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Mein Weg aus Ägypten? Wie ich plötzlich nur noch einen Job haben musste.

Da liegt es also vor mir, das neue Leben. Mein neues Leben. Morgen soll beginnen, heute nach dem Kalender. Mein Auszug aus Ägypten, mein Ende der Qualen. Ich kann mich nicht freuen und sollte es doch. Ich werde mich auf diese Reise machen, was bleibt mir sonst. Doch irgendwie hatte ich mir das immer anders vorgestellt.

Ab morgen, 2. Mai 2016 werde ich das erste Mal in meinem Leben nur eine Arbeit haben müssen, nur eine Arbeit, die nicht in einem halben Jahr wieder auf dem Prüfstand steht, nicht in einem und auch nicht in drei. Eine Arbeit, von der ich leben könnte, nicht reich werde, aber zumindest über die Runden käme. Eine Arbeit, mit der mir auch Vermieter wieder eine Wohnung gäben. Eine Arbeit, von der sogar etwas beiseite gelegt werden könnte. Dinge, die so selbstverständlich scheinen. Es aber für so viele nicht sind. Nicht in Museen, nicht in der Kultur und nicht in dieser Stadt und nicht in diesem Land.

Ich hatte meinen ersten Job mit 13, Zeitungen, ganz klassisch. Inklusive abkassieren – ich, die ich doch Mathe…nun, lassen wir das. Die Kasse stimmte immer. Ich war zuverlässig. Irgendwann ging nur die Firma ein. Ab der zehnten Klasse arbeitete ich in einer Waschstraße. Nach der Schule noch fünf bis sieben Stunden Autos vorwaschen oder Nachpolieren, bei jedem Wetter, jeder Konstitution. Meinen ersten Computer kaufte ich davon. Während des Abis hatte ich Glück, konnte in Galerien arbeiten und sollte doch eigentlich lernen. Ich las und führte interessante Gespräche mit den Besuchern. Ich machte eine Ausbildung und fand, es sei das Grauen. Ich lernte, dass Menschen andere Menschen nicht achten würden, Freude an ihrer Zerstörung empfinden. Ich studierte, irgendwas mit Menschen, mit Wertschätzung vielleicht. Ich finanzierte mich allein, komplett. Kein Bafög. Das Amt verlangte eine Klage auf Unterhalt gegen meinen Vater. Das andere Amt genehmigte keine Prozesskostenübernahme. Ich jobbte im Museum bis spät. Genoss die Kommunikation mit den Gästen, erfuhr Wertschätzung, vielleicht das erste Mal. Ging in die USA, kam zurück. Machte vier Monate Vollzeitpraktikum in einem großen Museum – unbezahlt. Natürlich. Bekam eine Teilzeitstelle. Befristet. Bekam eine Vollzeitstelle. Befristet. Wurde versetzt. Befristet. Kündigte. Fing an anderer Stelle im Haus an. Befristet. Immer wieder befristet. Monate, Jahre. Irgendwann nach fünf Jahren, wehrte ich mich. Meine Arbeit war stets die selbe. Nur der Vertragsinhalt ein anderer. Mir wurde gesagt, es gäbe keine Verlängerung. Die Stelle existiere nicht. Ich ging. 
Jobbte in einem anderen Museum, 50-60 Stunden, um meine Wohnung zu bezahlen. Meine nicht existente Stelle wurde derweil anderweitig besetzt – mit mehreren Personen. 
Irgendwann Glück, eine Teilzeitstelle, unbefristet. Ein Wunder. Das Geld zu wenig, um damit über die Runden zu kommen, erfüllt man nicht das klassische Bild mit Partner. Weiter jobben. Sieben Tage die Woche. Ich wachte in anderen Ausstellungen, lektorierte Texte, korrigierte Hausarbeiten, machte Ausstellungen, arbeitete für einen symbolischen Preis für eine Galerie, fand nach Jahren endlich eine Stelle für mehr als dem Mindestlohn in einem Umweltunternehmen. Und während dessen im Hauptberuf? Die Stelle, die doch laut Ausschreibung zur Aufstockung vorgesehen wurde? Ich arbeitete mehr als 20 Stunden. Natürlich. Zwischendurch eine Aufstockung. Dann wieder Kürzung. Die Projektmittel waren ausgelaufen – nur die Arbeit, die war nicht weniger. Seit meiner Einstellung ist das Museum gewachsen. Inzwischen drei Mal so groß. Was für ein Glück für ein Haus. Was für ein Unglück für die Mitarbeiter, die nicht mehr werden. Nur, wenn ich nicht da war, dann konnte niemand anderes meine Arbeiten übernehmen. Der Berg wurde größer. Die Situationen sind für alle schwer zu handhaben. Man sucht, sie duckend zu verbessern. Ein System, das sich mir nicht erschließt. Ich wurde mit den Jahren zur Expertin für Arbeitsrecht. Eine Klage hatte ich schon erfolgreich hinter mir. Ich war nicht die erste und werde nicht die letzte sein. Ich wurde im letzten Jahr Mitglied einer Gewerkschaft, um mich besser wehren zu können. Die Fachleute, die die Situation kennen, schüttelten ihre weisen Häupter. Ich habe mehr als ein Mal an Kündigung gedacht, um mich selbst nicht zu verlieren. Um mich nicht kaputt zu machen, mich nicht kaputt machen zu lassen. Wenn sich alle ducken, wird sich nie etwas ändern. 
Dann eines Montags eine Email der Verwaltung: ich habe ab Freitag Vollzeit zu arbeiten. Wurde ich gefragt? Nein. Dass ich andere Arbeitgeber habe, ist bekannt. Meine Antwort, dass das schlechterdingt nicht ginge, da ich noch mehrere andere Verpflichtungen habe und diese samt Kündigungsfristen zunächst zu regeln habe, wurde seltsam aufgenommen. Hier liegt vielleicht das Grundproblem: fehlende Empathie, fehlendes Vorstellungsvermögen. Nein, wir Teilzeitler, Freien, Minijobber sitzen nicht da und drehen Däumchen, sobald wir ein Haus verlassen. Wir müssen weiter, müssen arbeiten, um unser Brot zu verdienen. Müssen von Haus zu Haus hetzten haben lange zweistellige Tage, keine Wochenenden, wenig Urlaub immer Stress und meistens wissen wir nicht, wie der nächste Monat laufen wird, ob das Geld reicht, ob es den Job dann noch geben wird. Diese Welt scheint scheint so fern von von hohen Gehaltsklassen zu sein, deren Hauptproblem ist, wie die Fliesen in der neuen Eigentumswohnung sind. Sie verschwenden keinen Gedanken daran. Dankbar aber soll man sein, ja dankbar. Wofür?
Kann ich mich freuen über dieses neue Leben? Nein. Ich kann es nicht mehr. Ich bin ausgelaugt. Ich weiß, dass ich zwar den Ort noch immer mag, dass er unglaubliches Potential hätte, dass der Weiterentwicklung aber allein schon durch die bestimmte Strukturen immer höhere Mauern gebaut werden. Perspektivisch, wird genau dieser Punkt noch gravierender werden. Man sieht es schon zur Genüge in anderen Institutionen. Ich bin zu idealistisch, das weiß ich. Doch ohne Idealismus, ohne Ideen und Willen zur Änderung, wird sich nichts ändern – und mit Angst, mit Angst schon gar nicht. 
Daher gehe ich also meinen Weg aus Ägypten. Ich werde sehen, wohin er mich führt. Das Land von Milch und Honig wohl eher nicht. Aber es wird eine Reise sein, deren Weg ich entscheiden kann. Ich folge niemandem. Es ist mein Weg und ich habe keine Angst. Ich bin froh und dankbar, das von zuhause mitbekommen zu haben. Ein seltenes Geschenk, wie mir immer deutlicher wird.

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