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Buchbetrachtung: Nach Hause gehen – Eine Heimatsuche von Jörn Klare

Als Jörn im vergangenen Jahr irgendwann erwähnte, dass er plane von hier, Berlin, nach Hause irgendwo nach Westdeutschland zu laufen, weiß ich nicht mehr genau, was ich dachte. Bewunderung war dabei. Gedanken an einen eigenen Weg, den er finden würde. Ein Weg der nicht abgetreten von tausenden Pilgerfüßen sein wird. Ein Weg vielleicht, auf dem er sich suchen und finden könne, vor allem aber eine Entdeckung des Landes und seiner Menschen sein würde. Er würde auf seinem Weg Gespräche führen. Etwas, was ich auf meinen Reisen nicht mache, ich bin eine Beobachterin, keine Fragerin. Und doch bewundere ich es, die Gespräche über dem Gartenzaun, in der Kneipe, am Feld.

Irgendwann jetzt, ich hatte es schon wieder vergessen, lag das Buch da: „Nach Hause gehen – eine Heimatsuche“ Ich las es an einem Tag. Ging mit ihm den Weg, den er im Wechsel beschreibt: den Aufbruch und die Ankunft. Ich ging mit ihm bei uns aus dem Haus, entlang unserer Straßen und stellte fest, dass wir unsere Nachbarschaft doch sehr ähnlich sehen und die selben Dinge vermissen, die hier nach und nach verschwinden. Wir wohnen im selben Haus, auf verschiedenen Etagen, sehen uns selten.
Es gibt Dinge, die uns unterscheiden und irgendwie auch nicht. Ich bin Berlinerin. Nicht zugewandert, hier geboren aufgewachsen, weggegangen, wiedergekommen. Und doch: ist das hier meine Heimat? Ist das mein zuhause? Ich zweifle täglich mehr. Es scheint, als schwindet meine Heimat mit jedem Tag mehr – ohne, dass ich je weg gewesen sei. Und ich kann nirgends hinwandern, in der Hoffnung, etwas zu finden.
Das Buch, so idyllisch der Umschlag erscheint, ist kein Pilgerbuch, keine Expedition mit Esel oder Postrad. Es ist vielleicht am ehesten eine Bestandsaufnahme eines Landes. Vielleicht ist es das, was mich am meisten berührte. Es sucht nicht schön zu reden. Es sucht zu verstehen. Ein Mann auf Entdeckungsreise einer Mentalität, die abschreckend aber auch irgendwie verstehbar daherkommt, der Bruch nach der Brockenüberwindung und die Feststellung, dass zwar einiges polierter sein mag…aber wirklich anders? Die Wanderung hat mir auch viel erklärt und beantwortet. Dinge, die mir Unbehagen bereiteten in manchen Gegenden, Dinge, die mich wohl fühlen lassen. Unbewusste Wahrnehmungen. Ein Land zwischen verletztem Misstrauen und satter Überheblichkeit.
Es gibt viel, was ich gern fragen würde, vielleicht auch irgendwann werde: Hast Du in Bad Arolsen auch an den Internationalen Suchdienst gedacht, der doch so sehr im Widerspruch zu dem alten Mann steht, den Du dort trafst? Hast Du in Seesen auch erfahren, dass es eine größere Geschichte als „nur den Friedhof“ gab. Das Seesen, quasi das Herz des Reformjudentums war? Das hier alles begann, worüber wir uns heute noch streiten? Und gibt es eigentlich noch jemanden, der die ausgegrabene Mikwe wieder nutzen würde oder es mal getan hat? Ich möchte mit ihm reden über seine Wanderung. Mehr erfahren von den Begegnungen, von denen er hier einige aufschrieb. Jörn ist vielleicht ein wenig einen Weg gegangen, den ich gern gehen würde. Ich bin dankbar dafür, das er ihn ging den Weg. Die Gespräche führte und nicht schönte, auch über Abscheu und Widerwillen spricht.
Die Wanderung sollte Antwort bringen auf die Frage Heimat, Zuhause. Eine Frage, die sich viele nicht stellen, mit abgedroschenen Phrasen beantworten.
Es ist ein nachdenkliches Buch, ein melancholisches Buch und trotz einer Ankunft macht es auch den Eindruck eines Abschieds, eines Abschlusses und vielleicht eines Anfangs.
Danke, Jörn, für Deine Wanderung und Deine Suche. Irgendwann sprechen wir vielleicht ein mal darüber.
Und vielleicht hat Murat doch am ehesten Recht:

Heimat ist ein Schicksal, dem man nicht entkommen kann.

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