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Massentaumel und nur nicht fragen

Gerade geht mir das wieder durch den Kopf. Irgendwann damals in Soziologie, Gruppen und Netzwerke. Ich wollte verstehen lernen, was Menschen so anzieht an Gruppen, an Massen. Was dieses Schreien soll. Ich lernte es, theoretisch. Verstehen kann ich es noch immer nicht. Und gerade, da wieder Schreien durch die Straßen wabert, Jubel vielleicht. Man weiß nicht, warum. Es ist gleich. Immer gleich. Dieses Mal scheint es der Zeitung nach der Bundesparteitag der SPD zu sein. Und man schreit besoffen vor Glück über die Wahl des schon lange gesetzten Kandidaten für die Kanzleramtswahl.

Nein, ich verstehe es nicht. Ich bin der Mensch der verwundert abseits steht, der misstrauisch wird, wenn er Zusammenrottungen betrachtet. Parteitage, Musikbands, Bestsellerlisten. All das und mehr macht mich misstrauisch, all das, was vermuten lässt, dass der Mensch sein Empfinden, sein Denken und Reflektieren abgibt. Der Schutz in der Masse, der ein Trugschluss ist.

Es rührt wohl daher, dass ich mit Fragen erzogen werde. Hinterfrage! Immer. Folge nicht wie ein stummes Lamm dem vorgegebenen. Frage warum? Frage wozu? Frage wofür? Frage frage frage. Nimm nicht hin. Schlucke nicht alles. Das Fragen ist mir in die Wiege gelegt. Man konnte es mir nicht abgewöhnen. Nicht die Schule. Nicht die Organisationen. Nicht die Ausbildung, Studium, Arbeit. Als Kind in der Schule verstummte ich irgendwann. Meine Fragen schienen zu gefährlich in den Augen der Lehrer. Dabei wollte ich nur verstehen. Wie ich heute auch noch verstehen will.  Zuhause aber wurde gefragt – und geantwortet. Es wurde gelesen und gedacht.

Später, gerade Teenager: Dirty Dancing sogar in diesem Land im Kino. Die Mädchen im Jennifer Gray Einheitslook. Sie kennen jede Szene. Eine Klasse im Filmsog. Es ist mir suspekt. Boybands erobern die Mädchenherzen des gerade befreiten Landes. Mein Zimmer ist plakatiert. Mit James Dean. Ich höre Elvis, Dean Martin, Ella Fitzgerald. Und lese…lese nicht mehr verbotene Bücher.

Spätere Politikversuche scheitern am Fragen. Ich bin nicht kompatibel. Merkte zu schnell, dass es nicht darum geht, Dinge zu ändern. Zu kooperieren, der Sache wegen. Es geht um Pöstchen und Posten. Es ist uninteressant. Wenigstens versuchte ich es…

Und heute? Heute suche ich das Weite, sobald ich Menschenmassen sehe. Es ist laut. Es ist unheimlich. Es ist Massentaumel, in dem kein Mensch doch wirklich denken kann. Denken will. Es ist einfach, mitzuschwingen in der Masse. Es ist einfach in der „richtigen“ Gruppe zu sein. Es ist einfach, alles zu glauben und nicht zu fragen. Haben Politiker mehr recht, je mehr ihnen zujubeln? Ist Musik wirklich soviel besser, wenn das Gegröle der Menge sie übertönt? Die Ausstellung soviel eindrucksvoller, wenn man im Eröffnungsgetümmel weder zum Objekt noch zum Getränk kommt? Aber ja, man war da. Man ist dabei gewesen. Man kann für den Moment sich wichtig fühlen.

Ist es jetzt tatsächlich so überraschend, dass der schon lang gepuschte Kandidat nun offizieller Kandidat ist?
Was geht im Körper vor, dass er beschwipst das schon bekannte Ergebnis bejubelt?
Was geht vor, wenn man dort in der Menge sitzt?
Als Einzelner unsichtbar und ungesehen.

Es ist und bleibt das Taumeln der Menge, die mich misstrauisch macht. Bei allem. Bei jedem. Sich selbst ein Urteil bilden. Ganz in Ruhe. Ohne den Druck von Außen. Vielleicht ist es das, was wir mehr brauchen. Was wir uns gestatten sollten. Was wir reflektieren sollten. Mir scheint, es kommt oft genug zu kurz.

 

photo credit: Allie_Caulfield 2009-09-07 09-09 Phnom Penh 047 Central Market via photopin (license)

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