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Ein anderer Blick. Zur Ausstellung „Überall Luthers Worte…“ – Martin Luther im Nationalsozialismus

Die großen und kleinen Lutherausstellungen sind im gefühlten Tagesrhythmus eröffnetet. Es wird gejubelt, gelobt, auf die Schultern geschlagen. Mit Verzückung betrachten Macher und Besucher die Devotionalien des doch aus ihren eigenen Reihen entstiegenen Messias. Denn weiterhin wird Luthers Judenhass und seine Folgen ausgeklammert, wird selten gefragt, welche Folgen dieser nicht nur für die Kirche, sondern für Menschen hatte. Doch zum Glück gibt es Ausnahmen. 

Über den Lutherhype schrieb ich bereits. Die Person Luthers ist ausgeschlachtet worden von Tourismusmanagern. Marketinghelden haben alles verluthert, was ging. Kritische Auseinandersetzungen waren bisher nur im Bachhaus Eisenach zu finden. Jetzt eröffnete eine andere Ausstellung ihre Türen. In der Topographie des Terrors fragt man, wie Luthers Schriften im Nationalsozialismus eingesetzt wurden, seine Person und Werk genutzt für Rechtfertigungen, Begründungen für Hass, Mord und Shoa.

In topographieeigener Manier wird auf 34 Tafeln mit 180 Abbildungen und Audiostationen die Geschichte erzählt, um die sich manch andere Ausstellung herumzuwinden versucht. Man zeigt auf, wie gegensätzlich die Interpretationen Luthers’ Schriften durch Martin Niemöller (Bekennende Kirche) und Reichsbischof Ludwig Müller (Deutsche Christen) waren. Wie jedes Lager sich ihn zu Eigen machte. Wie die antijüdischen Schriften zur Verteidigung der Gewalt gegen Juden herangezogen wurden. Wie der Ausschluss der Mitglieder der Bekennenden Kirche mit dem Verhalten Luthers zu ihm widersprechenden Kirchenkreisen gerechtfertigt wurde.
Es ist ein zwiespältiges Bild, was sich hier auftut. Zwiespältig, wie die Kirche im Nationalsozialismus war. Auch hierauf wird der Blick gelenkt. Ein wichtiger Blick. Denn auch hier gibt es, wie immer, nicht nur schwarz und weiß. Ein Brief Dietrich Bonhoeffers an seine Eltern beschließt die Ausstellung.

Fazit: Es gibt viel zu lesen und zu lernen. Im Lutherreigen sollte der Besuch dieser Ausstellung Pflichtprogramm sein. Bis zum 28. November bleibt Zeit. Der Besuch ist, wie für alle Ausstellungen der Topographie, kostenlos. Zum Kirchentag in Berlin wird die Ausstellung bis 24 Uhr geöffnet sein. Ist man in Berlin, lohnt sich ein Blick auf das Begleitprogramm (PDF).

Katalog: 18 Euro, 272 Seiten (deutsch/englisch) mit weiterführenden Essays zum Thema.

Eingangsportal des Martin-Luther-Hauses in Köln-Marienburg, um 1936. Abbildung aus: Moderne Bauformen – Monatshefte für Architektur und Raumkunst, 35. Jg., 1936, S. 484

 

 

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