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Begegnungen

In einem früheren Leben wollte ich mal Lehrerin werden, Sonderschul- oder wie es auch heißt, Förderschullehrerin. Ich hatte bis vor das erste Staatsexamen studiert, bin dann aber weg gegangen und wußte inzwischen, dass ich keine Lehrerin sein kann. Lehrpläne, sind sie noch so frei und individuell, sind einfach nicht mein Ding. Wie sollte ich da durchs Referandariat kommen?

Wie dem auch sei. Ich habe meine Bestätigung an einer sehr guten Schule für Geistigbehinderte gefunden. Man hat dort viel getan, um den Schülern auch über ihrem Abschluss hinaus zu helfen. Aber alle Hilfe bringt nichts, wenn der Vormund, sprich die Eltern nicht mitmacht. So z.B. ein Schüler. Nennen wir ihn Tim. Tim wurde stark vernachlässigt. Er war in seienn kognitiven Fähigkeiten stark eingeschränkt, dazu kan eine relativ leichte Spastik. Alles Ergebnis eines Sauerstoffmangels bei der Geburt. Tim war 18 geworden und wir standen vor der Frage, wie weiter. Er hatte gelernt, einfache Dinge, wie z.B. sortieren nach Farben selbstständig zu erledigen. Hat immer versucht, Unsinn zu treiben, einfach ein sympathischer Kerl. Mit Förderung auch zu hause, hätte man mehr schaffen können. Aber das war nicht gewünscht. Einig war man sich in seiner Schule, dass er aus dem Elternhaus weg müsse, um die ihm nötige Aufmerksamkeit und auch Pflege zu geben. Ein Wohnheimplatz war gefunden, sogar eine Arbeitsstelle in einer Werkstatt und alles um die Ecke von zuhause. Tim war erwachsen und sollte wie jeder erwachsene junge Mensch zu hause ausziehen. Nur hatte die Schule die Rechnung nicht mit der Mutter gemacht. Offen gab sie zu, dass sie ja dann auf das Pflegegeld von Tim verzichten müsse. Damit würde ja dann sein Heimplatz etc. bezahlt. Sie war der Vormund, die Vernachlässigung war nicht so gravierend, ihr die Vormundschaft zu entziehen – aber Tim, Tim blieb auf der Strecke.

Neulich sah ich Tim wieder. Nach zehn Jahren erinnerte er sich nicht mehr. Er stromerte auf dem Alexanderplatz umher. Lächelnd und begeistert von der Welt wie immer – aber auch genauso schlecht angezogen, zu wenig für die Jahreszeit… und wieder kam dieses machtlose Gefühl auf, das mich damals überfiel, als ich lernen mußte, dass man da nichts machen kann. Dass Tim eben einfach seinem Leben überlassen werden muss.

Heute sah ich eine weitere ehemalige Schülerin. Sie war an der Grenze zur Lernbehinderung. Wir hatten für sie nach ihrem Schulabschluss eine gute Stelle in einer Werkstatt gefunden. Genau das, was sie machen wollte, töpfern… Schade, dass ich keine Zeit hatte, zu fragen, was sie hier macht… ich hoffe, ihr geht es gut.

Und so denke ich an die ehemaligen Schüler… allerdings weiß ich auch, ich wäre wirklich zu oft zu wütend geworden in diesem Beruf. Wenn man einfach weiß, dass man doch so viel hätte erreichen können, für Menschen, die nur wenig für sich selbst kämpfen können…

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