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Onkel Hans aus Leipzig – Zum Tag des Mauerbaus

Heute am Tag des Mauerbaus denke ich an Onkel Hans aus Leipzig. Onkel Hans war, betrachtet man es emotional Opa Hans. Ich hatte keinen anderen. Ihm verdanke ich viel von dem, was ich bin. Er würde es bestreiten.
Onkel Hans lebt schon lang nicht mehr. Der zweite Herzinfarkt war zuviel. Zehn Jahre nach dem ersten, kurz nach der Rente. Er war Maurer, Stuckateur. Harte Arbeit ein Leben lang. Wir haben nicht viel darüber gesprochen, was er da genau macht. Ich erinnere mich, dass ich am Fenster saß, auf die Scheiben im Winter hauchte, um sehen zu können, die Eisblumen zu vertreiben. Die Tage schienen ein warten auf ihn zu sein. Er kam irgendwann mit dem Rad da das Feld entlang. Das Feld mitten in der Stadt, wo heute ein Baumarkt steht, neben dem Sportplatz, auf dem er sehr jung noch in einem jüdischen Verein Fußball spielte. Man ließ ihn dort, auch, wenn er kein Jude war. Was spielte es schon für eine Rolle. Damals? All das gibt es nicht mehr, auch nicht das Haus, durch dessen Fenster ich schaute. Ich erinnere mich an seine scheinbar schon immer weißen Haare. Auch noch an die Zigaretten vor dem ersten Infarkt. Ich erinnere mich an Berge von Kreuzworträtseln. Sein Platz in der Küche, den ich am Tag einnahm. Wir stiegen zusammen aufs Völkerschlachtdenkmal, auf Bäume. Er zeigte mir, wie man Zement anmischt, damit arbeitet, wie man Schach spielt, wie man rudert, repariert, Elstern austrickst, wie man einfach unabhängig ist. Onkel Hans war alles, was sich ein Kind wünschen kann. Er war ein kluger Mann, kein Intellektueller. Er hatte die Narben des Krieges, buchstäblich im Gesicht. Eis essen mit Onkel Hans war ein Abenteuer. Er machte es trotz seiner Schwierigkeiten, um die Kindesfreude mit mir zu genießen, als er mich ein paar Stunden aus dem Krankenhaus in Berlin befreite. Wir redeten nicht über die Vergangenheit auch später nicht. Ich fragte nicht.

Er war nicht in der Partei und schien nicht an Politik interessiert. Es war kein Thema. Sie durften ja „in den Westen“, waren Rentner, die Familie drüben im Schwarzwald besuchen. Später erst, als ich nicht mehr fragen konnte, als ich nur noch an seinem Bett sitzen konnte, seine Hand halten, ihm Belanglosigkeiten erzählen ohne scheinbare Reaktion, außer einem ruhiger werdenden piependen Ton seines Herzschlages, nur noch dem Schnaufen der Maschine, die sein Atmen übernahm, zuhören konnte, erfuhr ich, dass er beim Aufstand 53 in Leipzig dabei war. Einer der ersten. Ich wusste, dass er am Ende dieses Staates in Leipzig zu den Friedensandachten ging. Einer der Ersten. Darüber sprachen wir noch, später. Als ich ihn fragte. Er sagte, dass das keine Frage gewesen sei, sondern eine Pflicht, man müsse nicht darüber nachdenken, nicht reden. Die Kirche, die erst noch leer war am Anfang, die dann voll und voller wurde. Er hat nie gefragt, ob irgendetwas gefährlich sei, ob es ihm schaden könnte, nur ob es sein muss. Es musste sein. Er war einer derer, die das Heute möglich machten. Keiner, der auf Bühnen sprach. Keiner, der Interviews gab. Er hat einfach nur immer gemacht, was „sein musste“. Sein Name taucht nirgends auf. Er hätte es vermutlich auch nie gewollt. Er hat es auch für mich gemacht. Für eine Zukunft, die ich sonst nicht gehabt hätte.

Er hat mich geprägt in so vielem. Ich vermisse ihn. Gerade an Tagen wie heute. Ich hätte noch so viele Fragen.

Danke Onkel Hans. Für so vieles.

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