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Das "Syndrom der zweiten Generation" – The second generation sydrome

Wenn man „second generation syndrome“ bei G*ggle entippt. Bekommt man allerlei Ergebnisse. Im Allgemeinen ist damit ein Phänomen gemeint, daß psychische Schwierigkeiten von Kindern von Holocaustüberlebenden. Dieses Syndrom is heiß umstritten. Ich selbst habe zuwenig Wissen darüber, um urteilen zu können. Dennoch kommt es mir gelegentlich in Gedanken. Jeder von uns kennt irgendwann doch die Aussage der Verwandten: „Dafür habe ich nun überlebt…“ Bei mir persönlich hielt es sich soweit in Grenzen, daß das Augenverdrehen nicht zu häufig war. Ich durfte leben, wurde nicht erstickt. Hatte es gut.

Der Fokus liegt ganz klar auf den Nachkommen der Opfer. Was ist mit Täterkindern? Es gibt jene, die es nicht wahr haben wollen, daß ihre Eltern, Großeltern Täter waren, jene, die verdrängen, nicht wissen wollen. Mir scheint, sie sind auch heute noch in der Mehrzahl. Gibt es eigentlich eine Statistik dazu? Wieviele Menschen glauben daran, daß ihre Vorfahren Widerstandskämpfer waren? Es gibt nur wenige, die sich sehr öffentlich damit auseinander setzen. So z.B. Niklas Frank. Heftige Kontroversen gab es, nicht nur hier…wieso löst die schonungslose Auseinandersetzung mit den Eltern, die Täter waren mehr Diskussion aus, als das schlichte Verleugnen von Schuld? Die Schuld geht nicht über auf die Kinder. Dennoch, wenn ich verleugne…ist es dann nicht auch Schuld? Verdrängen, vergessen wollen. Ein ganz normaler psychischer Prozess.

So soll es also Therapeuten geben, die auf die Opferkinder spezialisiert sind. Wenn aber dann eine ältere Dame in Tränen vor mir ausbricht darüber, daß ihre Eltern „solche Nazis“ waren und es offensichtlich ihr Leben mit sich herumträgt, keine Verarbeitung findet. Wer kümmert sich um solche Menschen? Gibt es auch Spezialisten? Was kann ich tun? Sie wußte nichts von meinem Elternhaus, hat also auch nicht unbewußt Absolution gesucht. Die Stadt mit ihrer Geschichte, die Denkmäler…alles schien zu viel zu sein. Es mußte herausbrechen.
Die übliche Reaktion ist in diesem Land noch Unverständnis. Es ist ein Tabu. Geduldet is das Verleugnen. Verachtet das Aufarbeiten. Wie lange mußte es dauern, bis Firmen ihre Geschichte aufarbeiten? Wie lange, bis geächtet wird, was mit „Blutgeld“ erworben, geraubt wurde?

Und dennoch. Inmitten dieser ganzen unschuldigen Länder in Europa, in denen natürlich niemand bei der Vernichtung geholfen hat, alle nur im Widerstand waren und deshalb die Warnungen des wirklichen Widerstandes, die Bitten um Hilfe ignoniert haben. Die Länder, die die Flüchtlinge nicht aufnahmen oder nur mit entsprechendem Geld…alle sind schuldig. Flüchtlinge gibt es heute ungebrochen, haben wir gelernt? Mir scheint es nicht so.

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16 Kommentare

  1. Noa Noa

    Hi JUna,
    guter Beitrag.
    ich habe mal gelesen, dass die selben „Schweige-phaenomene“ auf Opfer -und Taeter seite existieren.
    ein guter freund von mir, (eltern ueberlebende von Auschwitz) sagt, niemand habe mit ihnen darueber geredet. Schweigen, Stummheit.

    und wenn man hier in dt.land menschen dazu befragt: wie war das damals? wo warst du? wann hast du erfahren, was passierte?
    auch Stummheit und niemand hat etwas gewusst.

    ist schon interessant– und auch so schockierend.
    Noa

  2. Na, ich komme ja teilweise auch aus so einer Schweigefamilie. Irgendwann habe ich akzeptiert, daß eben die Großmama nicht erinnert werden wollte. Alles, was ich weiß, habe ich von ihrer Schwester…die dann aber, als es mich wirklich interessierte zu dement war, um mehr zu berichten. Also, alles Stückwerk.

    Interessant neulich auch das Interview mit Ana Novak (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,620789,00.html) Ist man denn wirklich nur Überlebender, Kind Verfolgter, Täterkind? Ein Mensch ist doch viel mehr.

  3. Und genau das ist einer der Unterschiede im Schweigen der Täter- und der Opferfamilien.
    In den Opferfamilien wissen die Nachkommen sehr wohl, wie die Vorfahren überlebt haben, wenn auch nicht immer von diesen selber (wie es hier eben die Schwester war, die sprach).

    In den Täterfamilien ist nicht vorstellbar, daß der Bruder des SS-Mannes über dessen Taten den Nachkommen berichtet.

    Es sind deshalb nicht „dieselben Schweigephänomene“, sondern das Schweigen der Überlebenden ist aus Scham gespeist, das der Täter aus Schuld.

    Ich finde es aber immer wieder interessant, daß es nicht-jüdische Deutsche oder sehr oft auch Konvertiten sind, die das nicht auseinanderhalten können oder wollen und so eine scheinbare Gemeinsamkeit wahrnehmen (wollen) – vielleicht eine Art Harmonisierungsversuch?

    Da würde ich mir nach einem Giur eine größere Sensibilität wünschen.

  4. Nun, Noa sagt ja, sie habe gelesen, daß es das selbe Phänomen sei. Dennoch ist es richtig, daß hier verschiedene Gründe vorliegen.
    Mein eigentlicher Punkt aber waren die Nachkommen der Täter. Ist es Scham oder Schuld in diesem Fall? Ist es eines von beiden bei den Tätern selbst? Fast wage ich zu behaupten, weder noch. Wer auch heute noch seine Taten als richtig ansieht kennt wohl weder das eine noch andere Gefühl. Einfach ist die Antwort wohl nicht zu finden….

    So sehr ich das Schweigen meiner Familie irgendwann verstand und akzeptieren mußte, so wenig verstehe ich das Schweigen der Nachkommen. Ist man ein besserer Mensch, wenn man aus einer Widerstandsfamilie kommt und sich quasi damit reinwaschen will von etwas, das man selbst nicht tat?

    Sollen Kinder heute eigentlich noch ihre Großeltern befragen, was sie im Krieg machten? Wird es noch thematisiert? Oder auch hier schon tabuisiert. Hmm, das Thema treibt mich wohl momentan herum.

  5. Noa Noa

    „oft auch Konvertiten sind, die das nicht auseinanderhalten können oder wollen und so eine scheinbare Gemeinsamkeit wahrnehmen (wollen) – vielleicht eine Art Harmonisierungsversuch?“

    @juebe
    ich sehe das keinesfalls als scheinbare GEmeinsamkeit, da es absolut KEINE gemeinsamkeiten bei diesem Thema gibt, wie ich finde. Ich beschönige nichts, und im Gegenteil – habe ich seit meinem Giur – nicht das Gefuehl nun „endlich auf der Opferseite, auf der „richtigen“ Seite zu stehen, wie manche behaupten, sondern ich fuehle BEIDE Seiten in mir, leider auch die des tonnenschweren Erbes einer Deutschen.
    Schuld ist nicht in mir, aber dennoch eine Anerkennung der Schuld meiner Vorfahren als Deutscher.
    Und Verantwortung- eine riesige Verantwortung, sehr hellhörig zu sein, wenn es in diese Richtung auch nur annähernd gehen sollte.

    die 2.Seite die ich nun seit dem Giur fuehle ist die Trauer und das Entsetzen, was meinen juedischen Glaubensgeschwistern da angetan wurde…

    Was ich nicht verstehe, ist warum es „Scham“ sein soll, was die Opfer zum SChweigen bringt?? Ich sehe nicht, dass sie sich fuer irgendetwas „schaemen“ muessten….
    vielleicht eher das Entsetzen, was nicht in Worte zu fuellen ist… oder wie im Falle eines Freundes, (so meint er), die Meinung, dass man das Schreckliche auf gar keinen Fall seinen Kindern erzaehlen will, weil es ihre Seele zerstoeren koennte.
    Noa

    p.s: … mit allem Respekt und aller Achtung allen Opfern und deren Nachkommen gegenueber, die ich als KOnvertitin fuehlen kann…. ohne harmonisieren zu wollen!!
    DAgegen muss ich mich ganz entschieden wehren.

  6. Noa Noa

    „Sollen Kinder heute eigentlich noch ihre Großeltern befragen, was sie im Krieg machten? Wird es noch thematisiert? Oder auch hier schon tabuisiert. Hmm, das Thema treibt mich wohl momentan herum.“

    Ja, ich finde schon, dass das THema am Leben gehalten werden sollte. ICh habe da auch sehr unterschiedliche Reaktionen bei meinen Kindern erlebt, sie waren teilweise genervt, wenn ich mit dem Thema kam und das hat mich entsetzt.

    Auch habe ich grosse Angst vor dem Tag, an dem der letzte direkt „Ueberlebende“ sterben wird.
    Es macht mich fast panisch, dass dann Dinge in Vergessenheit geraten koennten.

    Noa

  7. Noa Noa

    Ueber die Taeter habe ich schon zu Demjanjuk etwas geschrieben.
    Ich kann es kaum fassen, wie sehr die Familie fuer ihn gekaempft hat, damit er ja nicht vor Gericht gestellt wird, wie kann man sich als sein Kind so vor ihn stellen? Wie kann man als seine Ehefrau mit ihm leben?
    und wie kann man als Demjanjuk noch jeden Morgen aufstehen, als sei nichts gewesen, wie kann er es wagen, zu leugnen, dass er etwas getan hat?
    Das beschaeftigt mich immer wieder.
    Und scheinbar kommt man ja sogar viele Jahre damit durch, wenn man betrachtet, wie lange es gedauert hat.
    Wie feige muessen diese Taeter sein, die sich nicht einmal dann richten lassen?
    Noa

  8. Es gibt eine Organisation, die versucht hat, Nachkommen von Tätern, Mitläufern und Opfern zusammenzubringen: „One by one“. Die Resonanz auf die Aktivitäten des deutschen Zweigs war relativ schwach:
    http://www.one-by-one.org/1x1confgerman2004report.htm

    Und auch bei der Stiftung Zurückgeben sind es nur sehr wenige, die das Anliegen durch aktive Zustiftungen unterstützen.

    Zum Schweigen und Profitieren in deutschen Familien hat Miriam Pressler ein sehr eindrückliches Jugendbuch geschrieben:
    Die Zeit der schlafenden Hunde
    http://www.hagalil.com/kinder/kidz/lesen/pressler.htm

  9. Danke für die Links!

  10. @Noa:

    Sie sind nicht feige, sie sehen nicht, was sie getan haben, sehen es als Recht an.

  11. Noa Noa

    Aber ihre Kinder? und die Frau? und sie muessen doch auch bekannte haben, oder?

    ist das dann eine ganze subkultur von menschen,die das, was damals geschah als „richtig“ ansieht? heute noch?
    Noa

  12. Ich denke nicht mal, daß man es Subkultur nennen kann.

  13. schoschana schoschana

    „ich denke nicht mal, dass man es subkultur nennen kann“.

    ja, das würde ich – ganz trocken – genauso sehen.

    im übrigen zu dem punkt:

    „Auch habe ich grosse Angst vor dem Tag, an dem der letzte direkt „Ueberlebende“ sterben wird.
    Es macht mich fast panisch, dass dann Dinge in Vergessenheit geraten koennten.“

    können wir alle ziemlich viel zu beitragen. ich habe nämlich das gefühl, dass es nicht immer und unbedingt überlebende braucht, um die „dinge“ nicht in vergessenheit geraten zu lassen. viele deutsche haben in ihrem leben persönlich keinen überlebenden getroffen, und auch sind nicht in allen schulklassen überlebende gewesen, um von ihren furchtbaren erlebnissen zu berichten. „erinnerungswille“ und emphatie gestaltet sich vielfach ganz anders – wäre interessant, herauszufinden, wie.
    gefühle und einfühlsamkeit kann man auch anders einüben, und beide aspekte sind immer und überall wichtig (übrigens nicht nur in bezug auf die schoa). wer das gelernt hat, kann sich in jedes thema einfühlen und so auch in dieses und möchte es vermutlich dann gar nicht mehr in die unterste schublade stecken, um dann den schlüssel zu verlieren.
    vielfach gerät die schoa, der blick aus der opfergeschichte, und für deutsche vielleicht noch wichtiger, der blick auf die tätergeschichte, nicht in vergessenheit, weil sich menschen, die die zeit nicht erlebt haben und nicht einmal immer jüdisch sind, darum kümmern, dass sie nicht in vergessenheit geraten. ein prominenteres beispiel: barbara distel von der gedenkstätte dachau
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_Distel).

  14. Scham ist kein rationales Gefühl, dennoch – oder gerade deshalb – gibt es bei Überlebenden die Scham darüber, was ihnen angetan worden ist, wie sie behandelt worden sind. Und das kann durchaus davon abhalten, den direkten Verwandten davon zu erzählen.

  15. schoschana schoschana

    „Scham ist kein rationales Gefühl“

    ja.
    nicht wenige überlebende schämen sich dafür, dass sie überlebt haben und ihre angehörigen nicht.

  16. Anonym Anonym

    Auch wenn es etwas spät ist, sich zu dieser Diskussion hier noch zu äußern: Ich möchte mich dazu noch äußern, da mich diese Diskussion stark bewegt.

    Natürlich kann ich(Jahrgang 53) nur aus eigener Erfahrung berichten. Als ich das Alter erreichte in dem ich zum ersten Mal von der Shoa hörte, habe ich mich natürlich gefragt, ob mein Vater in diese Taten verwickelt sein könnte und habe gleichzeitig inständig gehofft, dass dies nicht der Fall sein möchte. Da mein Vater aufgrund einer Herzerkrankung nicht bei der Wehrmacht gewesen war und wir in einem norddeutschen Dorf wohnten, war die Wahrscheinlichkeit einer Verstrickung nicht sehr groß. Trotzdem wollte ich wissen, was er denn von der Shoa mitbekommen habe. Er erzählte mir dann, dass er auf dem Weg zur Arbeit einmal in der nahegelegenen Kreisstadt aus einem Viehwaggon, der auf einem abgelegenen Gleis abgestellt und von SS-Leuten bewacht wurde, menschliche Schreie gehört habe. Er war der Überzeugung, dass keiner in unserem Landkreis behaupten könne, er habe davon, zumindest mittelbar, nicht erfahren, denn aus fast jeder Familie benutzte zu dieser Zeit mindestens eine Person täglich den Bahnhof. Auch waren seitdem die sonst über Land reisenden jüdischen Viehhändler verschwunden. Somit bin ich heute in gewissem Sinne für die Krankheit meines Vater dankbar, denn wer kann sagen, was geschehen wäre, wenn er gesund gewesen wäre?

    Namen von entfernten Verwandten und Bekannten, die in der SA/SS oder auch "nur" in der NSDAP waren, hat mir mein Vater nicht verschwiegen.

    Ich denke mir, das die meisten Deutschen der Nachkriegsgeneration sich mit dieser Thematik beschäftigt haben. Einige haben die Taten ihrer Eltern verdrängt oder zumindest der nächsten Generation verschwiegen. Die Angehörigen dieser Personen waren in der Regel diejenigen, die schon früh vom Holocaust nichts mehr hören wollten und vom "Aufwärmen alter Geschichten" sprachen. Ich glaube, das hat sich bis heute nicht geändert.

    Wir haben als Nachgeborene einfach die Pflicht für Menschlichkeit auf unserem Planeten einzutreten. Auch wenn der Holocaust in seinem Ausmaß bislang einmalig ist: Beispiele um unseren Kindern die Folge von menschenverachtender Grausamkeit und Rassenhass vor Augen zu führen finden wir tagtäglich in den Medien. Darauf aufbauend können wir dann die Geschehnisse von damals besser verdeutlichen und den Holocaust-Leugnern das Handwerk legen.

    Dieter

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