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Ein Anruf und das Land, das nicht vorbei war

„Du kannst Dir nicht vorstellen, was gerade passiert ist!“ M. war aufgelöst. So, wie sie klang war es nichts Gutes und sie durfte sich nicht aufregen. „Nun beruhige Dich mal.“ Man konnte buchstäblich M.s rasenden Puls hören. Vor ein paar Tagen war sie erst wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Das Herz. „Ich bin in der Galerie heute. Die K. Musste heute dringend weg.“ Sie war schon ein paar Jahre in Rente und half immer mal wieder in einer Galerie aus.

So, allerdings, wie sie gerade klang, wäre sie besser zuhause geblieben. „Die K. sagte, dass die Versicherung geändert werden muss und der Vertreter würde heute anrufen. Und dann das!“ Er rief an. Sie konnte nicht mit ihm sprechen. Sie kannte seinen Namen. Er hatte Spuren hinterlassen. Damals war er ihr Stellvertreter. Der Stellvertreter plötzlich auf dem Posten eingesetzt wurde, vom Thema keine Ahnung hatte und von dem von Beginn jeder wusste, warum er da war: sie.

Er war einer ihrer letzten IM. Der, von dem sie wusste. Der von dem sie nur am Wochenende Ruhe hatte, wenn die anderen übernahmen. Die anderen, die man nicht sah, von denen man wusste. Die, die oft genug in der Wohnung waren. Die die Nachbarn bedrohten, sollten sie etwas verraten. Und er, dessen Berichte später, als das Land schon untergegangen war, die einzigen waren, die man von der langen Liste ihrer Akten fand. Fragwürdige Berichte, fast lächerlich im Rückblick betrachtet, krampfhaft suchend, irgendwas berichten zu können, was nicht da war. Und sie versuchte ihm noch zu helfen, damit er eine Chance hatte, trocken zu werden? Hatten sie geglaubt, was er schrieb über sie? Von heimlich importierten Drogen aus dem Westen, die sie sogar im Büro nahm und mit denen es ihr besser ging. Damals, kurz nach dem Mauerfall, als sie in der Magdalenenstraße über ihren Akten saß, fragte sie sich, was er meinte. Es müssen die Medikamente gegen das schwere Asthma gewesen sein. Gelacht hatten sie damals. Damals als noch Hoffnung war auf Gerechtigkeit. Berichte fanden sich auch von seiner Tochter. Detaillierte Gesprächsprotokolle über Ferienlagergespräche mit ihr, die immer unvoreingenommen auf Menschen zuging. Man fing früh an in diesem Land mit dem Verrat.

„Und hat er gewusst, wer Du bist? Hat er Dich erkannt?“ Noch immer ging ihr Atem schnell. Hätte sie selbst gedacht, dass sie das so mitnimmt, obwohl er eigentlich nichts anderes als eine Witzfigur war? Eine Witzfigur allerdings, die wie so viele seiner ehemaligen Kollegen weich gefallen war im neuen Land, das sie noch kurz vorher bekämpften. Kapitalismus lernt man schnell.
Sie wusste von einigen weichen Landungen. Gerechtigkeit zu wünschen hatte sie inzwischen aufgegeben. Niemand interessierte sich für die Narben der Verwundeten. Sie waren lästig, die Menschen, die nicht heilen konnten.
So versuchte zu verdrängen, was nicht zu verdrängen war. Man sprach nur untereinander darüber, was war und was geblieben ist. Nur wenige machten sich die Mühe, verstehen zu wollen. Relativierten und ließen die, die hätten erzählen können immer mehr verstummen. „Wenn man sich nichts zuschulden kommen ließ, ist einem doch nichts geschehen.“ wie oft wurde dieser Satz gesagt? Wie oft jeden gesagt, die sich nichts zuschulden haben kommen lassen, außer da zu sein, auf Listen zu stehen, Fragen gestellt zu haben, die falschen Verwandten, die falschen Träume. Überhaupt Träume. Das Land hatte ihr Spuren gelassen. Nicht nur Erinnerungen, noch immer Albträume. Die gesundheitlichen Probleme waren nur ein Teil davon. Das Land, es war nie vorbei. Obwohl sie doch dafür gekämpft hatten.

Ob er sie erkannt hat, da am Telefon? Er hat sich nichts anmerken lassen. „Er hat gesagt, er ruft dann morgen nochmal an, wenn die K. wieder da ist.“ „Und nun?“ „Ich weiß nicht. Was mache ich, wenn der nochmal anruft oder hier vorbei kommt, wenn ich da bin?“ „Du solltest vielleicht doch etwas sagen. Mit K. kannst Du reden.“

Sie erzählte K. was geschehen war, wer dieser Mann einst ist und warum sie nicht mit ihm über Quadratmeter und Kunstwerte sprechen konnte. In der nächsten Sitzung des übergeordneten Amtes wurde beschlossen, keinen neuen Vertrag mit ihm zu schließen und den bestehenden zu kündigen. Beides begründete man offen mit seiner einstigen Tätigkeit. Er nahm es zur Kenntnis. Sagte nichts. Diskutierte nicht. Widersprach nicht.

 

Vielleicht sollte sie doch wieder einen Antrag stellen. Vielleicht wurden all die anderen Akten inzwischen gefunden. Vielleicht konnte jetzt auch all die Post lesen, die nie ankommen durfte. Vielleicht. Der Antrag für Akteneinsicht bei der BStU lag vor ihr.

 

 

Ich erinnerte mich an diese Begebenheit, auf Grund des Artikels „Aus Klassenfeinden wurden Kunden“ von Daniel Schulz und dachte, ich sollte sie vielleicht erzählen. 

photo credit: Thomas Hawk Operate via photopin (license)

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