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Gemischte Gefühle

In der letzten Woche habe ich mich aufgemacht an einen Ort, von dem viel gesprochen wurde, ich mich aber immer gescheut habe, ihn zu besuchen. Gescheut warum? Nun, ich hatte Angst vor meinen Reaktionen. Vor ein paar Jahren war ich zu einer Führung in der Zentrale der Staatssicherheit in Lichtenberg. Es war eine Führung durch die Archive. Die Ausstellung sah ich nicht. Die Archive aber…nun, es war seltsam. Ich wusste, dass zwischen den Briefen, die inzwischen auch bearbeitet wurden, um sie den eigentlichen Besitzern zuzuordnen auch Post für unsere Familie dabei war. Erinnerungen kamen…es war mir nicht gut.

Nun also der Weg nach Hohenschönhausen. Auf dem Weg schon Herzklopfen, Unwohlsein. Dann das Überschreiten der Grenze zu diesem ehemaligen Sperrgebiet.

Die Mauern erschienen, die Mauern, die den eigentlichen Gefängniskomplex begrenzten. Und mir wurde etwas weich. Viele Menschen waren unterwegs. Kein Wunder, war es doch so kurz vor dem Jahrestag des Mauerfalls. Nun also eine Führung gesucht, ohne geht es dort (leider) nicht. Die Gruppe war riesig, zu groß, viel zu groß um ein Gefühl aufkommen zu lassen. Der Guide Herr Bernauer, mit ein starken Stimme gesegnet, aber mit wenig Gefühl. Man konnte ihm zu sehr anmerken, dass dies wohl nicht die erste Führung des Tages war, dass er genervt war von den Besuchern, auch vielleicht von der Unwissenheit der Menschen. Ich kann es verstehen, dennoch darf man es nicht zeigen. Die Führung war, nun ja, ich weiß nicht, was ich erwartete, aber Herr Bernauer schaffte es binnen Sekunden, meine weichen Knie, meine Gefühle an diesem Ort auszutauschen. Das ist nichts Positives. Es wurde heruntergeleiert, belehrt und nun ja. Ich hätte mir auch eine Verbindung zur heutigen Zeit gewünscht. Sind die dort angewandten Methoden tatsächlich so neu gewesen? Werden sie nicht auch heute noch angewandt? Wir wissen alle, dass dieses Gefängnis kein normales Gefängnis war. Aber was ist Guantanamo?

Nun ja, es war auch seltsam in dieser internationalen Gruppe die einzige zu sein, die eine Verbindung hat. Die einzige Verbindung die der Guide hatte, waren die Grenzkontrollen bei seinen Besuchen in Ostberlin. Wie nun hätte man diese Führung meiner Meinung nach besser gestalten können? Die Verbindung zum heute habe ich erwähnt. Man hätte z.B. den Weg eines dort Inhaftierten nachzeichnen können. Die „Gründe“, die ihn dort hin brachten, die „Behandlung“…es hätte das Ganze persönlicher, berührender und nicht so anonym gestaltet.

Dennoch sollte man einmal dort gewesen sein und sei es auch nur, um die Ausmaße zu sehen. Der größere Teil des Geländes sind heute Wohnungen, Gewerbe…

Und was bleibt sind die Blumen….

2 Comments

  1. Anonym Anonym

    Hallo Juna,
    dass Du offensichtlich keine Führung von einem Zeitzeugen bzw. ehemaligen Inhaftierten bekommen hast, ist schade. Mich hat vor einem Jahr die Führung durch Michael Bradler (schau mal in der Zeitzeugenbörse auf der Website) tief und nachhaltig beeindruckt. Ich dachte, die Führungen würden grundsätzlich von Zeitzeugen durchgeführt. Ich rate Dir, geh da noch mal hin – Ruf am besten vorher an und Frage, wann genau Herr Bradler oder andere Zeitzeugen führen. Ich habe Herrn Bradler nach der Führung auch noch zwei drei Fragen gestellt, die er bereitwillig und nett beantwortet hat – z. B. wie realitätsgetreu er Das Leben der Anderen fand. Also liebe Juna, geh da ruhig noch mal hin, es lohnt sich ehrlich. Und das sage ich als Wessi, der sowieso keine Ahnung von den damals herrschenden Zuständen hat.
    Liebe Grüße und Danke für Deine oft sehr interessanten Aufzeichnungen

  2. Vielen Dank. Ich habe auch schon daran gedacht. Dazu kam, dass ich auch dachte, dass die Führungen grundsätzlich von Zeitzeugen gemacht wurden. Diesmal allerdings hatte ich gelegentlich das Gefühl, man müsse sich entschuldigen, dass man da sei…

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