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Wir müssen reden – über #Luther2017

Eigentlich wollte ich doch gar nichts schreiben zum derzeitigen Lutherhype, denn anders kann man die Vorgänge schon lange, bevor das eigentliche Jubiläumsjahr beginnt nicht nennen. Und man fragt sich ernstlich, wüsste man es nicht besser, was eigentlich hier gefeiert wird.
Zuvor, ich beziehe meine Kritik auf Ausstellungen, Tourismusmarketingcampagnen und Devotionalienverkäufer. Ich weiß um die Arbeit und machmal auch Kämpfe derer, deren Arbeit Kirche ist: die Pfarrerinnen und Pfarrer. Hier stehen die Dinge anders, als dort, was von der Masse der Menschen wahrgenommen wird. Aber machen wir uns nichts vor, gerade dort, wo die Reformation ihren Ursprung nahm, sind Christen nicht die Mehrheit der Bevölkerung. 
Schon als die ersten Ausstellungskonzepte (und es sind sehr viele) zum Reformationsjubiläum erschienen, fiel auf, dass man tunlichst das leidige Thema Luthers (Juden-)hass ausklammerte. Über den Bauernhass kann man noch eher sprechen, aber Juden, ach, das passt so schlecht ins Bild und lässt sich so schlecht vermarkten. Womöglich kamen dann einige Touristen weniger. Denn nichts anderes scheint das Land ergriffen zu haben: die Chance der Vermarktung. Und nein, kommen Sie mir nicht damit, dass hier nichts vermarktet werden soll. Das ist eine holde Illusion. Es gibt Luther Lego Figuren, Luthersocken, Lutherpapiertaschentücher, Lutherpastillen, Luthertassen, Lutheranstecknadeln, Lutherplüschfiguren, Luthergeschirrtücher. Man kann quasi sein ganzes Haus mit Devotionalien ausstatten. Alles, was der Fanboy, das Fangirl brauch. Habe ich ein Problem damit? Nein, wem’s gefällt, der möge es tun.
Nun schauen wir weiter, in gefühlt jeder Stadt, jedem Dorf dessen Kulisse Luther einst gesehen haben mag, sprießen die Lutherausstellungen aus dem Boden. Die Hoffnung heißt: ein Stückchen vom Kuchen. Niemand fragt sich, ob nicht irgendwann, bereits jetzt schon womöglich, eine Übersättigung einsetzt. Bei mir ist es so. Leider.
Nein, es soll nichts vermarktet werden so heißt es immer wieder. Sachsen-Anhalt bennent rein zufällig gerade jetzt seinen Landesslogan vom merkwürdigen „Land der Frühaufsteher“ um in „Ursprungsland der Reformation“, als wäre es nicht schon die letzten 500 Jahren genau das gewesen. Nur scheinen die beauftragten Marketingbüros das Potential erst jetzt zu entdecken.
Alles spricht über Luther, kaum jemand scheint über das eigentliche zu sprechen: die Reformation an sich. Wir bewegen uns also weiter um die Person. Dann mussen wir auch alle Aspekte beleuchten. 
In Eisenachs Bachhaus wagte man, bis dato einmalig, einen konzentrierten Blick auf das, was da die Folgen Luthers Auswürfe waren. Bezeichnend vielleicht, dass diese Ausstellung nicht Teil des Lutherjahres ist. In Berlin nun wird die Topographie des Terrors als Reaktion auf die mangelnde Rezeption der zentralen Ausstellungen zumindest die Auswirkungen Luthers Judenhasses in Nationalsozialismus beleuchten. Wie gesagt, als Reaktion. Allein schon das stimmt mehr als nachdenklich. 
Ich denke es geht auch darum, eine Ikone zu entzaubern, zu hinterfragen, das zu hinterfragen was falsch war und ist statt es totzuschweigen oder ganz hinten ins letzte Ecklein einzusortieren, wo man es nur findet, wenn man konkret danach sucht. So kann man immer sagen: „Wir haben es doch thematisiert.“ Mit einer Entzauberung aber verkauft man womöglich weniger Socken oder Neudruckbibeln in allen sprachlichen Varianten. Oder doch nicht? Die Demythifizierung eines Idols kann auch dazu führen, dass es greifbarer wird, zum Menschen wird und damit näher rückt für viele. Den hohen Sockel stetig hochzuschauen ermüdet auf Dauer.
Es war eine Entscheidung, das Reformationsjubiläum zu einem Personenkult zu machen. Nur muss man damit umgehen – nicht nur in Kirchengemeinden und -kreisen. Die Reformation und Luther sind keine Interna und sind nicht nur relevant für die evangelischen Christen. 
War Luther der erste Antisemit? Nein, das wissen wir. Dennoch, Luthers Schriften hatten Folgen. Sehr gute und sehr schlechte, bis heute. Menschen leiden bis heute durch das, was er mit seinen Worten sähte. Ungezählte Menschen starben durch sie. 
Wir müssen reden.

photo credit: Harald52 Der Reformer via photopin (license)

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