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Herr Rotkehl und ich

Herr Rotkehl und ich schauen raus, raus auf den Schnee, auf die Dächer. Spatzens sind wieder weg. Ihr nervöses Gespringe tut nicht immer gut. Aus den Lautsprechern unbestimmte Musik, deren Inhaberschaft ich schon vergaß. 

Hast Du eben die zwei Schwäne vorbeiziehen sehen? Weiß auf weißem Himmel über weißer stiller  Welt. Nur wenige Menschen auf den Straßen. Es ist einer der Tage, die nicht recht beginnen, die in ihrer Dunkelheit unmerklich in die Nacht übergehen werden. Sind diese Tage mehr geworden? Der Bücherturm liegt anklagend neben mir. Was hältst Du davon, Herr Rotkehl? Schaue hinaus in den stillen Tag, in die bepuderte Welt. Alles scheint für heute erstickt zu sein. Das Geschrei, das Auftrumpfen, die Hysterie.

In den nächsten Wochen, Herr Rotkehl, soll ich fremden Menschen beweisen, dass ich mein Geld zurecht bekomme. Spatzens sind wieder schnatternd da und bringen mich zurück. Ganz hinten im Park sind nun doch ein paar Jogger zu sehen. Jogger, Hundebegleiter und Kinder sind die einzigen, die dieses weiß in weiß betreten.

Aus den Lautsprechern klingt Roger Willemsen. Die einzige Stimme, die mich konzentrieren lässt. Auf kalten Flughäfen hat er mein Warten auf den nächsten Flug begleitet. Zum letzten Geburtstag bekam ich das letzte Mal ein Buch von ihm. Das letzte Mal. Nach all den Jahren. Du kanntest ihn wohl nicht, Herr Rotkehl. Ein angenehmes Wesen hatte er. Ganz wie Du. Was würde er wohl zu all dem sagen, was wir Gegenwart nennen? Es hat wieder begonnen zu schneien. Alles erstickend. Ach würde es doch darunter verschwinden. Nur nicht an Zukunft denken.

Ein Hund rennt wild durch den Schnee. Das Streufahrzeug hastet eilig die Straße entlang. Herr Rotkehl und ich sitzen hier, am Fenster. Er davor, ich dahinter. Wir denken nach, oder auch nicht. Schauen raus in die stille Welt, weiß auf weiß auf weiß. Die Klappergrasmücke löst Herrn Willemsen ab.Kennst Du eine Klappergrasmücke persönlich, Herr Rotkehl? Ich dachte nur. Man kennt so vieles nicht.

 

 

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