Zum Inhalt springen

Kein Abschied

Das war er nun, der Tag, an dem wir Dich zu Grabe getragen haben, der Tag, an dem alles vorbei sein sollte. Es war ein schöner Tag, ein Fest, Dir zu Ehren. Ein Tag an dem Du, wie alle Tage so sehr fehltest.

Vor sechs Monaten in etwa kam die Diagnose, vor drei das finale Ergebnis. Wir wussten, dass Du vor uns allen gehen wirst. Wir nahmen Abschied, so oft, dass wir keinen Abschied nahmen. Wir sehen uns wieder, so bald. Und immer, Du fehlst. 
Heute, mit all den vielen Menschen, denen Du so wichtig warst, Du, die uns alle verbindest…ich weiß, es hat Dir gefallen. Vielleicht war ich eine jener, die dich am kürzesten kannten. Ich hörte wie immer die wunderbaren, so großartigen Geschichten vom Vor-Wende-Kreuzberg, die 80er Jahre, die Verrücktheiten, die Ihr erlebtet, die Freundschaften, die damals begonnen, bis heute Bestand haben. Sie kamen, sie waren da – nicht nur heute. Danke Euch allen, für diese Geschichten, diese Erinnerungen.
Ich gehörte nicht zu diesem Kreis, ich die Freundin, Deines besten Freundes, Deiner ersten Liebe. 
Das erste Mal, als Dein Name fiel, war, als mir eröffnet wurde, dass Du erst Dein Urteil zu mir abgeben müsstest. Ich hatte Ehrfurcht, auch etwas Beklemmung, wusste nicht, was mich erwartet. Wusste, dass Du eine der wenigen Menschen warst, auf die er hörte. 
Wir trafen uns das erste Mal. Wir mochten uns von der ersten Sekunde – obgleich wir so anders waren. Aber wir waren auch eins, ein in der Zuneigung zu diesem einen Menschen. Ich bewunderte Dich für deine Impulsivität. Du mich, für meine Ausgeglichenheit. Es gibt sehr wenige Menschen in meinem Leben, mit denen ich so vom ersten Moment funktionierte. Oft wurde ich gefragt, warum ich nicht eifersüchtig sei, auf Eure Freundschaft, auf Eure Liebe. Doch die, die bezog mich mit ein. Ich wusste in Dir eine Freundin, eine Verbündete, eine Gefährtin, ohne Kompromisse. Ich weiß sie noch immer in Dir, wo immer Du auch bist.
Wir sind einsam ohne Dich, wir alle. die letzten Monate, Wochen Deines Lebens, ich wünschte mir so oft, dass Du weniger hättest selbst trösten müssen. Ich wünschte mir, dass man akzeptiert hätte, als Du sagtest, Du wolltest niemanden mehr sehen. Und doch hast Du sie empfangen, dein Herz so groß – trotz allem.
Ich kannte Dich nur wenige Jahre. Ich kannte die Geschichten von Dir, wenn Ihr Euch erinnerten. Die Zeiten, als Du nach Berlin kamst, die hochgeschleppte Kohle, Deine Bilder davon…Die kalten Winter, ohne Geld für Kohle, zusammengestohlenes Holz, Reisen, und immer wieder Deine klugen Analysen, deine ehrliches Worte, die nie verletzend waren und Deine Kunst, die mir zeigte, dass man auch heute noch mehr sagen kann, als nur „Kauf mich“. Du warst mutig. Als Du in der Türkei warst, warnten wir Dich, vorsichtig zu sein, wenn Du dort über den Genozit der Armenier arbeitest. Du wischtest alles zur Seite – und Du hattest Recht. Danke auch dafür. 
Ich lernte viel von Dir. Nicht nur über R.. Deine Integrität, Deine Zuwendung, Deine Liebe und vor allem Deine Energie. Wenn ich schluckte, spucktest Du aus. Wahrscheinlich wählen wir beide nicht den richtigen Weg – zusammen aber sind wir der Mittelweg. Ich werde ihn suchen und versuchen zu gehen.
Nein, ich war keine lange Freundin, ich hoffe aber, ich war es, ein wenig. Du weist, Du kannst Dich auf mich verlassen, auf jeden von uns. Und wir sehen uns bald wieder, Du machst da schon mal klar Schiff. Du bist nicht weg, Du bist bei uns in uns um uns und schick ab und an mal Dein wunderbares Jöööööö! herunter. 
Bis bald, Maja, wir sehen uns.

Weil es zusammengehört, sei hier noch die Rede des besten Freundes veröffentlicht.

Maja ist weggeflogen – Trauerrede für meine beste Freundin

„Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: Lebe wild und gefährlich“.

Das stand auf der ersten Postkarte, die ich von Maja bekommen habe.

„Oh Ralfi, danke Dir so sehr für diese schöne SMS. Ja ich möchte auf dem Rücken einer Libelle dahin weg fliegen“

Das war der Inhalt der letzten Nachricht, die mir Maja gesandt hat
Dazwischen liegen 32 Jahre. 32 Jahre voller Liebe.

Wir haben immer wieder in einem Endlosloop eine Platte von Lou Reed
gehört, sind in der Aare geschwommen, haben Ausstellungen vorbereitet,
uns so gestritten, dass wir ganz Basel geweckt haben, bei den Eltern in
Bern auf der Terrasse gesessen, ohne einen Pfennig nachts mit einer
Flasche Berendsen Apfel an der Autobahn in Osnabrück gestanden, mit
Freunden nächtelang durchgetanzt, zusammen die Einkäufe für große Essen
geschleppt, Florenz, Arezzo und Amsterdam besichtigt, in der Wüste
vergeblich auf einen Bus gewartet, fast täglich telefoniert. Bruder und
Schwester, Freunde.

Maja war cool

Als ich einige
Monate in Spanien gelebt und ich mich eine zeitlang sehr einsam gefühlt
habe, hat sie zu mir gesagt: Cowboys sind immer allein.

Als ich
sie in der Zeit, in der ich praktisch noch ein Hippy war gefragt habe,
ob sie mit mir zelten kommt, meinte sie: Du kannst schlafen wo du
willst, ich schlafe im Hotel.“ Das Problem wurde dann dadurch gelöst, dass
wir uns auf ein Zelt geeinigt haben, das fast so groß war wie diese
Dinger, mit denen Gaddafie immer in der Wüste gezeltet hat. Maja hatte
darin ihr eigenes Ankleidezimmer.

Als ich einmal ehrfürchtig von
einem Kunden gekommen bin und ihr erzählt habe, das dort alles mit
Bildern von Beuys und Ücker voll hängt, meinte sie nur: „Wer weiß, was
davon überhaupt bezahlt ist.“

Maja war neugierig, Maja war großzügig, Maja hat sich immer für andere eingesetzt
Sie hat einem nie nur deshalb Recht gegeben, weil man mit ihr befreundet war.

An dieser letzten, anfänglich zitierten Nachricht von ihr hing aber noch ein weiterer Satz: „Alex ist um 17.00 in der Knaackstrasse“. Alex ist ihr Galerist.
Maja hat ein Leben für die Kunst gelebt. Die Kunst war ihr zu Hause,
ihr Bett, ihre Höhle, ihre Hölle, ihr Garten, ihr Himmel. Von ersten
Zeichnungen über ihre Braunkohlebilder und den frühen
Rauminstallationen, der Auseinandersetzung mit Wittgenstein hin zur
Beschäftigung mit Flüchtlingen, der indischen Stadt Chandigard und zum
Schluss der ihrer Arbeit über die armenische Teppichkunst und
Vertreibung der Armenier, Maja war Ihrer Zeit voraus. Themen, die nicht
beachtet und erst Jahre später von Anderen aufgegriffen wurden hat sie
mit großer Einfühlsamkeit und Mut angefasst. Maja gehörte zu den
Menschen, die mehr wussten und mehr wissen wollten.

Die
Kritikerin Doris Agotai sagt dazu, dass: „Majas Bilder den Betrachter in
eine geheime Stimmungswelt entführen, die von Zweideutigkeit und
Vergänglichkeit geprägt ist“. „In den Renderings von Maja
Weyermann sind wir mit einem Erwachen von Berechnung und Kontrolle, doch
gleichzeitig mit einer wiederholten Verzauberung des Sehens
konfrontiert“. So schreibt der Kritiker Hans Rudollf Reust über ihre
Arbeit. Sie hat, um es noch einmal mit seinen Worten zu sagen, „unser
Verhältnis zu den Sichtweisen von Welt grundlegend in Frage gestellt“.

Die Nachricht, dass Maja weggeflogen ist, hat mich nicht in Berlin
erreicht. Ich hatte Angst, in die Stadt zurückzukehren. Als ich dann in
unserer Wohnung ein Bild von Ihr gesehen habe, war es ein großes Glück.
Wer Maja sucht, kann sie in Ihren Bildern finden.

Lieber Sven,
liebe Nelli, lieber Max, liebe Barbara, lieber Danny, liebe Freundinnen
und Freundinnen, Maja ist da. Ich werde nicht von Maja Abschied nehmen. Ich habe mich im Krankenhaus nicht verabschiedet. Wir haben gesagt,
dass wir nur kurz Tschüss sagen, so als wenn man einen Wochenendausflug
unternimmt. Maja ist da. Sie ist in den Wolken, in den Gräsern, auf der
Schönhauser Allee, in Bern. Sie ist in uns, überall. Aber vor allem ist
sie in unserem Denken, dem sie neue Gedanken hinzugefügt hat.

So, wie wir sie als Lebewesen kennen, wird Sie nicht mehr sein. Es ist für mich ein unendlicher Schmerz, den ich nicht ertrage. Ich
würde alles dafür geben, noch einmal mit ihr an einem Tisch zu sitzen,
mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren, auf einer Wiese mit ihr zu
picknicken, mit ihr den Tag zu besprechen, morgens eine SMS von ihr zu
bekommen, diese unendlich schöne Frau anzuschauen, ihre Stimme zu hören,
ihre wunderbar schönen Augen, ihren Mund und ihr Lachen zu sehen, sie
noch einmal zu umarmen. Sie fehlt mir unendlich.

Als mir Maja gesagt hat, dass sie krank ist, bin ich zu Stein erstarrt. Ich saß in einer Welt, in der alle Blumen verwelkt waren, in der es
kein Wasser mehr gab, die Menschen nicht mehr sprechen, die Musiker
nicht mehr musizieren, die Vögel nicht mehr singen, Kinder nicht mehr
spielen. Und doch war mein nächster Gedanke: Was waren die Jahre, seit dem ich Sie kenne, doch für eine wundervolle Zeit. Sie uns allen soviel Glück gebracht.

Maja und ich haben so eine schöne Beziehung, dass nichts dieser Liebe und dieser Freundschaft etwas anhaben kann.

Es gibt zwei Bücher, die als Epen des armenischen Volkes bezeichnet
werden. „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ und „Das Buch des Flüsterns“.
In diesem habe ich an einer Stelle die Beschreibung einer Trauerfeier
gefunden, die Maja sicherlich gefallen hätte: 
„Als Frau Maria,
die Nachbarin von vis-avis, sich einen Fernseher kaufte, war dies in
unserer Strasse ein großes Ereignis. Sein Bildschirm war so groß wie ein
Teller. An warmen Abenden stellte Frau Maria ihn in den Hof, und alle
kamen mit ihrem Stuhl von zuhause. Ich schlief auf meinem Stuhl bald
ein, aber ich empfand den stolz der Erwachsenen. Was ich zur Gänze und
ohne dabei einzuschlafen sehen konnte, waren die Begräbnisse, den die
wurden mittags übertragen. Das von Leontin Salajan, dem Armeeminister,
und das von Gheorghe Gheorghiu-Dej. Stundenlang verfolgte die Vorstadt
den Trauerzug, doch eher neugierig denn schmerzerfüllt, man trank
Schnaps und kommentierte das Geschehen wie beim Fußball. Solche
Beerdigungen gab es nach dem Geschmack meines Grossvaters Garabet und
vor allem seines Cousins Sahag Seitanian zu selten“.

Dankbar bin
ich allen Freundinnen und Freunden von Maja, ihrer Familie, Ira und vor
allem Sven, der sie 20 Jahre lang beschützt hat.
Ich habe Maja
von einem Balkon auf einer griechischen Insel aus verfolgt. Sie war in
den Wolken. Sie ist – in einem weißen Kleidchen durch den Himmel
gesaust, von einem Flirren umgeben. Sie hat Saltos und Drehungen
vollführt. Sie hat neugierig ihr neues Leben erkundet. Maja ist nicht
weg. Maja ist da. Hier unten und dort oben.

 

 

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

13 − 8 =