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Das Fräulein Pufahl aus Treptow – oder die Moritz und Johanna Simon Stiftung

Ein nicht staatliches Kinderheim, in dem jüdische und christliche Kinder leben und das Anfang 1900, in einer Welt, in der die Fürsorge von religiösen Einrichtungen abhing oder eben in staatlicher Hand war? Gab es nicht? Doch gab es: Das Waisenhaus der Moritz und Johanna Simon Stiftung in Treptow. Eine kleine Spurensuche.
Wer waren Moritz und Johanna Simon? Mit Sicherheit ist es nicht jener Moritz, dessen Name oft auftaucht, geht es um Münz- oder Büchersammlungen. Der Begründer der Stiftung verstarb bereits 1893, seine Frau Johanna, geborene Salinger folgte 1904. Was blieb, war die Moritz und Johanna Simon Stiftung – testamentarisch festgelegt und finanziert aus dem hinterlassenen Vermögen des Paares. Nur soviel scheint belegt: Moritz war Mitglied der „Gesellschaft der Freunde“ einer jüdischen Wohltätigkeitsorganisaton, die ursprünglich als Interessenvereinigung junger jüdischer Aufklärer gegründet wurde.
Die Stiftungssatzung legte fest, dass ein Gebäude errichtet werden soll und hier junge Mädchen, von 12 bis 18 Jahren Unterkunft und Ausbildung fänden, die die elterliche Fürsorge verloren hatten, also Waisen waren. Bedingung war einzig, dass die Mädchen Berlinerinnen seien und ihre Eltern mindestens zwei Jahre in der Stadt lebten, auch sollten es Mädchen aus den „gebildeten Ständen“ sein.
Das Besondere, und mich persönlich besonders berührende, war eine weitere Festlegung in der Stiftungssatzung: die Mädchen sollen zu gleichen Teilen jüdischer und christlicher Konfession angehören. Ein Zeichen für Entwicklung der Gesellschaft, die leider nicht mehr lang anhalten sollte.

Hier in Treptow, damals noch Villenvorort Berlins, stehen noch einige der einst herrschaftlichen Gebäude, die Hoffmannstraße 11 ist auch nach seiner Sanierung kein Prunkbau. Allein der goldene Schriftzug, der heute wieder unter dem Dach glänzt, lässt fragen, was es wohl sei oder einst gewesen war und war auch Grund für mich, einmal nachzusehen. Andere Bauten des Architekten Breslauer sind besser bekannt, so u.a. die Polnische Apotheke in der Friedrichstraße.

Heute befinden sich hier – wie soll es auch anders sein – Eigentumswohnungen der gehobenen Klasse. Interessant übrigens, dass das Haus zuletzt Zuhause von unbegleiteten Flüchtlingen war. Ein kleines Zurückkehren zu seinen Ursprüngen bis es 2001 geschlossen wurde. Zuvor war es Wohnheim für Jugendliche und junge Frauen in der Ausbildung, Verwaltungsgebäude der Wehrmacht und Volkshochschulgebäude. 2012 wurde es vom Land Berlin verkauft und ist nun, was es ist: nicht mehr öffentlich und nicht mehr der Fürsorge verpflichtet. Schade eigentlich.

Persönlich würde mich hier allerdings eines interessieren, WARUM die Stiftung 1935 an die Wehrmacht verkaufen musste. Das Heim musste bereits 1921 in Folge der Wirtschaftskrise seine Arbeit einstellen. Wäre das keine Restitutionsfrage? Vermutlich gibt es keine Nachfahren. Ich bin nicht fündig geworden – abgesehen davon wissen wir inzwischen zu gut, dass es Berlin mit der Restitution oft nicht genau nahm. Spektakulär die nur durch Prozesse restituierten Grundstücke der Wertheim Nachfahren am Potsdamer und Leipziger Platz. Mir bleibt hier ein schaler Beigeschmack.

Doch zurück zur Geschichte: außer ein paar Eintragungen in Archiven findet sich nicht viel. Wer waren die Mädchen? Welche Ausbildung erhielten sie? Welches Leben erwartete sie? Nur ein Eintrag aus dem Buch „Die Wohlfahrtseinrichtungen von Groß-Berlin nebst einem Wegweiser für die praktische Ausübung der Armenpflege in Berlin“ von 1910 gibt etwas mehr Text her. 


Und wer war letztlich dieses Fräulein Helene Pufahl, 1910 Leiterin eben jenes Waisenhauses der „Moritz und Johanna Simon Stiftung“? Eigentlich wollte ich doch etwas über sie herausfinden. Ist sie dieselbe Helene Pufahl, die Walter Benjamin in seiner „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ erwähnt: 

Unter den Ansichtskarten meiner Sammlung gab es einige wenige, deren
Schriftseite mir deutlicher in der Erinnerung haftet als ihr Bild. Sie
trugen die schöne, leserliche Unterschrift: Helene Pufahl. Das war der
Name meiner Lehrerin. Das P, mit dem er anhob, war das P von Pflicht,
von Pünktlichkeit, von Primus; f hieß folgsam, fleißig, fehlerfrei, und
was das l am Ende anging, war es die Figur von lammfromm, lobenswert und
lernbegierig. So wäre diese Unterschrift, wenn sie, wie die
semitischen, aus Konsonanten allein bestanden hätte, nicht nur Sitz der
kalligraphischen Vollkommenheit gewesen, sondern die Wurzel aller
Tugenden.
(Walter Benjamin, Berliner Kindheit um Neunzehnhundert, Kapitel 2, Zwei Rätselbilder)

Ich konnte nichts über das Fräulein Pufahl herausfinden. Sehe eine Frau im strengen Kleid der Zeit vor mir. Sie ist berufstätig. Weil sie muss? Weil sie nicht geheiratet hat? Oder vielleicht auch weil sie nicht heiraten wollte? Die Phantasie malt sich viel aus. Fräulein Pufahl nun war die Leiterin dieses Heimes vor den Toren Berlins und ich werde an sie denken, gehe ich am Haus vorbei und an die Mädchen, die hier hoffentlich einen guten Beginn eines neuen Lebens haben konnten.

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