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Über „richtige und falsche Juden“ – oder wie so mancher denkt

Seit mehr als einem Tag geistern Gedanken in mir herum, Wutgedanken. Sie gehen nicht weg und so habe ich mich nun doch entschlossen, ein paar Zeilen zu schreiben darüber, was mich wütend macht.
Wütend macht mich, was den Anfang nahm mit der Schlagzeile, dass einem Student die Ordination zum Rabbiner verweigert würde, weil er den Vorsitzenden des Zentralrats kritisiert habe. Chajm hat dankenswerterweise ein paar Hintergründe notiert

Soweit so gut, dachte ich. Eine Schlagzeile, die schnell vergessen sein wird. Doch inzwischen entwickelt es sich innerjüdisch zu einer Debatte, die den Namen nicht verträgt und in der es nicht mehr um die Fakten geht, sondern schlicht und einfach darum, auf jemandem noch mehr einzutreten. Und es geht darum, sich höher zu stellen als andere. Es geht darum, Integritäten anzuzweifeln. Es geht darum, sich selbst besser zu machen als den anderen. Und das, das regt mich auf. Fürchterlich. Da werden jüdische Gesetze herangezogen und in den Raum geworfen, wohlweislich aber jene, die die üble Nachrede (Lashon Hara) verbieten, nicht zitierend. Da wird unterstellt, dass da jemand Rabbiner werden wolle, nicht beschnitten sei, der, man stelle sich vor, nicht mal als Jude geboren wurde (Es gibt keinen Übertritt ohne Beschneidung). So jemand könne so ein Amt nicht ausüben. Man muss ja nur schauen, dass er sich um jüdisch-muslimischen Dialog bemüht, da weiß man ja schon….so geht es in einem fort.
Ich möchte dazu folgendes sagen: Wenn man sich so sehr auf Gesetze beruft, möge man auch beachten, dass der, der freiwillig Jude wird, höher zu achten sei als jener, der als solcher geboren wurde. Überzutreten ist ein sehr schwieriger und langer Prozess, es ist eine Entscheidung bei vollem Bewusstsein und eine Entscheidung für alle Nachkommen, die jemals kommen werden. Es ist oft eine Entscheidung, die einem von seinem Freundeskreis, von seiner Familie trennt. Niemand macht das so leicht hin und ehrlich, was bitte gewinnt man damit?
Ich beobachte seit einiger Zeit vermehrt, dass in innerjüdischen Kreisen gern nachgefragt wird, ob man diesem oder jenem nicht die „Jüdischkeit“ wieder entziehen könne. Ich wundere mich darüber, wir lange Rabbiner solche Diskussionen in öffentlichen Foren zulassen. Gijur ist Gijur PUNKT. Wir sind kein elitärer Club, auch, wenn manche es sich so wünschten. Und zum Glück sind wir es nicht. Ich würde mich sehr unwohl fühlen. Es gibt natürlich auch Idioten unter uns und nicht zu wenige. Seltsamerweise wird da nie gefragt, ob man sie wieder raus werfen könne. Und seltsamerweise wird nur bei Rabbinern, die nicht jüdisch geboren waren, ihre Kompetenz hinterfragt. Fragwürdige Ordinationen zum Rabbiner geborener Juden aber werden problemlos anerkannt. Ich wundere mich.
Schon immer gab es Konvertiten, muss man denn erst von Ruth erzählen? Nicht immer war es so schwer, wie heute. Es gibt Gründe dafür, warum es so ist. Die Gründe sind nicht, dass wir unter uns bleiben wollen und sollen.
Ich rege mich auf, ja. Denn für mich zählt allein der Mensch. Es ist mir egal, ob er aus freien Stücken Jude wurde, es ist mir egal, aus welchem Land man kam und ob die Papiere, die halfen auszuwandern, gefälscht waren, es ist mir auch egal, in welchem Teil einer Stadt man geboren wurde, ob man jüdisch aufwachsen konnte, ob man Aschkenas oder Sephard ist. Und es ist mir sowas von egal, welcher Religion ein Rabbiner war, als er geboren wurde. Es geht um sein Wissen, um seine Ausbildung. Mag ich ihn nicht, komme ich nicht mit ihm klar, suche ich mir einen anderen. Wir haben genügend ausgebildete Rabbiner. Und persönlich interessiert mich auch die Beschaffenheit eines männlichen Rabbinergeschlechtsteils herzlich wenig.

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