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Friedvolles Miteinander

Mich beschäftigt oft die Frage, ob man immer alles sagen muss, ob man immer alles aussprechen muss. Ich beobachte Menschen, die, um ihren Standpunkt zu vertreten, alles von sich geben, damit Konflikte heraufbeschwören, die oft nicht nötig waren und dies dann damit begründen, dass sie wenigstens ehrlich und authentisch seien. Nun, es mach etwas Wahres daran sein. Aber: ist es denn wirklich immer nötig?

Wie kommt so etwas zustande? Ich muss gestehen, dass mir dieses Verhalten fremd ist. Wenn es um wirklich wichtige Dinge geht, dann stehe ich auf und protestiere. Aber wenn es nur darum geht, sagen wir, ob die Milch stehend oder liegend gelagert wird, wer denn nun an welchem Ort im Geschäft arbeitet… so etwas kann im gegenseitigen Einvernehmen geklärt werden. Man muss Menschen nicht vor den Kopf stoßen, um seine Ziele zu erreichen. Muss man überhaupt jemandem vor den Kopf stoßen?

Eine These war zunächst, dass sich hier doch ein Ost- Westunterschied auftut. Irgendwo habe ich es einmal gelesen. Das „Westkind“ wurde individualistisch erzogen, seine Interessen durchsetzend, während das „Ostkind“ lernte, seine Interessen im Kontext der Gruppe zu sehen, zurückzustecken und Kompromisse zu finden. Im Groben stimme ich dem auch weiterhin zu. Natürlich darf man eine gewisse Verallgemeinerung nicht außer Acht lassen. Dennoch frage ich mich unter diesem Blickwinkel auch, ob nun die viel gerühmte Kompromissfähigkeit von Angela Merkel nun dem geschuldet ist, dass sie weiblich oder ostdeutsch ist? Nun, ich werde keine endgültige Antwort finden, so es sie überhaupt gibt.

Dennoch, und ich komme wohl wieder zu einem Thema, das ich schon einmal erwähnte: ich fühle mich unwohl mit diesem Verhalten. Erachte es oft als überflüssig und sogar schädlich. Ist denn Ehrlichkeit wirklich alles? Werden so nicht weitergehende Konflikte geschürt? Ist das Wort Diplomatie auch im privaten Bereich etwas, dass aus dem persönlichen Wörterbuch gestrichen wurde? Ja, sicher, es gibt Momente, in denen Diplomatie viel Kraft erfordert. Aber letzten Endes sind meist alle zufrieden mit dem Ergebnis und man kann friedvoll weiter miteinander umgehen. Zwei Konzepte kommen mir hier in den Sinn: Tikkun Olam (das Heilen der Welt) und im häuslichen, ursprüchlich innereheligem Kontext aber meines Erachtens sehr wohl auch auszuweitendem Zusammenhang: Shalom Babayit (der Frieden im Haus).

Es mag weiter jeder seine Sicht- und Lebensweise haben. Ich kann für mich nur eines konstatieren: Menschen, die sich eben als ehrlich und authentisch betrachten, sind jene, die ich am weitesten von mir fern halte. Denn ein Umgang mit ihnen ist anstrengend, wenig erfreulich und alles andere als friedvoll.

In diesem Sinne: Shalom beolam….

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5 Comments

  1. Anonym Anonym

    Ich stimme Dir zu, daß man nicht immer alles aussprechen muß, was man denkt. Man muß abwägen. In der Regel sind die meisten Dinge nicht sooo wichtig.
    Aber manchmal ist es doch wichtig Tachles zu reden. Wenn man etwas genau wissen will, zum Beispiel. Dann kann man das Risiko auch eingehen. Vermutlich ist es aber immer eher eine Frage, WIE man Dinge sagt…

  2. Anonym Anonym

    Die Ost/West-Theorie dürfte wohl nur auf die nach `68 geborenen zutreffen. Die Experimente mit der antiautoritären Erziehung haben damals natürlich auch zu Auswüchsen geführt. Im Osten dürfte die Erziehung dagegen eher autoritär gewesen sein. Auch die unterschiedlichen Wirtschaftsysteme spielen natürlich eine Rolle. Andererseits muß es aber ja auch in der DDR Führungspersönlichkeiten gegeben haben, die ebenso rücksichtslos waren wie manche westlichen Wirtschaftsbosse. Ich denke mir, dass diese Faktoren zwar eine, aber nicht die entscheidende Rolle spielen.

    Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass gerade die Leute rechthaberisch auftreten, die in irgend einer Form an Komplexen leiden. Meist sind sie in sich unsicher, oder ihnen ist sogar bewußt, dass sie unrecht haben.

    Sicher spielt auch das Alter eine Rolle. Einerseits werde viele mit zunehmendem Alter einfach gelassener, weil sie die Prioritäten neu setzen – andererseits gibt es natürlich auch den berühmten Altersstarrsinn.

    Meine Fau und ich bemühen uns jetzt jedenfalls so langsam, einmal zu den "gelassenen Alten" zu gehören. Schließlich haben wir die Silberhochzeit schon hinter uns 🙂

    Dieter L.

  3. Ich denke nicht, dass es etwas mit der antiauthoritären Erziehung zu tun hat – wohl aber mit fehlender Gelassenheit. Da stimme ich überein. Es gibt immer Menschen, die Macht suchen und sie rücksichtslos durchsetzen wollen. Aber um diese Menschen geht es mir gar nicht, sondern viel mehr um eben die so gut auf den Punkt gebrachte Gelassenheit.
    Wenn man schon vorher weiß, daß eine Reaktion keine Änderung hervorrufen wird … dann rege ich mich lieber abseits auf und lasse es raus, als noch einen Rattenschwanz aufzubauen, der noch schwieriger zu lösen sein wird…

  4. Anonym Anonym

    Nö, ich rege mich dann nicht mal mehr abseits auf. Meist reicht ein Kopfschütteln.
    Um Mißverständnisse zu vermeiden: Ich bin sicher kein autoritärer Typ und denke, meine Tochter ist ein ganz schön selbstbewusster aber kein egoistischer Mensch geworden. Es gab allerdings in der Erziehung damals böse Entgleisungen. Zum Glück bin ich dann doch noch nicht ganz so alt und konnte aus den Fehlern anderer lernen.

    Dieter L.

  5. Anonym Anonym

    Berichtigung:
    Es gab allerdings in der a n t i- a u t o r i t ä r e n Erziehung damals böse Entgleisungen. Zum Glück bin ich dann doch noch nicht ganz so alt und konnte aus den Fehlern anderer lernen.

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