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Dezember Dilemma

Ja, nun ist es ja bald soweit. Dieses Jahr wieder mit Überschneidung. Am Sonntag beginnt Hanukka und am Mittwoch ist Weihnachten.

Diese Zeit wird inzwischen oft als Dezember Dilemma bezeichnet. Aber warum Dilemma? Das frage ich mich schon länger. In meiner Erfahrung sind in dieser Zeit die nicht zur Weihnachtsshoppingverpflichteten wesentlich entspannter. Es gibt keinen Zwang zur trauten Familieneinigkeit, keine überhöhten Erwartungen – aber dafür auch gern man Langeweile an diesen Tagen, an denen das Land quasi brach liegt. Was macht man also? Eine allgemeine Antwort gibt es da nicht. Jeder handhabt es wohl, ganz nach dem eigenen Gutdünken.

Bei uns war (und wird es hoffentlich auch bleiben) immer so, dass diese Tage sehr zum Ausruhen genutzt wurden. Im Fernsehen laufen schöööööne alte Filme und man braucht mal gar nichts machen. Wunderbar. Es kommt auch garantiert kein Besuch und man muss auch nirgendwo hin. Ja, es kann schön sein. In diesem Jahr habe ich reichlich Einladunen zu diversen (jüdischen) Veranstaltunen über die Tage bekommen. Also, wenn man nicht faul sein möchte, wäre genug zu tun. So viele Veranstaltungen gab es eigentlich noch nie. Da ich aber in einem Mangel an nichtweihnachtlicher Beschäftigung zu den Weihnachtstagen aufwuchs, bin ich eben an oben beschriebener „Beschäftigung“ gewöhnt.

In diesem Jahr wird alles anders – naja, etwas. In gemischten Beziehungen gibt es denke ich das erste Mal Probleme, wenn das Thema Weihnachten kommt. Ostern, Pfingsten – alles nicht so bedeutungsschwanger wie Weihnachten. Familienzwang, Geschenkekauf – unbekannte Faktoren. Also, wie haben wir unser persönliches Hanukka – Weihnachten in diesem Jahr geregelt? Ich denke, als jüdischer Part muss man schon etwas Durchsetzungsvermögen aufbringen (wohl noch mehr, wenn Kinder im Spiel sind). In einer Gesellschaft in der ein Fest gefeiert wird, von dem die Wenigsten noch wissen, welche Wurzeln es hat und manch einer davon ausgeht, dass es zur Kultur des Landes gehöre (siehe Kommentar drei dieses Beitrages) ist es schwer, sicht zu rechtfertigen, warum man es nicht feiert. Wie soll man einem Atheisten erklären, dass man das nicht tut, wo er es doch auch tut…schwierige Sache. Aber zurück zur eigenen Regelung. Wenn man bei uns vorbeischaut sieht man: diverse Hanukkaleuchter, einen Strauß Mistelzweige in der Vase und einen Räuchermann. Sehr nach Hanukka oder weihnachtlich scheint es nicht zu sein (Ich habe auch dieses Jahr den großen Hanukkakitsch weggelassen). Muss man sich denn totschmücken? Was mit den Geschenken? Ich habe gefragt, wann ER sein Geschenk haben möchte. Es ist fertig für Hanukka – er möchte es aber am 24. haben. Jeder wie er will. Am Sonntag werden die Kerzen gezündet und es gibt reichlich Latkes.

Eine Bescherung im Sinne des Weihnachtsfestes wird es nicht geben. Wir bleiben am 24. gemütlich zuhause und wenn er will bekommt er sein Geschenk abends, nach dem Kerzenzünden. Ab nächstem Jahr gibt es die Geschenke zu Hanukka. So unsere Vereinbarung. Eine Einladung zu seiner Familie haben wir abgelehnt und die Gemütlichkeit vorgezogen. Der Tag danach wird dann bei seiner Familie ab nachmittags verbracht, ganz so, wie wir es auch so öfter an anderen Feiertagen machen. Der zweite Tag ist dann für meine Familie und nochmehr Latkes und Sufganiot reserviert.
Soviel zum persönlichen Plan.

Aber was tun, wenn es Kinder gibt? Ein rabbinischer Rat besagt, Geschenke für die Kinder gibt es nur zu Hanukka. Das sollten auch die nichtjüdischen Großeltern beachten und respektieren. Basteln für Weinachten für die Großeltern ist ok und sollte auch unterstützt werden. Weitere Ideen und Empfehlungen zur Regelung des Dezember Dilemmas findet man auch unter: www.interfaithfamily.com. Auch allgemeine Infos zum Leben in gemischter Beziehung und Beibehaltung der eigenen Traditionen und vor allem auch Weitergabe an die Kinder kann man dort auch finden. Sehr zu empfehlen die Seite.

Warum schreibe ich gerade über die gemischten Beziehungen? Machen wir uns nichts vor, das ist nunmal die Mehrheit. „Outet“ man sich wird man gern missachtet, als nicht mehr „richtig jüdisch“ betrachtet, als Abweichler und was weiß ich noch. Die Menschen aber IN der Gemeinschaft zu behalten schafft man so nicht. Das Tabu aber darüber zu reden muss aufgehoben werden und darüber nachdenken, wie man sie stärkt, die jüdische Seite stärkt, sollte das Ziel sein. Dann sind sie nicht verloren. Warum wohl verlassen so viele Menschen die Gemeinden, wenn sie in gemischten Beziehungen leben? Ich bin überzeugt, dass weniger gehen würden, wenn sie nicht gemieden, verschmäht würden.

Achso, sollte man Karten schreiben wollen, habe ich eine Seite entdeckt, die wohl offensichtlich darauf spezialisiert ist, die Karten für beide Feiern zu entwerfen. So spart man eine Karte ;-). Schade, dass die in Deutschland relativ schwer zu bekommen sind – wie allgemein Hanukkakarten….Und ja, ich weiß, dass es nicht üblich ist, Hanukkakarten zu schreiben.

Zum Schluss dieser Gedanken noch ein kleines Erlebnis heute auf der Strasse. Ich lief über den Weg einer Mutter, die offensichtlich gerade ihr Kind aus der Schule abholte, denn dieses erzählte ihr von Hanukka – und sie kamen garantiert nicht von einer jüdischen Schule. Ich mußte lächeln und fand es einfach nur schön.

Nachtrag: Ein guter Freund aus Israel berichtete, was er zu Hanukka machen wird, u.a. geht er hier hin:

Ok, aus „Chrismukka“ wird in Israel „Hanukristmas“ – ganz nach Gewichtung. Dennoch war ich einigermaßen (positiv) überrascht über den entpannten Umgang.

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7 Kommentare

  1. wawuschel wawuschel

    hmm… Ich (als weihnachtsverliebter Atheist) verstehe das wirklich nicht ganz, vielleicht magst du versuchen, es zu erklären? Warum feiert ihr/man nicht einfach Weihnachten und Hanukka? Warum sollen Kinder nur an Hanukka Geschenke bekommen, und nicht an beiden Feiertagen? Was spricht dagegen, wenn ein Elternteil christlich ist? Und warum magst Du nicht gerne mit deinem Partner Weihnachten feiern (wenn ich das richtig verstehe?)

    Die einzige agnostisch-christlich-jüdische Familie die ich kenne, feiert übrigens nur Weihnachten. Ich wollte ihnen letztes Jahr ein schönes Hanukka-Fest wünschen, aber sie haben mich nur verwirrt angeschaut 😉 Dabei scheint ihnen das Jüdische ansonsten schon recht wichtig zu sein.

  2. Ich denke, Du hast mich missverstanden. Ich persönlich halte nichts davon, Feste zu feiern, zu denen ich keine Verbindung habe. Hanukka ist mir einfach näher und wichtiger. Dennoch werde ich ja auf Weihnachtsbesuch zu den (atheistischen) Verwandten von IHM gehen – auch bekommt er sein Geschenk zu Weihnachten. In der Diskussion hat sich allerdings herausgestellt, daß mir Hanukka wichtiger ist, als ihm Weihnachten. Sollte er jetzt darauf bestehen und unbedingt das gesamte Programm wollen, müsste man einen anderen (Mittel-)weg finden.

    Kinder sollten nur an Hanukka Geschenke bekommen, wenn man sich entschieden hat, sie jüdisch zu erziehen. Sollte man diese Entscheidung nicht getroffen haben, ist es natürlich egal – und für die Kinder ganz schön, an beiden Tagen Geschenke zu bekommen. Allerdings kann es andersherum auch in einem gewissen Alter verwirrend und nicht gerade identitätsstiftend sein.
    Wenn beide Elternteile religiös sind, sollte man dringend vorher klären, wie die Kinder aufwachsen sollten. Die Kinder einer Jüdin werden aber Juden sein – ob mit oder ohne Baum. Die Entscheidung für eine Religion sollte man so oder so treffen, wenn man erwachsen ist. Doch ist es in diesem Umfeld wesentlich einfacher zu lernen und zu sehen, was Weihnachten ist (um bei diesem Beispiel zu bleiben). Nach Hanukka allerdings muss man (auch in Berlin) suchen.

    Was also spricht dagegen, wenn zuhause mit den jüdischen Kindern Hanukka gefeiert wird, sie dann aber auch bei den nichtjüdischen Großeltern und den ganzen Restmonat im Leben Weihnachten mitbekommen?

    Wie schon in einem vorherigen Beitrag trifft man ja inzwischen auf das gleiche Phänomen von Tannenbäumen in türkischen Haushalten, wie Anfang 1900 in jüdischen Haushalten. Die Kinder wollen einen Weihnachtsbaum – auch ich habe als Kind einen bekommen, weil ich ihn wollte und es in dieser Zeit in diesem Land auch besser war, nicht aufzufallen. Als ich allerdings erwachsen war, habe ich das nicht mehr gebraucht.

    Ich hoffe sehr, ich konnte etwas Deine Fragen beantworten. So als Nichtweihnachtsverliebte 😉

  3. Auch wenn ich mich nun nicht inhaltlich äußere: Ich fand das sehr interessant, deinen Gedanken hier so ausführlich folgen zu dürfen. Danke, Juna.

  4. Es war noch zu Zeiten als Andreas Nachama Gemeindevorsitzender war und Moische Waks im Vorstand, daß letzterer dafür plädierte die gemischten Familien in den Blick zu bekommen. Passiert ist in all den Jahren wenig, außer dass man in der egalitären Synagoge es den nicht-jüdischen Partnern der gemischten Familie leichter mit der Konversion macht.

  5. Liebe Juna,

    so das wird schon mein zweiter Kommentar in Deinem interessanten Blog, nachdem ich bei juebe auch schon zu einem ähnlichen Thema etwas geschrieben habe …

    ich bin der Spross einer gemischten Beziehung (mit jüdischem Vater), und bin ohne Chanukka (größtenteils), und mit einem sehr abgespeckten Weihnachten aufgewachsen: Geschenke gab es, aber gefeiert wurde im Rahmen der Kernfamilie, und wenn ich auch nur einen Adventskranz wollte, musste ich die Zweige im Wald selbst zusammensuchen und anfangen zu basteln. Für mich war das eher traurig und ich hätte – sowohl rückblickend als auch damals – gern von beidem mehr gehabt.

    Und zu Deiner Einschätzung, dass die Kinder jüdischer Mütter nun mal jüdisch werden: Halachisch ist das sicher so, in ihrem Selbstverständnis kann es anders sein. Und bei meinen Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass auch das amerikanische Reformjudentum es anders sieht – dort gilt als zusätzliche Bedingung, dass die Kinder jüdisch aufgewachsen sein müssen.

    Vielleicht darf ich Dir zusätzlich zu interfaithfamilies http://www.halfjewish.net empfehlen? 🙂

    LG,

    Sarah

  6. Liebe Sarah,

    vielen Dank für die Empfehlung. Die kannte ich noch nicht. Nur das „Half Jewish Book“ 😉

    Nun, wenn ich Kinder hätte und die sich sehnlichst einen Baum wünschen würden, würde ich ihn auch kaufen. Gar keine Frage! Ich denke nur eben, dass es leichter ist, Weihnachten auch ohne explizite Betonung „mitzubekommen“ und das, was man mitbekommt, ist nicht gerade das Schönste…

    Dass ich die einzige Nachfahrin einer einst größeren Familie bin spielt sicherlich eine Rolle dabei. Jedenfalls kam mir der Gedanke in den letzten Tagen. Und natürlich das Gegenteil von Dir, lieber Sarah, ich bin mit sehr abgespecktem Hanukka, sprich eigentlich gar keinem aufgewachsen. Man wollte sich besser nicht zu erkennen geben…Glücklicherweise gehören auch diese Zeiten der Vergangenheit an und jeder kann feiern, was und wie er will.

    So, wie unser Hanukka und Weihnachten dieses Jahr lief, ist es für uns am besten. Wir werden es so beibehalten. Der andere Teil war herrlich entspannt und hat das sehr bei den Weihnachtsbesuchen an den folgenden Tagen genossen – und ich bin es ja eh nicht anders gewöhnt.

    Nun ist Hanukka und auch Weihnachten vorbei und die Frage stellt sich für ein Jahr nicht mehr.

    Soweit die herzlichsten Grüße an alle für das Neue Jahr.

    Juna

  7. Ich hoffe, dein Hund hat die Silvesternacht gut überstanden, liebe Juna.

    Dir und den deinen wünsche ich ein glückliches neues Jahr!

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