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„Das geht seinen sozialistischen Gang.“

So hört man immer mehr am Telefon. Nein, nicht damals, als es noch mit einer gewissen gewagten Ironie gesagt wurde. Heute. Heute gerade wieder am Telefon. Ich will das nicht.
Es gibt Tage an denen ich nur die Augen verdrehe, nicht reagiere, es überspiele, was „Es“ in mir auslöst. Ich verkrampfe, nicht nur innerlich. Ich will den sozialistischen Gang nicht. Ich wollte ihn nie. Er war Bedrohung, Dunkelheit und Kindheit ohne Leichtigkeit.

Mein „sozialistischer Gang“, wie er vorgesehen gewesen wäre durch jene, die die Zukunft der Menschen bestimmten, wäre weit weg von dem, was mir heute möglich ist. Er lag wie ein dunkler Schatten über meiner Kindheit. Das Bewusstsein, was kommen wird, welchem ich nicht ausweichen können würde, was man tun wird, mit mir. Ich frage mich noch heute, was gewesen wäre und finde nur zwei Antworten, zwei Lebenswege: versuchen, das Land zu verlassen auf welchem Weg auch immer und damit mein Leben zu riskieren oder sich dem Leben dort in diesem Land zu verweigern. 
Die Schule sah kein Abitur für mich vor. So wurde es bereits in meinen ersten Schuljahren trotz hervorragender Leistungen mitgeteilt. Bei dieser Familie – unmöglich. Das Arbeiterkind, das später meine Mutter wurde, durfte noch studieren. Ich war das Paradox der nächsten Generation. Intelligenzlerkind. Sie enttäuschte die Hoffnungen in sie, sie dachte selbst, nutzte ihr Gehirn. Das ging nicht. Das spätere Kind hätte laut Aussage eines Vorgesetzen (und Funktionärs), auch heute noch in bester Position, „auf der Straße verrecken können“. Der sozialistische Gang. 
Die Auswege für meinen Weg wurden gesucht. Wie den Wehrunterricht umgehen? Wie einen irgendwie erträglichen Arbeitsplatz finden, in dem ein denkender Mensch in einem Land in dem er nie frei sein wird, schlicht nicht den Verstand verliert. Wie eine Zukunft haben ohne eine Zukunft zu haben? Der sozialistische Gang. Hätte es eine Lösung geben. Vielleicht. Man hätte es versucht, über die Kirche. Der einzige Ort, an dem man reden konnte, reden durfte. Die Weichen waren gelegt.
Und persönlich? Ich hatte Angst. Angst vor der Zukunft. Angst vor der Schule jeden Tag. Ich stand auf verlorenem Posten. Ich hätte mich anpassen können, meine Familie verraten, sie noch mehr der Willkür preis geben können. Ich tat es nicht. Es kam mir nicht einmal in den Sinn. So blieb die Angst davor, nach hause zu kommen und doch vergeblich auf meine Mutter zu warten. Angst, dass es an der Tür klingelt und graue Menschen in Ledermänteln davor stünden. Angst davor, dass sie mich doch in ein Heim bringen würden und ich dort irgendwie verschwinde, wie sie es androhten.  Angst, es nicht zu jenen Menschen zu schaffen, bei denen ich Unterschlupf finden sollte, würden sie meine Mutter holen.Wie viele Stunden saß ich auf dem Balkon bei jedem Wetter, die Straße im Blick, die sie hoch kommen würde, um in der Gewissheit, wieder einen Tag zusammen geschafft zu haben, schlafen zu können. Der sozialistische Gang. Die Hilflosigkeit eines Kindes, das nie einen Ausweg finden wird, keine Unbeschwertheit kennt. Der sozialistische Gang. Ja, wir hatten Glück, man hat uns am Ende nicht getrennt. Wir hatten großes Glück. Und dennoch…
Der sozialistische Gang, er ist kein lustiger, nicht witzig und nicht „ach, es war doch alles nicht so schlimm“ und erst recht nicht „hättet Ihr Euch mehr angepasst, wäre nie was gewesen“. Anpassen in Diktaturen. Ein deutsches Schema? Nein, ich will keinen sozialistischen Gang, nicht früher, nicht heute auch nicht in Zukunft und ich will es nicht mehr hören müssen. Denn dieser Gang war nicht meiner. Er war eine Bedrohung, die ihre Dunkelheit bis heute nicht verloren hat. 

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