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Die Sehnsucht, die bleibt

Es sind Tage wie diese, wenn das Grau kein Ende nimmt, wenn der Himmel unermüdlich Wasser herunterlässt, in denen die Sehnsucht groß ist. Die Sehnsucht nach irgendwas da draußen, wo ich „unter meinesgleichen“ bin. Was ist das, dieses Meinesgleichen? Wo ist es? Ist es nicht diese Sehnsucht, die von Generation zu Generation weitergeben wurde. Die lange, so lange in der Diaspora, im verlorenen Land, der Heimat gesehen wurde?

Oder ist dieses Meinesgleichen einfach nur die Sehnsucht nach Gesprächen, wie ich sie wieder im von Chajm empfohlenen Podcast? Die Sehnsucht nach Witz ohne Erklärung. Hier, wo immer bedacht, auf „was kann gesagt werden?“ so wenig gesagt wird. Ich sehne mich nach den unbeschwerten Abenden, die in der Schwere der deutschen Jüdischkeit nicht auffindbar zu sein scheinen in denen sich zu viele viel zu erst nehmen. Ich sehne mich nach einen Traum, den so viele träumten und dessen vermeintliche Erfüllung all das nicht bringt. Die Enttäuschung nach der Erfüllung eines Traums. Vielleicht auch, haben zu wenig geträumt. Vielleicht aber, vielmehr ist der Mensch eben Mensch und nicht geeignet für Träume.

Es sind diese Tage in denen ich es verfluche, meinem Heimweh nach Berlin nachgegeben zu haben. Tage, in denen ich nicht weiß, wohin mit mir. Tage des Zweifelns, des Haderns und des Trauerns, nur Zuhörer zu sein. Die Sehnsucht nach der ganz eigenen Sprache, die wohl jeder kennt, fern der Heimat. Auch, wenn es eine geistige Heimat ist. Wenn wir unsere Sprache nicht sprechen können, wenn wir sie unterdrücken…was sind wir dann? Wenn die Worte der Kindheit heute nur noch im Herzen sind? Wenn man sie herausrufen will, sie keiner versteht?

Ich weiß, ich träume von einer Illusion. Doch an Tagen wie diesem ist der Traum, die Sehnsucht so groß und manchmal hilft es nicht, mir zu sagen, es ist eine Illusion. Es gibt dieses Land nicht. Die Sehnsucht ist schmerzlich und alle Realität hilft wenig. Vielleicht liegt es in den Genen, die Sehnsucht, die Sehnsucht, die bleibt.

So also vertiefe ich mich weiter und lausche den Gesprächen und sehne mich weiter. Morgen, morgen wird es besser sein. Ich fahre ans Meer.

 

photo credit: Bzl.TLV Finding Balance – Jaffa, June ’15 via photopin (license)

4 Kommentare

  1. Unsere Sehnsucht hat unterschiedlichen Ursprung, doch ich kann sie so gut nachvollziehen. Sehr schön geschrieben. Und umarme das Meer von mir.

  2. Stefan Peetz Stefan Peetz

    Nach den erste Sätzen dachte ich mir „sie sollte ans Meer fahren“: Wie schön, dass Sie auch so denken!
    Herzliche Grüße von der Nordseeinsel Föhr

    • Ja, das Meer, das so viel heilen kann. Es rauscht hinterm Haus und es tut gut. Danke.

  3. Shalghar Shalghar

    Wirklich „ortsabhängig“ ist die Sehnsucht nach Gesprächen bestimmter Qualität nicht immer. In meinem Fall ist die unerfüllbare Sehnsucht nach im Laufe des Lebens entfremdeten Menschen stärker und meine „Naturhilfe“ wäre eher der Wald als das Meer.

    „Meinesgleichen“ sind für mich Menschen ungleicher, aber mich ergänzender Persönlichkeit, Menschen deren Gegenwart einfach gut tut,
    Menschen die mit ihrer völlig andersartigen Sichtweise mt mir zusammen ein Thema so viel vollständiger beleuchten und erörtern können als Menschen gleicher Denkweise es je könnten.

    Sofern wir diese Sehnsucht teilen kann ich nachvollziehen, selber erleben, mitleiden. Ortsbezogene Sehnsucht jedoch ist für mich immer nur durch die Menschen definiert die dort leben, nie durch den Ort an sich.

    It takes all sorts to make this funny little world.

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