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Auf das Leben

So kurz vor Schabbat möchte ich noch ein Buch erwähnen, dass ich vor einiger Zeit las. Ich habe etwas anderes erwartet und etwas besseres gefunden. Es handelt sich um Auf das Leben!  von Rabbiner Walter Rothschild.
Ganz verschiedene Geschichten wurden hier versammelt. Wer Rabbiner Rothschild selbst kennt, wird seinen Humor entweder lieben oder hassen. Ein dazwischen scheint es nicht zu geben. Was ich hier aber wiederfand war eines: die Tiefgründigkeit, die ich an ihm schätzte. Die unerwartete Einfühlung, die plötzlich bei ihm auftaucht, wenn man nicht damit rechnet.
Und gelegentlich habe ich sogar den Lehrer wieder entdeckt, der seinen Schülern eines abverlangt: selber denken!
Eine Passage möchte ich wiedergeben: „Jeder praktische Arzt wird sagen, dass die Hälfte seiner Arbeit nicht darin besteht, Patienten zu behandeln, sondern darin, diese zu beruhigen – und dass  bisschen roter Sirup oder ein paar weiße Pillen genau jene Wunder bewirken, die die wissenschaftliche Medizin auf pharmazeutischem Weg noch nicht erzielen kann. So geht es auch uns Rabbinern. Ist es wirklich wichtig zu wissen, was Moses gesagt hat, oder was einige Dorfrabbiner des fünften Jahrhunderts im Irak dachten, dass Moses gesagt haben könnte? Muss man wissen, was irgendein Kommentator in einer französischen Provinz im zwölften Jahrhundert dachte und was einige Akademiker des zwanzigsten Jahrhunderts darüber geschrieben haben, was der französische Kommentator dachte, dass Moses gesagt haben könnte? Ist es nicht viel wichtiger, mit dem richtigen Gesichtsausdruck und der angemessenen Geduld dazusitzen, wenn die Personen dir gegenüber zu erklären versuchen, was ihre Alkoholprobleme für sie bedeuten oder dass ihr Vater sie misshandelt hat oder dass ihre Ehemänner sie schlagen oder dass ihre Kinder sie nicht verstehen oder dass sie ein gutes Heim für die Großmutter suchen? Meine Tage sind mit solchen Dingen ausgefüllter als mit den alten Texten … „

7 Kommentare

  1. Anonym Anonym

    Das Zitat nimmt mich nicht für das Buch ein.
    Jemand, der anscheinend so stolz darauf ist, nicht über "Moses" nachzudenken, sondern sich einbildet den richtigen Gesichtsausdruck für den ihm gegenübersitzenden Menschen parat zu haben sei ausreichend, scheint mir lediglich schwarz-weiß Denken anzubieten und indirekt seine Ressentiments der Tradition gegenüber mitzuteilen…
    Wie wäre es damit, "französische Kommentatoren" – vermutlich ist ausgerechnet Raschi, einer unserer wichtigsten Kommentatoren gemeint – zu kennen UND in der Gegenwart hilfesuchender Menschen die richtigen Verhaltensweisen zu finden? Das schließt sich doch überhaupt nicht aus!
    Der Buchausschnitt klingt zu sehr nach Polemik zwischen Reform und Orthodoxie – als wären die, die die Texte besser kennen und mehr lieben, völlig unfähig im Umgang mit Menschen. Offensichtlich hat er leider von der langen rabbinischen Tradition des Counceling noch nichts mitbekommen noch eine Kenntnis, wieviel Ethik gegenüber dem Mitmenschen durch gerade die von ihm verachteten Texte zu ziehen ist… Schade eigentlich.

  2. Nun, ich gestehe, dass ich vielmehr in Ihrem Kommentar eine Aversion erkenne, die aus dem Vorurteil kommt, dass dieser Mann liberaler Rabbiner ist und daher weniger wissen müsse als orthodoxe Rabbiner. Nun, das kann jeder sehen, wie er will. Er sprach hier lediglich davon, dass es oft wichtiger ist, den Menschen zuzuhören, sie reden zu lassen, als Vorträge zu halten. So jedenfalls habe ich den Text verstanden. Dazu muss man weder Rabbiner noch sonst was sein, zuhören ist eine Eigenschaft, die m.E. heutzutage immer seltener wird und um so wichtiger ist. Und ja, auch Ärzte werden ein Lied davon singen können, dass Pillen selten helfen, sondern einfach etwas zuhören… Menschen suchen sich die Ohren, so sie sie brauchen…sei es nun beim Rabbiner, Arzt, Psychotherapeuten – oder eben auch bei einer Prostituierten.

    Um noch einmal auf das Buch zurückzukommen. Wie gesagt, Rabbiner Rothschild ist ein Mensch der spaltet. Man mag ihn oder man hasst ihn – nicht nur seinen Humor.

  3. Anonym Anonym

    Nun, ich wüßte nicht, woran abzulesen sein soll, daß ich eine Aversion gegen das Buch habe, weil "dieser Mann (der Autor, meine Anm.) liberaler Rabbiner ist". Das ist eine glatte und dümmliche Unterstellung. Ich habe sehr deutlich dargelegt, warum ich das Zitat nicht geeignet finde, einen positiven Geschmack für das Buch zu geben. Deine Unterstellung schießt sich eigentlich ins eigene Bein, denn sie suggeriert, daß liberale Rabbiner grundsätzlich ein Problem mit der Tradition bzw. Unkenntnis darüber besäßen. Da habe ich andere Erfahrungen.
    Ja, zuhören ist wichtig. Genau lesen übrigens auch.

  4. Nun, da scheine ich Sie missverstanden zu haben. Mir aber Dümmlichkeit zu unterstellen, ist mit Verlaub unverschämt.
    Der Abschnitt mag Ihnen nicht gefallen zu haben. Ich hatte den Eindruck, und da mag ich mich getäuscht haben, dass Sie sich angegriffen fühlten. Dass liberalen Rabbinern eine geringere bzw. weniger tiefgehende Ausbildung hinerhergesagt wird und ich dieser Diskussion müde bin, mag mir hier offensichtlich einen anderen Hintergrund vermutet zu haben. Dafür möchte ich mich entschuldigen.

    Und ich erkenne, dass wir offensichtlich nicht die besten Partner im schriftlichen Dialog sind, da wie Sie sagen, ich Sie falsch verstanden habe, Sie mich allerdings auch. Dennoch habe ich eine gewisse Form Ihnen gegenüber gewahrt…

  5. Anonym Anonym

    Über Ausbildungen haben wir uns doch überhaupt nicht unterhalten, und davon war im Textzitat auch nicht die Rede.
    Jedoch von Interesse. Auch liberale Rabbiner sollten ein tiefes Intersse an den Ursprungstexten haben (und es gibt ja tatächlich auch immer mehr, die es wieder haben bzw. die Ausbildungen legen ebenfalls wieder mehr wert darauf), und nicht dem Leser vermitteln, daß das alles ohnehin unwichtig ist, indem man die rabbinische Lehrweise ins Lächerliche zieht. Und die ist nun einmal Kommentiertes unter anderem wiederum zu kommentieren.
    Ich finde, das hat halt mit "Humor" nichts mehr zu tun, sondern mit Zynismus und das finde ich traurig.
    Entschuldigung, wenn ich Dümmlichkeit unterstellt habe, – sicher bist Du keineswegs dumm, aber diese Art von Kurzschlüssen machen mich immer ungeduldig.
    Und setzen im Umkehrschluß bei mir die Überlegung frei, ob es nicht vielmehr so ist, daß liberale Rabbiner keineswegs kritisiert werden dürfen. Ist das vielleicht so?

  6. Nein, im Gegenteil. Ich habe in meiner Äußerung persönliche Erfahrungen eingebracht. So habe ich z.B. auch mit Rabbinern zu tun gehabt, die womöglich ein breites rabbinisches Wissen haben, aber menschlich eine Katastrophe waren bzw. für die Sozialkompetenz nicht vorhanden waren. Etwas, was ein Mensch in Notsituationen nicht brauchen kann. Aus diesem Hintergrund, fand ich die Zeilen Rothschilds sehr wahr.

    Im Buch äußert sich Rothschild auch darüber, auf was er im Seminar eben nicht vorbereitet wurde und was er in den Jahren lernen musste und auch gelernt hat. Aus solch einer Beschreibung ist mein Zitat entnommen. Es ist nach meinem Gefühl weder zynisch noch ist es humoresk gemeint, es sind nachdenkliche Worte. Die vielleicht doch nur im Ganzen verstanden werden können. Daher ist der Abschnitt unter Umständen unelegant gewählt, da es offensichtlich anders verstanden werden kann, als ich es tat. Das ist mir nun klar geworden.

  7. Das Buch ist ja wirklich empfehlenswert! Ich habe schon die Möglichkeit das zu lesen, und es lohnt sich! Gefällt mir sehr!

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