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Soldat S. – eine andere Geschichte

Wäre er doch nur 70 Jahre vorher zur Welt gekommen. Dann wäre alles besser. Der hochgewachsene athletische Junge mit seinen blonden Haaren und blauen Augen entsprach genau dem, was einst gesucht war. Er wäre gern gefragt gewesen. Stattdessen hockt er in dieser Plattenbauwohnung, raucht eine nach der anderen und weiß nicht, wohin mit sich. Die Devotionalien zur Erinnerung an eine Vergangenheit, die er nie hatte, beruhigten ihn nicht. Die Reichskriegsflagge an der Wand müsste neu gespannt werden. Der  Wehrmachtshelm ist staubig.

Es sind die 90er Jahre. Berlin im Umbruch. Im Aufbruch. Teenager wie S. suchen ihren Weg in einer neuen Gesellschaft. Ihn hat nicht einer gefragt. Die Eltern geschieden. Er hockt bei der Mutter, die nur darauf wartet, dass er auch endlich auszog. Beim Vater ist kein Platz für ihn. Noch so ein beschissenes Stereotyp. Das einzige, wo die Eltern einig sind, ihn aufs Gymnasium zu schicken. Er. Aufs Gymnasium! Was soll er da mit diesen Tralalalagedichtanalysen und diesem Blödsinn. Wozu ist das gut? Er hasst die Schule und die, die mit ihm dort sind. Diese sanften Bübchen, die Französisch lernen. Alle durchgeknallt. Und er mittendrin. Die Mädels kann man auch vergessen. Ständig nur am Lesen. Diskutieren in einem fort. Er nicht so. Will nicht so sein. Will nicht mehr hörend, dass er das Zeug dazu hat. Zu was denn? Irgendein verzärtelter Heini zu sein? Verschwendete Zeit. Er will raus. Er braucht Geld. Er will eine eigene Bude. Niemand, der ihm reinquatscht. Ein eigenes Leben. Mit Leuten wie ihm. Die klar dachten. Die Ziele hatten. Die zusammenhielten. Die Dinge beim Namen nannten und endlich diesem Irrsinn in diesem Land ein Ende bereiten wollten. Und endlich auch keinen Vater mehr, der auf ihn einredet, doch Abitur zu machen.

Er bricht die Schule ab. Mit dem Einser Durchschnitt findet er problemlos eine Lehrstelle in der Nähe. In dem Kombinat hatte er PA. Jetzt hießen die anders. Auch das, was er lernt, heißt anders: Industriemechaniker. Was für ein Schwachsinn. Zumindestens labern sie nicht rum. Er macht seine Arbeit. In Schicht. Alles ist gut. Sie respektieren ihn. Niemand fragt nach dem Wochenende, warum er aufgeschlagene Handknöchel hat. Die „Fidschijagd“ und „Affen vermöbeln“ gehört zu seinen liebsten Hobbys. Er scheint angekommen in einer Welt, die ihm gefällt. Die erste Wohnung. Eine Befreiung.

Das Mädchen aber, das er letzten Sommer auf dem See kennenlernte, das war anders. Der konnte er nicht nicht imponieren. Sie nahm ihn, wie er war. Sagte ihm Dinge an auf den Kopf zu, die er sich nie hätte von anderen anhören lassen. Bei ihr ging das. Der Sommer auf dem Boot. Sie kam immer rüber geschwommen und sie redeten, bis es dunkel wurde. Zurück in Berlin konnte er sie nicht beeindrucken mit seinen Schätzen, mit seinen Jagderfolgen. Sie fragte nur, wem er etwas vormachen will. Und weg war sie. Einfach weg. Nie sah er das Boot auf dem See wieder, auf dem sie den Sommer verbrachte.

S. schließt die Ausbildung, die ihn nur langweilt, nach zwei Jahren ab. Geht arbeiten. Baut Entlüftungsanlagen für die vielen Neubauten, die überall in der Stadt aus dem Boden schießen. Schimpft, dass er sich diese Buden nicht leisten kann. Nur die „Kanaken“ können das. Die bekommen das Geld vom Staat.

Post. Musterungsbescheid. Wird Zeit. Nur die Vögel beim Bund sind keine richtigen Soldaten. Die sollten sich was abschneiden. Er holt das Album heraus. Erinnert sich an die Geschichten über den Großvater. Wehrmachtssoldat im Osten. Vor dem Mauerfall hat niemand von ihm erzählt. Jetzt aber. Der Großvater hinterließ ein Album. Es war jetzt seins. Es ist der letzte väterliche Versuch, ihm von seinen irrsinnigen Gedanken abzubringen. Seinen Hass und seine Wut zu zügeln, ihm zu zeigen, wohin das führen kann. S. Sagt ja zu allem und bekommt das Album. Auf Bildern ist der Großvater zu sehen, im Hintergrund brennende Häuser, verängstigte Gesichter. Die haben ganze Sache gemacht und sind sauber geblieben. S. packt seine Sachen. Er soll zur Marine. Ab in den Norden. Ein Schiff. Ein richtiges Schiff. Das Boot des Vaters ist nur eine Schaluppe. Mädchen aber wird es dort nicht geben. Er hat eine Freundin. Er kennt die Geschichten von gescheiterten Soldatenbeziehungen. Er beendete die Beziehung. Bricht alles ab, was ihn an Berlin bindet. Das Foto des Großvaters in Uniform steckte er ein.

Er ist gewöhnt, nicht zu widersprechen. Es gefällt ihm, dass alles geregelt ist. Er mochte die Luft. Die Kameradschaft. Echte Kameradschaft. Nicht wie in Berlin, wo sich seine Kumpane gegenseitig verpfiffen. Jetzt saßen jetzt sogar im Knast, weil sie sich diese beschissenen Zigarettenhändler vorgenommen haben. Idioten. Wie kann man nur so dämlich sein?

Nach drei Monaten Grundausbildung, die Nachricht, dass es auf Reise geht. Auf große Reise. Einmal um die Welt.

S. beginnt Postkarten zu schreiben. Nach Berlin. Er will reden über das, was er sieht, was er erlebt. Er schreibt über Rastafaris, das blaue Wasser, das Licht, über die Märkte an den Häfen, über das Eis oben in Norden. Über Palmen. Essen am Straßenrand. Über buntes Treiben. Die bunte Kleidung. Die gelassenen Menschen. Er beobachtet die Unterschiede der Länder. Er schreibt aus jedem Hafen. Seine Welt bekommt Farbe. Seine Sprache wird eine andere.

Er verpflichtet sich für Jahre. Seine frühere Welt ist ihm fremd geworden. Sein früheres Ich ist ihm fremd geworden. Er redet nicht darüber. Es ist vorbei. Vergangenheit.

 

 

S. macht zum Ende seiner Dienstzeit eine Ausbildung für die Zeit nach der Armee. Das Meer, die See lässt ihn nicht mehr los. Er lebt heute an der Havel, sehnt sich danach, eine Familie zu gründen und fährt als Schiffsingenieur in der zivilen Schifffahrt weiter zur See. Die Postkarten, die er dem Mädchen vom See von seinen Reisen schrieb, ich habe sie noch.

 

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