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Würden sie mich schützen? – Stille Frage in einer lauten Welt

Die Partnersuche ist nie einfach. Vermutlich kann jeder ein Lied davon singen, von Erfolgen, Misserfolgen, Fehlgriffen, Verirrungen und manchmal auch Verzweiflung. Und für jeden sind die Anforderungen an einen Partner anders. Will man einen jüdischen Partner in Deutschland wird es per se schwierig. Und eine Frage bleibt immer. 

Die Auswahl ist relativ klein und irgendwann scheint es so, wie auf dem Land: Man kennt sich von früher, man hat es schon mal versucht und lässt es lieber, oder es ist einfach das falsche Geschlecht – ganz abgesehen von den religiösen Ausrichtungen, die das Ganze noch komplizierter machen. Nun wird man sagen: Ja, warum eigentlich einen jüdischen Partner? Ja, warum? Weil es einiges doch einfacher macht? Weil man über manches nicht groß reden muss? Weil die Familiengeschichte nicht zu Bedrückungen führt? Weil man nicht erklären will? Weil man sich auch die Diskussionen um Weihnachten und Ostern versprachen will? Weil die Kinder als Juden aufwachsen sollen und die Kinder eben von einer jüdischen Mutter kommen müssen? Weil die Familie sonst nervt? Weil man sowieso nur in jüdischen Kreisen unterwegs ist? Weil man sich das Putzen vor Pessach teilen will? Ach, so vieles und irgendwie auch nichts. Und oft auch so Unwichtiges. Die Liebe fällt dorthin, wo sie hinfällt. Bei einem klappt es, bei der anderen nicht. Und irgendwie finden alle ihren Weg.

Eine zentrale Frage allerdings bleibt. Sie bleibt nicht nur in Partnerschaften, auch im Zwischenmenschlichen. Und sie wird leider immer häufiger gestellt im Stillen, im Geheimen: Würden sie mich schützen? Würde die Freundin mich verstecken, wenn ich fliehen müsste. Würde der Mann mir fraglos sein Auto geben, den Schlüssel zur Gartenlaube? Würden sie mir Geld geben? Leute bestechen?Würden sie mich vor mich stellen, wenn ich angepöbelt werde? Würde die Scheidung eingereicht, wenn Ehen zwischen Juden und Nichtjuden wieder in Frage gestellt würden? Würden sie? Was würden sie? Und was wäre wenn?

Fragen, die uns begleiten. Fragen, die mal lauter und mal leiser sind. Und auch eine zentrale Frage auch in der Partnerwahl. Kann man sich jemandem wirklich offenbaren, hingeben, ihm vertrauen, wenn dieser Zweifel bleibt? Kann so eine Beziehung auf welcher Ebene auch immer stattfinden? Vertrauen? Fragen, die uns mitgegeben wurden, die Generationen weiter tragen, weil die Familiengeschichten davon abhingen? Das Misstrauen, vielleicht auch Vorsicht steht uns oft im Weg. Es schützt uns aber auch. Es versucht es und gleichzeitig hindert es uns an einem freien Leben. Ein Leben mit Übermut und aus vollen Zügen. Immer ist diese Frage da: Würden sie? Was wäre wenn?

Was wäre wenn, gilt auch für jene, die nach dem Fall der Mauer erkennen mussten, dass sie verraten wurden von Freunden und Familienangehörigen. Würden sie? Gilt auch für sie. Kein Vertrauen. Es aussprechen geht nur im kleinsten Kreis. Im Kreis derer, die verstehen, wirklich verstehen, da sie selbst diese Frage stellen. Würden sie? Und was ist mit jenen, die beide Geschichten in sich tragen?

In den letzten Jahren stellte auch ich mir die Frage oft: im Büro. Im Freundeskreis. Auch in innerjüdischen Beziehungsverhältnissen. Würden sie? Was würden sie tun? Zuhause, das weiß ich und bin sicher, dass ich sicher bin. Der Weg weg, er ist besprochen. Ernsthaft. Ein Plan B im Fall der Fälle liegt parat. Ein Plan B, den ich nicht allein gehen muss, wenn ich nicht will. Ich habe Glück, so hoffe ich, und versuche nicht daran zu denken. Versuche ein Leben zu leben, ein normales. Das dann doch nie ein normales sein kann, weil wir daran tragen, an der Geschichte über Jahrhunderte. Und jedes Mal, wenn wieder irgendwo Steine fliegen, wenn Menschen erschossen werden, Feuer brennen, weil jemandem die Herkunft, das Aussehen, der Glaube nicht passt, ist sie wieder da, die Frage: würden sie?

 

Danke an M. und R., dass wir darüber sprachen.

photo credit: Go-tea 郭天 Night 36/52 via photopin (license)

6 Comments

  1. Mit jüdischen oder nicht-jüdischen Beziehungen kenne ich mich nicht aus – eigentlich kenne ich mich überhaupt nicht mit Beziehungen aus, dies ist jedoch ein anderes Thema – aber eins weiß ich, ja, ich würde!

    Wenn es meine Freundin, meinen Freund, meine Partnerin, meinen Partner, meine Familie, ihre/seine Familie betrifft, dann würde ich helfen, würde ich beschützen, würde ich selbstlos sein, würde ich handeln, würde ich laut werden, würde ich kämpfen, würde ich verstecken. Ja, all das, ohne Frage.

    Und ich hoffe, vielleicht sogar glaube, ich bin nicht die Einzige mit dieser Einstellung!

  2. Björn Björn

    Ich finde, wenn man alles im Leben- mit dem Kopf bedenken muss, dann darf in Fragen die dass Herz betrifft, auch nur das Herz leiten..!
    Ist ja nicht so das das Herz dumm ist.

  3. Danke für die Erinnerung, dass diese Fragen wirklich noch aktuell sind. Und immer wieder aktuell werden. Ich habe keine Juden in meinem Bekanntenkreis, da war mir nicht bewusst, dass diese Fragen natürlich auch jetzt noch gestellt werden. Aber ich bin im Osten aufgewachsen und weiß, dass es da dieses grundlegende Misstrauen gibt und dass das erst nach Generationen wieder verschwinden wird. Ich sage natürlich: Na klar, würde ich! Aber wer waren denn dann die Massen damals, die dann doch nicht so gehandelt haben?! Und was denken die Massen heute? Auf jeden Fall ist es wichtig, ihnen zuzuhören. Dann weiß man, wohin die Richtung geht.
    Viele Grüße, Marlene

  4. Ich hoffe, es wäre mir egal, ob ich die fragliche Person kenne oder nicht und welchen Glauben sie hat oder nicht hat. Ich hoffe, ich sehe dann einfach einen Menschen in Not, dem ich helfen kann. Bislang habe ich jedenfalls danach gelebt.

  5. Tutatull Tutatull

    Spittastr. 24

  6. Liebe Juna,

    vor Tagen schon begann ich zu schreiben, was nicht Kommentar, sondern vielleicht eine Art demütiges Verstehen und Fühlen übermitteln wollte. Es gelang nicht so, dass ich mich nicht schämte über die eigene biographische Selbstbezogenheit…
    Aber ich ich sehe. Und lese. Und höre. Ich fühle hin.

    Ich erlebe, übe seit Kindesbeinen, obwohl ich auch alles von Angst bis Zweifel spür: Leben bedeutet, nie meine Verantwortung als Nächste* zu ignorieren. Indem ich riskiere mich schützend einzumischen, meine Hilfe anzubieten. Dazu gehört, klar zu benennen und dagegen zu halten, wenn Gruppen ihre „Werte“ und ihren inneren Zusammenhalt durch Herabsetzung anderer herausstellen, wenn sie Schwächere, Einzelne oder Minderheiten, zu Sündenböcken erklären bis hin zur Treibjagd (ob im Klassenzimmer, im Wohnviertel oder in der „großen Politik“). Sogar wenn spontane Einmischung sich in der Form als eher unpassend, wenig wirksam oder im Einzelfall als unerwünscht erweist:
    Gesicht zeigen als Mitmensch ist immer besser als nichts. Ist immer hilfreicher als Verleugnen und später selbstrechtfertigendes: „Aber was hätte ich denn…“

    *(Nächste: räumlich – zeitlich – denkfühlendes Mitgeschöpf | Evolutionsfrüchtchen)

    Also – Pathos hin oder her: Ja, jederzeit.
    Unzulänglich, aber uneingeschränkt: Ja.

    Gesine

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