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Die Wahl die keine Überraschung war und einige pessimistische Gedanken

Eigentlich, ganz eigentlich plante ich über die Synagogengeburtstage zu schreiben, Geburtstage, die groß gefeiert werden in stetiger gegenseitiger Zusicherung der Begeisterung für das „jüdische Leben“ in Deutschland, Zusicherung der Sicherheit der hiesigen Juden und der nicht minder sicheren Überzeugung vom Existenzrechts des Staates Israel. Ich habe die Reden heute zum 100. Geburtstag der Synagoge Fraenkelufer nicht gehört, vermute aber, dass sie mindestens Teile desgleichen in sich hatten, ähnlich werden auch am kommenden Sonntag die Ansprachen in der Neuen Synagoge lauten, die morgen vor 150. Jahren eingeweiht wurde. Tuet auf die Pforten steht an ihrem Eingang, durch den schon lange niemand mehr ging.

Eigentlich wollte ich darüber schreiben, dann war da aber noch die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern und eigentlich kann man doch zur Geschichte der Synagogen alles nachlesen, hier und hier zum Beispiel. Ich kann nicht feiern, nicht heute. Die Wahlergebnisse waren keine Überraschung, sie werden auch in Berlin nicht anders sein. Es war das erste Mal, dass ich nicht fiebernd auf die Ergebnisse wartete. Ich wollte es nicht wissen, ich kam nicht herum. Und ich frage: Wohin soll das gehen? Woher kommt es?
Die Menschen driften immer weiter auseinander. Sie interessieren sich immer weniger füreinander, für andere, für anderes. Ich, ich, ich ist das, was ich am meisten höre. Kein Hinsehen, kein Nachdenken, kein Reflektieren. Sich einfach nur helfen, ohne Gegenleistungen zu erwarten, einfach mal abgeben, ohne den Gegenwert zu berechnen und einzufordern. Das, was ich mehr habe, das, was ich nicht mehr brauche, ich gebe es nicht her. Ich muss mehr zusammenbekommen, mehr raffen, sparen, sammeln. Das hat nichts mehr mit „schaffe schaffe“ zu tun. Es ist ein Blindwerden, blind gegenüber anderen. Wir leben immer immer homogeneren Kreisen, sehen das andere nicht und haben immer mehr Angst davor. Bloß nicht anders sein, nicht auffallen – außer natürlich mit dem neuen noch größeren Auto oder den noch hipperen Job. Eine Gesellschaft verfällt in Zeiten, die schon längst überwunden zu sein schienen und ich ärgere mich. Ärgere mich nicht nur über die Umstände, sondern darüber, dass ich in diesen Zeiten leben muss, in dem Rosa und Heimchen am Herd wieder als weibliches Ideal gilt, in dem sich die Menschen in ihrem Bionadebiedermeier natürlich ökologisch korrekt zurückziehen. Nur eines vergessen sie zu sein: Mensch. Kinder werden optimiert, der Partner optimal erwählt, Schwäche darf man sich nicht leisten und statt Freunden hat man den Psychotherapeuten. Denn Freude sind zur Bewunderung da, nicht, um sich auszusprechen und auch mal Unangenehmes gesagt zu bekommen. Man quält sich durch Beziehungen, weil man natürlich sonst all das Materielle verlieren würde, man leidet aber wahrt das Bild. Man meint alles besser zu machen als die Eltern und ist doch so schrecklich verspießert, dass man es gar nicht merkt und jene, die damals ganz jung noch den Wandel mit anfingen sind nun vornweg.
Es ist so unerträglich und es regt mich auf. Ich gehe einkaufen und sehe um mich herum säuberliche Trennungen Mädchen – Jungen. Dazwischen gibt es nichts. Ich höre Frauen, die nicht mal in der Lage sind einen kaputten Schlauch zu wechseln, eine Waschmaschine anzuschließen, sie versuchen es nicht mal, ich sehe Männer, die mit Mitte dreißig noch immer nicht in der Lage sind, ihre Wäsche zu waschen, sich ein vernünftiges Essen zuzubereiten. Himmel, ist das die Generation der befreiten Kinder? Die, die nicht mehr gegängelt wurden, die frei ihre Kindheit leben konnten? Sind das tatsächlich jene, die ihrer Kinder Alltag bis auf die letzte Minute durchplanen, die Geringschätzung anderer vermeintlich Niederer gleich mitgegeben. „Dein Vater ist kein Anwalt/Arzt/Architekt?“ Es ist doch absurd. Alles scheint so absurd und eigentlich möchte ich nur lachen. Doch leider ist ein kein schlechter Film, es ist unsere Gesellschaft, die je mehr sie hat, noch mehr abgrenzt, noch weniger hineinlassen will, die anders sind. Die nicht mehr in der Lage ist, die Frau mit ihrem Hackenporsche und den stetig ungewaschenen Haaren, der seltsamen Kleiderzusammenstellung zu ertragen. Sie passt nicht mehr ins Bild der hochpolierten Nachbarschaft, die doch mal ihr zuhause war. Bald werden wir wieder kleine Treppenaufgänge hinten im Hof bauen, wo man sie nicht sieht, für’s Personal, damit die nicht die Vordertreppe nehmen.
Ja, ich bin pessimistisch in meinem ewigen Optimismus. An Tagen wie diesen besonders. So lange ist es nicht her, dass Gesetze geändert wurden, die Frauen das Recht über die Selbstbestimmung über ihren Körper gaben, die sie vor Gewalt in der Ehe schützten, Kindern Rechte gaben. Ich frage mich, wie lange noch? Und ich frage immer wieder: woher kommt diese Angst von jenen, die noch nie etwas zu befürchten hatten? Von jenen, den noch nie Unrecht geschah? Die Frau mit dem Hackenporsche gibt es nicht mehr, sie ist verschwunden. Sie hat vermutlich zu laut geschrien in der Nacht. Niemand hat gefragt, warum. Sie passte nicht ins Bild.
photo credit: Shades of Gray via photopin (license)

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