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Sie ging an Purim

Seit Tagen schon hatte er im Krankenzimmer geschlafen, endlich geschlafen. Die Wochen vorher waren ein Auf und Ab, ein: alles wird gut und Notarzt. Niemand weiß, was sie hat. Die Kinder sollte er anrufen, damit sie da seien, die Ärzte wussten noch immer nicht, was sie hat, warum es ihr so schlecht ging. Ein Leben rauschte vorbei.

Sie war seine erste Freundin, das war jetzt über dreißig Jahre her. Dazwischen lagen drei Kinder, eine Karriere, ein Leben. Sie fing vor ein paar Jahren noch ein Studium an, wurde Lehrerin, jetzt, da die Kinder aus dem Haus waren. Sie liebte Menschen, Aufregung, Tanzen, Singen. Sie war Leben. Nein, es war nicht immer leicht – auch nicht mit ihm. Aber sie blieb, er blieb. Man war ein Team. Jetzt nun die Tage dort im Krankenhaus, ihre Verzweiflung, die sich im künstlichen Koma nur vertreiben ließ. Und weiter wusste niemand, was sie hat. Die Ergebnisse sollten aus der Uni kommen, sie kamen nicht – niemand wusste warum. Die Ungewissheit hing weiter im Raum, die Wut, die Hilflosigkeit – und die Hoffnung. 

Es war Purim. Ich weiß nicht, ob sie es wusste. Vielleicht hat er es ihr erzählt. Purim, das Fest, an dem Du fröhlich sein sollst, alle Trauer begraben – nur für diesen einen Tag. Sie wählte Purim, um zu gehen. Vielleicht, damit er immer fröhlich sein würde, an diesem Tag, ihrem Todestag. Damit er ihr Wesen, ihre Fröhlichkeit, ihre Lebensfreude weiter trägt, daran erinnert wird, als ob er es musste. Sie sorgte sich, ich bin mir sicher, sorgte sich um ihn, um seine schwarzen Wolken, die nun noch schwärzer werden würden. Nun ging sie an Purim. Yahrzeit an einem Tag, an dem man nicht trauern soll. Es ist ein guter Tag – für Lilly. Sie sorgt sich weiter um ihn. 
Und ich? Die Nachricht kam plötzlich, irgendwie. Die Hoffnung, die war da. Die Hoffnung auf Ergebnisse, Lösungen und nun? Der Tag gestern war in einer Wolke. Dann dachte ich an Purim und an Liesbeth und wusste, das passt. Dass das hier doch einen Grund haben wird, so wie alles doch irgendwie immer einen Grund haben muss, damit wir die unverständlichen Sachen verstehen. Zurück bleiben, die Menschen, die nicht verstehen. Die Ergebnisse sind noch immer nicht da. Es bleibt ein Warum? Vielleicht werden sie kommen, vielleicht im Nachhinein herausfinden, was sie hatte, um wenigenstens Anworten geben zu können, die Ungewissheit vertreiben. Vielleicht, wir werden sehen. Es bleibt ein Mann und seine Kinder. 

Und heute morgen ein Anruf einer Freundin: noch zwei bis drei Wochen. Man hat ein Bett in ihr Zimmer geschoben, so dass ihr Mann dort schlafen kann.

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