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Wir waren schon weiter. – Nach der „Antisemitismusdebatte“ der ARD

Der Himmel grau wie die Stimmung der letzten Tage. Ich habe sacken lassen. Viel. Was gibt es noch zu schreiben, nachdem Levi und Chajm schon alles geschrieben haben zu den letzten Tagen, was man schreiben konnte? Ich kann nichts hinzufügen – außer einer weiteren, ähnlichen Geschichte.

Bewusst schrieb ich nicht über die Antisemitismusdoku. Ich wollte mich nicht dem aussetzen, was zu erwarten war. Ich erlebte es dennoch. Erlebte es schon deshalb, da mir allein wegen meiner „Herkunft“ Meinungen und Ansichten unterstellt werden. Das ist nichts Neues. Im besten Falle finde ich es verwunderlich, befremdlich. Im konkreten Fall fühle ich mich mehr und mehr als würde ich aus einem schlechten Traum nicht mehr aufwachen. Ich schrieb dennoch, schrieb meine Emotionen auf, meine Verzweiflung, meine Einsamkeit darin. Ich ließ den Text liegen und werde ihn hiermit doch veröffentlichen. Ich habe ihn nicht überarbeitet, hier in kursiv gesetzt.

Ich bin es leid, so unendlich leid, dass es noch immer nicht möglich ist zu reden. Ich bin es leid, als unmündiger Teil der Gesellschaft gesehen zu werden – egal ob Jüdin, Muslima, POC, Autistin…ach, was auch immer. Ich bin es leid. Ich bin es leid, dass Menschen, die nie auch nur eine einzige Diskriminierungserfahrung in ihrem Leben machten, auf das eigene Problem aktuelle Empfinden, das anschwellen des offenen Antisemitismus mit „Ja, was soll man denn noch machen an Bildungsangeboten?“ Und selbst nicht zu den einfachsten menschlichen Regungen in der Lage sind, wenn es Menschen in ihrer Umgebung betreffen könnte. Es ist so einfach zu fragen: „Wie geht es DIR! Dir persönlich. Nimmt es Dich mit? Können wir etwas tun? Willst Du reden?“. Und nein, man muss nicht über Weltpolitik reden. Bitte. Wir müssen nicht darüber reden. Wenn mir gerade jemand sagte, dass man mich vor einigen Jahren zurecht ins Gas geschickt hat, will ich nicht über Israel reden. Ich will nicht, ich will es nie, dass ich etwas rechtfertigen soll, bei dem ich viel zu wenig Ahnung habe. Aber gefragt werde ich so oder so nicht. Ich bin Jüdin, ergo muss ich eine 100% Verfechterin eines Landes sein, deren Bürgerin ich nicht bin. Zu CDU werde ich nie befragt. Seltsam. 

Gleichzeitig sind Antisemiten, Rassisten, Diskriminierer immer die anderen. Wir haben schließlich unsere korrekte gesellschaftliche Position und sind deshalb von allen Verfehlungen reingewaschen. Und erst recht haben wir als Deutsche natürlich das besondere Recht und Pflicht, geradezu obsessiv Israel zu kritisieren. Blenden aber mehr als gern den Rest der Welt in unserer Empörung aus. Diese Stammtisch- und Wohnzimmerobzession darf natürlich nicht als antisemitisch bezeichnet werden. Merkwürdig ist sie dennoch. 

Wir müssen alle bei uns selbst beginnen. Zuhören, fragen, beobachten und vor allem eines: den Hintern aus dem Achsobequemenmehrheitsgesellschaftssessel hochkriegen und uns hinterfragen! Was mache ich in meinem Alltag falsch? Wo diskriminiere ich selbst? Sollte ich es nicht ändern? Wo kann ich mehr erfahren? Das braucht es, wenn wir wirklich etwas bewegen wollen. Wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, die Menschen nicht ausgrenzt.
Man kann die „andere Seite“ unter uns erfahren. Man kann fragen, Angebote annehmen zu Veranstaltungen und Workshops annehmen. Sie sind nicht fern auf Planeten, sie sind da. Und mit ihnen Menschen, die reden, die ihre Perspektiven erzählen, ihre Erlebnisse und ihr Fühlen. Und auch das muss man annehmen, nicht bagatellisieren, theoretisieren oder als Minderheitenproblem abwimmeln. Es ist so wunderbar, dass es Menschen gibt, die nichts Schlimmes in der Begegnung mit anderen erlebten. Aber hören Sie zum Teufel damit auf, diese Erlebnisse nicht ernst zu nehmen! 

Die Mitarbeiterin wird kein Vertrauen aufbauen können, wenn der Betriebsrat abfällig über die (jüdische) Chefin spricht, als sei das vermeintliche Fehlverhalten der Chefin dadurch begründet. Ihr Verhalten in Palästina zeige das ja schon.
Und ehe die Frage aufkommt, das geschah vor zwei Wochen. Um den alltäglichen deutschen Antisemitismus und Rassismus zu erleben, muss man nicht selbst Teil der Zielminderheit sein. Es reicht, im vertrauten Kreis das Gespräch dahin zu lenken. Was an Familienkaffeetafeln, auf Kirchenbänken, in Firmenkantinen gesprochen wird, wird nicht Juden ins Gesicht gesagt. Deshalb ist es aber nicht nicht da. Wenn ich es selbst nicht erlebe, existiert es dennoch. Denken Sie daran, wenn Sie demnächst wieder etwas anzweifeln, was Ihnen zu Ohren kommt. 

Aber nein. Wir schieben lieber weiter unsere heile Welt Kugel. Hauptsache ich bin nicht betroffen. Hauptsache, ich bekomme keine Probleme. Es sind die anderen. Immer die anderen. Hoffentlich bleibt es so. Schön still bleiben. Den Mund halten. Könnte ja gefährlich werden. Dass es Menschen gibt, die keine Chance haben, sich zu verstecken, deren vermeintliches Anderssein nicht zu verbergen ist, wird erfolgreich ausgeblendet. Und schließlich gehen wir brav zu den Gedenktagen, eine Blume niederlegen, sagen die ewig gleichen Floskeln des Trostes und des Verständnisses. Aber wehe, die Zielgruppe ist nicht hübsch dankbar, wo man doch all das für sie macht. Für sie. Nicht mit ihnen. Es geht nicht um sie. Es geht um das eigene ruhige Gewissen. Das Abhaken auf der Liste des Bildungsbürgers. Das macht man so, das gehört sich so. Derzeit ist es Usus. Vielleicht bald wieder nicht. Wir richten unser Fähnchen aus, wie wir es stets taten. Und die, die widersprechen? Wir blenden sie aus. Es gibt sie nicht. Es sind Querulanten. Spinner. Außenseiter. Nervensägen.

Es reicht nicht Denkmäler zu errichten und zu glauben, das alles sei vorbei. Nichts ist vorbei. Auch wenn manch ehemaliger Zentralratsvertreter meint, da unsere ermordeten Familien nicht mehr lebendig gemacht werden können, wäre unser täglich erlebter Antisemitismus keiner. Ist Antisemitismus erst als solcher zu bezeichnen, wenn wieder gemordet wird, oder sollen wir nicht früher dem Hass begegnen? 

Dann wundert man sich, warum Parallelgesellschaften entstehen. Warum Menschen lieber unter „ihresgleichen“ bleiben, wenn sie von außen nicht wahr- und ernstgenommen werden. Wenn sie nicht als mündige Wesen in Erscheinung treten dürfen und sich selbst äußern. Über sich, wie sie die Dinge erleben. Wie sie all das fühlen. Irgendwann geben selbst die Hartnäckigsten auf, wenn sie nur oft genug aus dem „Wir“ der Gesellschaft ausgeschlossen wurden und suchen sie ihr eigenes WIR. Mitunter ist das ein WIR, das andere fürchten müssen. Der Strudel beginnt.  

Das, was sich gerade in den Medien abspielt, ist nichts, was uns weiter bringen wird. Im Gegenteil. Wir waren schon sehr weiter.  Aber vielleicht bin ich einfach nur aus einem schönen Traum aufgewacht, um jetzt den Albtraum zu leben. 

 

Und sagen Sie mir nicht, das alles ist nicht so schlimm. Doch das ist es. Im Fernsehen wurde nicht über Antisemitismus diskutiert, über Bedrohungen, Veränderungen. Da durfte ein vergangener Minister seine persönlichen Befindlichkeiten ausbreiten, weil der „Zentralrat“ und damit aus seiner Sicher alle Juden, ihn einst als Antisemiten bezeichnete, eine Journalistin meint, dass nur biodeutsche Schüler die Deutsche Geschichte in allen Ausmaßen lernen müssen, die anderen wären ja nicht beteiligt. (Wie sind denn heutige Jugendliche an der Shoah beteiligt gewesen?), ein nicht weniger vergrätztes ehemaliges Zentralratsmitglied erlebt keinen Antisemitismus und meint, dass die Juden Europas eh ausgerottet sein. Ein Senderchef floskelt vor sich hin…Man nennt das: über einen Film sprechen (ohne die Macher), man nennt das über Antisemitismus sprechen (ohne darüber zu sprechen). Es werden nicht eingehaltene journalistische Standards angeprangert, selbst aber hält man sich weder selbst daran, noch an einen normalen zwischenmenschlichen Umgang….der scheint so oder so aus der Mode zu kommen.
Dieses Gefühl, nicht mehr aufwachen zu dürfen verlässt mich nicht, in einer Welt leben zu müssen, die ich nicht will…das Gefühl, dass alles nicht nur eine Phase war, sondern ein Land, eine Gesellschaft, mit der wir jetzt umgehen müssen – oder es verlassen. Aber wohin?

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