verurteilungen, Selbstmitleid. Ja, ich bin hier etwas hart, ich kenne das nicht. Meine Großmutter, die etwa in meinem Alter ihre Heimat verlassen musste hat sich nie bemitleidet. So wuchs ich auf. Ich wuchs auf mit Erinnerungen, wunderschönen Bildern dieses Landstriches, Geschichten aus einer anderen Zeit, aber eben auch damit zu erfahren, dass „wir es selbst verschuldet haben“, dass „niemand sagen kann, er hätte nichts gesehen, die Menschen sind doch in ihren Lumpen durch die Stadt getrieben worden…“. Ich weiß, dass diese Großmutter etwas Besonderes war, indem sie so von ihren Erinnerungen sprach, von der Flucht. Nun ja, zurück zur Straßennachbarschaft. Im Selbstmitleid meinte man schnell, es würde ja nichts für die Vertriebenen getan, ständig irgendwelche Denkmale für „irgendwelche“ Leute, aber über sie würde niemand sprechen. Ich warf ein, dass sie ja im Gegensatz zu „irgendwelchen“ Leuten noch in der Lage seien selbst zu berichten und nicht ermordet wurden. Nun ja, aber der Bruder sei doch schließlich auch gefallen…und man habe doch selbst soviel Tod erlebt. Ich erwiderte, dass das richtig sei, diese Zeit könne man nicht anders als leidvoll bezeichnen. Dennoch gibt es ein paar Unterschiede. Und schließlich soll es doch auch ein Museum für die Vertriebenen geben, aber irgendjemand meint ja dort sein persönliches Denkmal errichten zu müssen und damit käme es nicht voran. Außerdem geht es nicht darum aufzuwiegen. Man kann Leid nie aufwiegen, es ist immer ein persönliches Empfinden. Naja, ich hatte natürlich keine Ahnung in meinem Alter, und überhaupt, die jungen Menschen wüßten ja nicht…naja, und dann das ganze Geld, alles ginge an die Juden. Immer mehr Geld und sie zahlen und zahlen und kriechen zu Kreuze und nie ist es genug für die Juden…
Ehm, nun ja, meine Contenance war dann doch vorbei: „Was konkret zahlen Sie denn?“ und „Wofür?“, „ja ein Denkmal nach dem anderen wollen die und an uns denkt keiner“. Man bezog sich auf das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“…dessen Freund ich zugegebener Maßen auch nicht bin. Also sagte ich der erregten Gruppe, dass man sich doch besser informieren solle, denn schließlich ginge dieses Denkmal auf eine Initiative von (berufsbetroffenen) Nichtjuden zurück, wurde vom Bundestag beschlossen und bezahlt. Der Zentralrat war meines Wissens nicht sonderlich erpicht darauf und bat im Gegenteil um eine Umwidmung für alle Opfer…das wurde abgelehnt… und nun steht das Ding da und einige Menschen fühlen sich besser und meinen nun, sie hätten ja schließlich damit gezeigt, dass sie gute Menschen seien. (Es wäre interessant zu wissen, was da psychologisch geschieht). Das Museum im Unteregeschoss, dass man noch eilends hinzugebaut hat macht nun aber gute Arbeit…allerdings sollte man sich überlegen, was gewesen wäre, wenn es nicht da wäre – so, wie es einst geplant war.

Aber ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen wollte. DAS ist, was in den menschen passiert. Da hilft kein erhobener Zeigefinger, es hilft kein Denkmal, keine Verbote. DAS ist so tief drin….und naja, irgendwie leben wir damit. An diesem Tag hatte ich genug Energie, damit umzugehen. Nicht immer ist es so. Ich glaube, hoffe, ich habe die Herrschaften mit ein paar Gedanken zurückgelassen. Aber vielleicht haben sie nur weiter über mich gelästert…ich könne ja wie gesagt keine Ahnung haben.

Aber egal. Der Tag beginnt. Es wird ein guter Tag in Berlin – und das Eis, das bleibt noch eine Weile…aber irgendwann ist auch das Weg.

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