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Wähle Deine Worte weise – oder, welche Information ist wirklich wichtig?

Vor einigen Wochen erzählte ein Kollege von einer missglückte Waschmaschinenreparatur, wie es so viele gibt, genauer, die Firma, die er rief war offensichtlich keine sonderlich vertrauenerweckende. Die Information, die er weiter gab war, dass der junge Mann, der zur Erstbesichtigung augenscheinlich nicht „biodeutscher“ Herkunft war. 

Eine Kollegin fragte, was diese Information zur Sache täte. Er stutzte und sagte, gar nichts. Denn in der Tat, das tut sie nicht. 
Eine Dokumentation über den Zoll an deutschen Flughäfen. Eine Familie, die zu Besuch bei Verwandten in Vietnam war wird kontrolliert, man findet einiges, was hier nicht zugelassen ist. Die Stimme aus dem Off spricht immer wieder von der „vietnamesischen Familie“, die Pässe, die die Zollbeamtin während der Bearbeitung in der Hand hat, sind durchweg deutsche weinrote Papiere. Eine Traumatherapeutin wird zu ihrer Arbeit mit Geflüchteten interviewt. Im gedruckten Interview steht, dass sie jüdisch ist. Der neue Freund der Nichte ist eine Urlaubsliebe, das einzige, was man in der Verwandtschaft mitteilt ist, dass er schwarz ist. Der Moderator, der nach einem Interview die Speicherkarte mit dem Interview abgenommen bekommt, macht auf diesen Eingriff aufmerksam. In Berichten von von dem jüdischen Journalisten gesprochen. 
Ich frage mich, was haben diese Informationen von möglicher Herkunft, z.T. auch nur Mutmaßungen mit dem eigentlichen Inhalt der Information zu tun? Vielleicht sollten wir uns selbst hinterfragen, was wir damit tun, in dem wir hier eine Schubladeneinordnung vorwegnehmen, ohne, dass wir wissen, wie das Gegenüber einordnet. Natürlich wird die Traumatherapeutin einen völlig anderen Ansatz haben und natürlich wird sie nicht mit muslimischen Geflüchteten arbeiten können, das geht ja nicht. Natürlich wird der Journalist per se Vorurteile haben. Natürlich arbeitet der Waschmaschinenservice schlecht, weil er „südländische“ Wurzeln hat. Natürlich wird der Mann der Nichte ein niedriges Bildungsniveau haben. Natürlich würde eine herkunftsdeutsche Familie keine Pflanzen inklusive Wurzeln nach Deutschland einführen. Natürlich sind die, die einen rein unbunten Stammbaum haben, lupenrein, machen nie Fehler und sind völlig unvoreingenommen. Machen wir uns doch nichts vor! Es spielt keine Rolle. Die Information, die wir damit vermitteln, hat eine, wenn auch vielleicht unbewusste manchmal aber auch bewusste Zielsetzung. 
Spielt es eine Rolle, dass ich polnische Nachbarn habe? Reicht nicht die Information, dass die Jungs einfach die besten Nachbarn sind, die man sich wünschen kann? Das einzige, was relevant ist, dass die Großmutter ziemlich leckere und ganz andere saure Gurken macht. Aber hey, meine Großtante machte die unübertroffensten Senfgurken überhaupt. Spielte das Jüdische da eine Rolle? Wir sollten uns selbst überprüfen und überlegen, was wir sagen, wie wir es sagen. Sind manche Informationen wirklich relevant und wenn ja, warum? Man kann es trainieren. Und so im kleinen vielleicht anfangen, das zu bekämpfen, was immer mehr zum Problem zu werden scheint: das Ausgrenzen, Abgrenzen voneinander. Wir kreiseln uns ein und andere aus. Wir vermitteln und leben ein wir, Ihr nicht. Wir takten Menschen, manchmal auch wohlgemeint, ein in Gruppen, in denen sie sich vielleicht selbst gar nicht verorten. Und wir sind doch alle so viel mehr als diese eine kleine Eigenschaft, auf die man uns versucht zu reduzieren. 
Sprache ist sensibel, mit Sprache steuern wir, mit Sprache wurden wir gesteuert und wir werden gesteuert. Sie kann manipulieren und wird täglich dafür genutzt, ohne, dass wir uns dessen unbedingt bewusst sind. Herrscharen von Textern werden beschäftigt, um uns das eine oder andere schmackhaft zu machen, uns zu vermitteln, dass ein Leben ohne dieses Produkt nicht lebenswert ist. Parteien werben mit Worthülsen um die Gunst der Wähler, Demagogen fangen ihre Gefolgschaft. Sprache ist die gewaltigste und gefährlichste Waffe, die der Mensch hat und wir haben das Glück einer wunderschönen wortreichen Sprache, die aber auch so brutal sein kann. Nutzen wir sie weise. Achten wir darauf, welche Worte wir wählen, was wir sagen. Heute mehr denn je. 
Und vielleicht, ganz vielleicht hilft auch die Lektüre der LTI. Das kleine Buch, dass mir als Teenager in die Hand gedrückt wurde, dass meine Sicht auf Sprache für immer veränderte. Wer nicht gern liest, der möge in das wunderbare Hörspiel des Kulturradios zur LTI reinhören. Oder, wer es aktueller mach, sei immer wieder ein Blick ins Sprachlog empfohlen.
Achten wir mehr darauf, was wir sagen. Versuchen wir eine Ahnung davon zu bekommen, wie wir Menschen wegsortieren, verletzten, ausgrenzen. Alles mit Worten. Hören wir auf damit. Im Kleinen liegt der Beginn. Wähle Deine Worte weise, sagte die Tante mit den Senfgurken immer. Sie wusste noch, wovon sie sprach und sie hatte nicht vergessen, was Sprache anrichten kann. 

Der Angetraute der Nichte stellte sich im übrigen als hochgebildeter, charmanter junger Mann heraus. Warum sollst hätte sie sich auch sonst verlieben sollen. Massel tov den beiden vor allem zum Nachwuchs. Die Traumatherapeutin verdreht ob der Einordnung die Augen und hakt es ab. Und der Journalist? Es ist ein Skandal, was dort passiert ist. Sein Jüdischsein hat herzlich damit zu tun. Man muss ihn auch nicht mögen und kann ihn ablehnen, aber auch das hat mit dem Judentum nichts zu tun, nur wird er immer wieder darauf reduziert.

photo credit: Words via photopin (license)

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