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Identitäten – Wir sind mehr als nur eines allein.

Wir Menschen denken in Schubladen. Eine eigentlich nicht schädliche Einrichtung des menschlichen Geistes scheint immer weniger Reflexion zu finden. Ist die Einordnung, die ich hier treffe richtig? Bin ich zu voreilig mit meinem Urteil? Die Fragen höre ich in den Diskursen der Gegenwart wenig. Im Gegenteil, die Schublade wird gefüllt und verschlossen – ohne Chance für den den eingeschlossenen oder den Schubladenbesitzer, sein tun zu überdenken. Vor allem aber ohne seinen Willen. Ein Widerwort.

Bewerbungen mit nicht biodeutschen Namen. „Hmm, ob die gut genug Deutsch kann?“, Mensch mit tiefschwarzen Haaren, dunklerer Haut „Oh, Südländer. Vermutlich Muslim. Gefährlich.“ überhaupt „Muslim? Terrorist“, Juden „Sie massakrieren Ihre Kinder und Tiere!“, „Schwul? Macht ausnahmslos jeden Mann an.“…
Ich frage: was soll das? Warum reduzieren wir Menschen immer mehr auf eine vermeintliche Eigenschaft, von der wir meist nur vermuten, dass sie überhaupt zutrifft? Woher nehmen wir diese Chuzpe mehr über Menschen, ihre Erfahrungen, Sehnsüchte, Geschichten, Wünsche und Leben zu wissen als diese Menschen selbst? Was ist so schwierig daran, mit Menschen zu sprechen, die uns vielleicht irritieren mögen, weil sie nicht in unseren Erfahrungshorizont passen. Warum sind wir wie es scheint immer weniger bereit andere Menschen einzuschränken in ihrem Sein und vor allem auch in ihrem Leben als unseren Horizont zu erweitern, zu bereichern, zu lernen?
Wir sind doch so viel als eines allein. Wir haben so viele Eigenschaften, wie ein wunderbarer Cocktail zusammengemischt zu einmaligen Persönlichkeiten. Natürlich schmecken einem nicht alle Cocktails, versuchen aber sollte man sie. Wir sind nicht NUR Muslime, Juden, Christen, Atheisten, wir sind Radfahrer, Stricker, Bücherwürmer, Gamer, Motocrossfahrer, Oldtimersammler, Schriftsteller, Handwerker, Handarbeiter, Maler, Puppenmacher, Alebrauer, Museumsmenschen, Wanderfreund, Aspies, Rollstuhlfahrer, Gebärdenmeister, Schäfer, Morgenmuffel, Tänzer, Camper, Nagellacksammler, Studeierende, Lehrende, Frauen, Männer, Transgender, Mütter, Töchter, Onkel, Brüder, Freunde, blond, schwarz, rot, tätowiert, gepierct, verwundet, Kämpfer, Seelen. Wir tragen Geschichten, Narben, Glück, Erinnerungen, Freude, Trauer, Erfahrungen.
Wir sind nie, ausnahmslos nie, nur eines. Wir sind so viel mehr und sehen es nicht, wollen es nicht sehen. Denn dieses Sehen des Mehr, des „dahinters“ ist das, das uns zu Menschen macht, aber auch das, das uns verletzbar macht. Denn wir selbst wissen, dass wir mehr sind als das eine, auf das man uns reduzieren will und Eigenschaften zuschreibend, derer Existenz wir nicht einmal gewahr waren. Und wir haben keine Chance dagegen anzustehen. Denn wir sollen nicht gehört werden, wir wollen nicht gehört werden. Man schließt uns in diese Ungetüme von Schränken und sperrt die Schubladen zu. Die Besitzer scheinen zu hoffen, sie machen sich ihr Leben so einfacher und sehen nicht, dass das Gegenteil der Fall ist. Sie nehmen nicht nur uns den Reichtum des Menschseins, sondern auch sich selbst. Ein armes Leben ist das.
Und gerade jetzt, wo diese Schränke noch viel größer scheinen, sollten die Eingesperrten noch mehr gegen die Wände der Laden trommeln. Wir sind mehr als in diese Schubladen passt. Wir können sie sprechen, wenn wir unser eigenes Denken reflektieren. Wo steht unser Schubladenschrank? Sollte ich ihn nicht einmal leeren? Einer Revision unterziehen? Vielleicht nur noch ein Schränkchen haben für die geordneten Dinge, wie Blumen, Bäume. Ein Herbarium vielleicht anlegen. Und endlich wieder den Reichtum sehen, den Menschen bereit halten können, wenn wir bereit sind, sie zu sehen und den Blick hinter das wagen, was mir meinen ihre Eigenschaft ist, ihre Identität. Es ist mehr als eines und soviel mehr zu lernen und zu gewinnen. Für jeden von uns.

photo credit: mripp Las Vegas Crowd via photopin (license)

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